Wahl in Holland: Warum Wilders so viele Anhänger hat

Wahl in Holland: Warum Wilders so viele Anhänger hat

, aktualisiert 15. März 2017, 12:49 Uhr
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Viele PVV-Fans sind seit langem fest entschlossen, Geert Wilders ihre Stimme zu geben.

von Elisabeth AtzlerQuelle:Handelsblatt Online

Rechtspopulist Geert Wilders ist in Umfragen zurückgefallen. Dennoch ist es gut möglich, dass seine PVV heute die meisten Stimmen holt. Für viele Niederländer geht es um ihre Identität – und da trifft Wilders einen Nerv.

FrankfurtLange Zeit sah es so aus, als ob die rechtspopulistische PVV von Geert Wilders die stärkste Partei im niederländischen Parlament wird. Zuletzt fiel sie in den Umfragen etwas zurück. 14 Prozent dürfte sich laut dem „Peilingwijzer“, der mehrere Umfragen zusammenfasst, holen und damit etwas weniger als die rechtsliberale VVD von Premier Mark Rutte. Allerdings waren bis kurz vor der Abstimmung viele Wahlberechtige  unentschlossen, für wen sie votieren wollen. Die Zahl der Wechselwähler ist ohnehin seit Jahren hoch.

Viele PVV-Fans dagegen sind seit langem fest entschlossen, Wilders ihre Stimme zu geben. Sie sind oftmals unzufrieden mit der Situation in den Niederlanden und stellen Einwanderung sowie die Rolle des Islams in Frage – das seien, grob gesagt, ihre wichtigsten Themen, sagt der Politologe Koen Vossen.

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Genau das entspricht im Grunde Wilders‘ einzigem Programmpunkt: Der Islam gehört nicht zu den Niederlanden, es dürften keine weiteren Einwanderer in das Land. „Die Niederlande müssen wieder uns gehören“, lautet seine Parole. Das Land soll deshalb auch aus der EU austreten.

Vossen hat 2013 ein Buch über Wilders geschrieben und darin auch dessen Wähler genau analysiert. „Grundsätzlich ist das Bild, das die PVV-Wähler abgeben, ziemlich durchschnittlich.“ Geht es um das Einkommen, befinde sich die Wählergruppe ziemlich in der Mitte der Gesellschaft. „Aber die PVV-Wähler sind etwas geringer qualifiziert als der Durchschnitt und auch etwas pessimistischer eingestellt“, beobachtet Vossen.

Bert Bakker, Politikprofessor an der Universität von Amsterdam, stimmt Vossen zu: „Es gibt mehrere Gründe dafür, warum Wähler für die PVV stimmen.“ Stark verbreitet seien eine Haltung gegen den Islam und gegen Europa, erklärt Bakker. „Dabei zeigen sich Wähler, die gegen den Islam eingestellt sind, sich oft auch anti-europäisch. Dazu kommt eine Haltung gegen die Eliten – zu denen auch die Politiker gezählt werden.“ Es sei eine relativ große Gruppe, die darauf anspringe, so Bakker. Es gehe aber insgesamt mehr um ein Gefühl.

Bei diesem Gefühl spielt die Frage der Identität eine große Rolle. Die Niederlande gelten schließlich als besonders tolerantes und offenes Land. Toleranz sei noch immer prägend für das Selbstbild der meisten Niederländer, sagt Vossen. „Und viele meinen, dass man ab und zu intolerant sein muss, gerade um die Toleranz im Land zu schützen - bis hin zu der Vorstellung, dass der Islam die niederländische Kultur verdirbt.“

Allerdings dürfte die soziale und ökonomische Situation doch eine gewisse Rolle spielen. Die PVV gilt als besonders beliebt in Regionen, die sich wirtschaftlich abgehängt fühlen.  Etwa im Süden, in Limburg zum Beispiel, wo die PVV bei den letzten Wahlen bis zu 19 Prozent der Stimmen holte - dort schrumpft und altert die Bevölkerung besonders schnell, wie das Analysehaus Bureau Louter ermittelte. In der Gemeinde Kerkrade im Süden Limburgs etwa kam die PVV auf 26 Prozent.


So viele Parteien wie noch nie liegen dicht beieinander

Landesweit erreichte die PVV bei den Wahlen zur Zweiten Kammer im Jahr 2012 rund zehn Prozent der Stimmen, 2010 waren es noch rund 15 Prozent. Das neue in diesem Jahr: Schon 15 Prozent könnten reichen, um die stärkste Fraktion im Parlament zu werden. Laut Umfragen liegen so viele Parteien wie noch nie sehr dicht beieinander. Sechs Parteien dürften demnach zwischen zehn und 17 Prozent erreichen.

Zwar wächst die niederländische Wirtschaft, 2016 um gut zwei Prozent, doch nie wieder stand sie so gut da wie kurz vor der Jahrtausendwende. Das Platzen der Internetblase 2000 traf das Land heftig: Die Immobilienpreise brachen ein, was viele Hausbesitzer, die ausschließlich auf Pump gekauft hatten, in Nöte brachte. Von der wirtschaftlichen Erholung profitierten längst nicht alle: Gut jeder dritte Werktätige arbeitet als Solo-Selbstständiger oder hat einen "flexiblen" Vertrag, ist also befristet angestellt, hat unregelmäßige Arbeitszeiten oder springt für andere ein.

Diesen Trend hat die amtierende Regierung aus VVD und Sozialdemokraten nicht gestoppt, nun könnten die Wähler sie abstrafen. Denn die VVD dürfte deutlich Stimmen verlieren, die Sozialdemokraten sogar abstürzen – um etwa zwei Drittel auf sieben Prozent, so die letzten Umfragen.

Auch Wilders schwenkt durchaus mehr auf Wähler um, denen es nicht so gut geht. Während er vor einigen Jahren noch selbst von „Henk und Ingrid“ als den Durchschnittsholländern sprach, die er erreiche wolle, ist von diesem Paar schon länger nicht mehr die Rede. Henk und Ingrid bezögen, so Wilders damals, ein durchschnittliches Einkommen, würden in einem eigenen Haus wohnen und regelmäßig in den Urlaub fahren. Das kann sich heute nicht jeder leisten.

Auch im PVV-Wahlprogramm, das auf eine DIN-A4-Seite passt, geht Wilders auf die Abstiegssorgen der Holländer ein. Dort steht kurz: Mieten runter. Wie das funktionieren soll, darüber schweigt die PVV sich aus. Sehr knapp äußert sich die Partei auch zu anderen sozialpolitischen Punkten: geringere Einkommenssteuer und keinen Eigenanteil mehr bei der Krankenversicherung, der derzeit bei knapp 400 Euro pro Jahr liegt.

Den PVV-Wählern scheint es egal zu sein. Viele stimmen auch für Wilders, um ihre Unzufriedenheit zu zeigen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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