Wahlkampf in Frankreich: Die De-Gaulle-Renaissance

Wahlkampf in Frankreich: Die De-Gaulle-Renaissance

, aktualisiert 03. Mai 2017, 19:13 Uhr
von Thomas HankeQuelle:Handelsblatt Online

Alle wollen Enkel sein: Von ganz rechts bis ganz links stellen sich französische Politiker als Nachfolger des Kriegshelden Charles de Gaulle dar. Das zeigt vor allem, wie unglücklich die Franzosen in der Gegenwart sind.

Paris1969 wurde er mit Schimpf und Schande vom Hof gejagt, nun wollen plötzlich alle seine politischen Erben sein: Charles de Gaulle erlebt in Frankreich eine erstaunliche Renaissance. Während des Wahlkampfs zur Präsidentschaft gab es praktisch keinen Kandidaten, der sich nicht selber in die Nachfolge des Generals stellte, ihn ausführlich zitierte oder seine Politik für sich in Anspruch nahm.

Bei der rechtsextremen Kandidatin Marine Le Pen klang das so: „Wie de Gaulle werde auch ich Frankreich retten und seine Souveränität bewahren.“ Ihr härtester Gegner, Wahlfavorit Emmanuel Macron, dagegen hob hervor, wie der General sei auch er „sowohl links als auch rechts“, interessiere sich nicht für diesen parteipolitischen Gegensatz, sondern nur für das, was Frankreich voranbringe.

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Die Konservativen mit ihrem im ersten Wahlgang ausgeschiedenen Kandidaten François Fillon nehmen ohnehin für sich in Anspruch, die Enkel und Urenkel des Kriegshelden zu sein. Und sogar der rechtslastige Umfaller Nicolas Dupont-Aignan, der sich mit Haut und Haaren an Le Pen verkauft hat, behauptet bei jedem Auftritt, er sei Gaullist vom Scheitel bis zur Sohle.

Was erklärt die plötzliche Begeisterung für eine historische Figur, die Frankreich nach den Mai-Unruhen 1968 kurzzeitig verlassen musste, bei Baden-Baden untertauchte und 1969 abtreten musste, weil er nicht mehr in die Zeit passte? Um ihn war es in den vergangenen Jahren sehr, sehr still geworden.

Die Rückbesinnung auf die Vergangenheit zeigt vor allem, wie unglücklich die Franzosen in der Gegenwart sind. Wer sich im Hier und Jetzt nicht gut aufgehoben fühlt, den Eindruck hat, das Land versage angesichts der nationalen und internationalen Herausforderungen, der sucht Gewissheiten im Gestern. Es kommt hinzu, dass Frankreich eine politisch zutiefst gespaltene Gesellschaft ist. Über entscheidende Fragen gibt es keinen Konsens. Das gilt für aktuelle Aufgaben wie den Umgang mit Europa und der Globalisierung, aber auch für Themen der Vergangenheit, wie den Algerienkrieg, die Bilanz der französischen Kolonialisierung in Afrika, Nordafrika und Asien oder das Verhältnis zu Russland und den USA.

Der positive Bezug auf den General ist eine der wenigen Gemeinsamkeiten, die fast alle Franzosen heute verbindet. Allerdings lediglich auf höchst plakative Weise, wie man schnell entdeckt, wenn man sich etwas mit dem Thema beschäftigt.

Der Front National etwa kann sich nicht ernsthaft in eine Linie mit Charles de Gaulle stellen. „Das beschmutzt die Erinnerung an meinen Großvater, erniedrigt sein Erbe“, erregte sich am Mittwoch Yves de Gaulle, Enkel des Gründers der Fünften Republik. Leute wie Le Pen und Dupont-Aignan oder deren Vorgänger hätten den General „stets bekämpft, ihn während des Krieges zum Tode verurteilt, mehrfach versucht, ihn zu ermorden, seine Politik der Emanzipation der Völker angeschwärzt“, kritisiert der Enkel.

Die Führungsclique der Rechtsextremen besteht nicht aus echten De-Gaulle-Anhängern. Sie sind vielmehr die Nachfolger seiner entschiedensten Feinde. FN-Parteivize und Marine-Le-Pen-Lebensgefährte Louis Aliot ließ auf einem Parteikonvent Jean Bastien-Thiry hochleben, einen französischen Oberstleutnant, der zur Geheimorganisation OAS gehörte und sogar einen Mordanschlag auf den General verüben ließ, dem er nur mit knapper Not entgangen ist.

Sowohl die extreme Linke als auch die Rechtsextremen ziehen eine Linie von de Gaulle bis zu ihrer Politik, indem sie behaupten, sie seien wie ihr großes Vorbild kritisch zu den USA eingestellt. Historisch ist das ein interessanter Punkt. De Gaulle hatte gewisse Vorbehalte gegenüber den USA, aber nicht, weil er deren Wirtschaft, die Gesellschaft oder gar die Demokratie kritisch sah.

Seine Distanzierung geht vielmehr auf seine persönlichen Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg zurück. De Gaulle gehörte zur kleinen Minderheit der Militärs, die sich nicht mit der Kollaboration durch das Vichy-Regime und der Unterwerfung unter die Nazis abfinden wollte. Für die Alliierten war angesichts der Mehrheitsverhältnisse klar, dass Frankreich als Kriegsgegner besetzt würde.


De Gaulle hat nichts mit den Links- und Rechtspopulisten gemeinsam

„Wir spürten schon, dass unsere Alliierten vorhatten, unter dem Deckmantel ihres militärischen Kommandos die Regierung unseres Landes zu übernehmen, je weiter sie mit den Truppen vorstoßen würden, und wir waren natürlich entschlossen, sie daran zu hindern.“ schrieb de Gaulle in seinen „Kriegserinnerungen 1942 bis 1944.“ Er hatte heftigste Auseinandersetzungen mit den britischen und amerikanischen Generälen. Mit unendlicher Zähigkeit und Finesse erreichte er, dass seine „Freien Franzosen“ in die alliierte Streitmacht aufgenommen wurden und die Amerikaner später auf ihre Absicht verzichteten, Frankreich zu besetzen. De Gaulle schaffte es sogar, dass Frankreich nicht wie eine feindliche, sondern wie eine Siegermacht behandelt wurde.

Aus all dem zu schließen, der General habe einen plumpen Antiamerikanismus gepflegt, ist ein Hirngespinst, das nur dem Denken eines Extremisten entspringen kann.

Aufschlussreich sind auch die politischen Reformen, die de Gaulle vorgenommen hat. In der Résistance spielten die Kommunisten eine sehr wichtige Rolle, nach dem Krieg wurden sie zur stärksten politischen Kraft in Frankreich. De Gaulle war strikter Antikommunist und fürchtete den Versuch einer politischen Machtübernahme. Die Kommunisten ihrerseits diffamierten den amerikanischen Marshallplan, mit dem Frankreich wirtschaftlich wieder auf die Beine geholfen wurde, als einen Sündenfall, der das Land in die Abhängigkeit von den USA geführt habe. Interessanterweise findet sich diese These noch heute sowohl bei linken wie rechten Anhängern der nationalen Souveränität.

De Gaulle setzte sich für eine Verbindung von Sozialreformen mit der wirtschaftlichen Öffnung des Landes ein. Frankreich schlingerte in den 50er-Jahren in eine schwere politische Krise. Der beginnende Algerienkrieg wurde zu einer politischen Zerreißprobe. Gleichzeitig baute sich eine schwere Wirtschaftskrise auf. 1957 waren die Devisenreserven soweit abgeschmolzen, dass sie nur noch zur Bezahlung der Importe eines Monats ausreichten.

In dieser Situation erinnerte sich die Mehrheit der Politiker an den charismatischen General und bat ihn, in die Politik zurückzukehren. De Gaulle ließ 1958 ein wirtschaftliches Reformprogramm ausarbeiten, das starke liberale Züge hatte und von Jacques Rueff erarbeitet wurde. Rueff setzte auf ein scharfes Sparprogramm, um die staatlichen Ausgaben und das Haushaltsdefizit zu senken, und auf die Öffnung der Grenzen für den internationalen Wettbewerb.

„Die vorgeschlagenen Maßnahmen werden nur dann ihren vollen Effekt haben, wenn die französische Wirtschaft wieder in Kontakt und Verbindung mit der Außenwelt gerät“, schrieb Rueff. Der Ökonom bestand ebenfalls darauf, dass die Inflation zurückgedrängt werden müsse und Frankreich einen harten Franc mit verlässlichem Außenwert brauche.

All das sind wirtschaftliche Grundsatzentscheidungen, die absolut konträr zu der Politik liegen, die heute von den Links- und Rechtspopulisten empfohlen wird und die auf eine weiche Währung, geschlossene Grenzen und höhere Budgetdefizite hinausläuft.

Zu guter Letzt: De Gaulle trieb die Aussöhnung mit Deutschland voran und führte Frankreich in die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft. Seine angeblichen patriotischen Urenkel wollen die EU zerstören. Von der politischen DNA des Generals trennt sie alles.

Quelle:  Handelsblatt Online
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