Wahlkampf-Sommertour: Schulz bekommt Merkel nicht zu greifen

Wahlkampf-Sommertour: Schulz bekommt Merkel nicht zu greifen

, aktualisiert 14. Juli 2017, 19:44 Uhr
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Die Bundeskanzlerin geht zusammen mit dem Landesvorsitzenden der niedersächsischen CDU, Bernd Althusmann, am Hafenbecken von Neuharlingersiel (Niedersachsen) entlang.

von Christoph KapalschinskiQuelle:Handelsblatt Online

Merkel und Schulz lieferten sich am Freitag ein erstes Fernduell im Bundestagswahlkampf. Der SPD-Kanzlerkandidat bekommt die Wohlfühlkanzlerin nicht zu packen: Bei ihm ist alles ein bisschen komplizierter als bei ihr.

Hamburg/HeiligenhafenDie Brände vom G20-Gipfel sind noch nicht einmal eine Woche gelöscht und worüber redet Angela Merkel an diesem Freitagnachmittag als erstes? Übers Angeln. „Wenn es um das Deutschland geht, in dem wir gut und gerne leben“, zitiert die Kanzlerin den aktuellen CDU-Slogan, „dann ist Angeln ein Thema.“ Das kommt dann sogar noch gut an bei den 2500 Zuhörern in Heiligenhafen, eineinhalb Stunden nördlich von Hamburg. Angelverbote im nahegelegenen Naturschutzgebiet sind hier das Aufregerthema dieses Sommers. Merkel sagt, Naturschutz sei wichtig, Angeln aber auch. Eigentlich sagt sie zum Thema Angelverbote also: nichts. Merkt nur keiner.

Martin Schulz konnte es schon am Morgen kaum fassen. „Es ist ein starkes Stück, dass die Regierungschefin den Leuten ständig sagt: Die wichtigen Dinge sage ich euch nach der Wahl“, wütet er in Hamburg. „Ihr habt mich, das reicht – diese Botschaft von ihr ist nicht akzeptabel.“

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Schulz versucht seit Wochen, Merkel inhaltlich zu stellen. Doch die Kanzlerin lässt sich von Schulz nicht fassen. Selten zeigte sich das bislang so gut wie an diesem Freitag bei dem Fernduell: Schulz auf seiner „Sommertour“ im krawallgebeutelten Hamburg, Merkel auf „Bädertour“ an der sonnigen Ostsee.

Auch Schulz plante eigentlich ein Wohlfühlprogramm. Die SPD fuhr in dieser Woche einen Pulk Journalisten mit dem Kandidaten durchs Land, in den Aachener Dom, zu Fußballern in Köln, in einen Chemiepark. Die Journalisten lernen bei solchen Touren Politiker besser kennen. Das gibt ein paar schöne Bilder, ist aber sonst kaum der Rede wert. Wenn nicht diesmal Schulz’ Team ausgerechnet Hamburg als Schlussort ausgesucht hätte: malerische Hafenrundfahrt, Treffen mit dem erfolgreichen SPD-Bürgermeister Olaf Scholz bei Airbus. So war das gedacht – doch dann kam G20.

Klar war: Hamburg absagen geht nicht. Aber Hafenrundfahrt eben auch nicht. Also treibt die SPD-Zentrale Anwohner auf, mit denen Schulz im Krawallviertel Schanze reden kann. Das gelingt so mäßig. Am Info-Stand der Polizei fragt Schulz intensiv nach, es gibt immerhin hier nette Bilder, doch die befragten Beamten antworten kompliziert. Die Anwohner seien sauer auf die Politik, und – so sagt ein Beamter – die Leute vom Autonomen-Zentrum Rote Flora hätten sogar beim Löschen geholfen.

Schulz wird später sagen, er hoffe, die Debatte werde bald bundesweit so „rational, wenn auch manchmal emotional geführt wie hier“. Da hat sein Parteikollege Sigmar Gabriel im fernen Berlin die Täter von Hamburg bereits als „Terroristen“ bezeichnet. G20, so scheint es in der Öffentlichkeit, ist ein SPD-Problem. Schulz bleibt nur noch die Rolle des Besänftigers.

Er ist immer dann in seinem Element, wenn er nah bei den Leuten ist. Mit dem Vertreter der Feuerwehr in der Schanze plaudert er über Dienstränge in seiner Heimat Würselen und über die glorreiche Vergangenheit des Fußballvereins Altona 93. Doch das Programm lässt dem Kandidaten kaum Zeit, diese Seite zu zeigen. Einmal wird er kurz spontan, im Schanzenviertel, als ihn ein Friseur in den Laden winkt. Panisch halten seine Presseleute die Fotografen zurück – wer weiß, was es für Bilder geben könnte. Und richtig: „Krawalltourist!“, schallt es Schulz entgegen, als er umgeben vom Kamera-Pulk über die Straße läuft.

Auch bei Angela Merkel in Heiligenhafen gibt es unter den Zuhörern einen Störer. Aber Heiligenhafen ist nicht Hamburg: Der Mann zeigt höflich auf, bevor er etwas ruft. Es geht um Windräder, nicht um G20. Und so schafft es die Gipfel-Gastgeberin Merkel in Heiligenhafen, das Kürzel „G20“ nur ein einziges Mal in einer Dreiviertelstunde zu erwähnen. Da geht es um das, was im politischen Berlin nüchtern „Bekämpfung der Fluchtursachen“ heißt. Merkel aber ist heute im besten Straßenwahlkampfmodus. Da redet die Physikerin so, als würde sie zu Schülern sprechen, zu sehr jungen Schülern. Sie sagt also: „Wir müssen mehr tun, damit die Menschen gut in ihrer Heimat bleiben können und nicht in die Hand von schrecklichen Menschen kommen.“ Ja, und deshalb sei der G20-Gipfel so wichtig gewesen: „Weil wir da über eine Partnerschaft für Afrika gesprochen haben – auch wenn wir natürlich auch dort nicht alles tun können.“

An anderer Stelle erwähnt sie die Polizei: „Herzliches Dankeschön an alle, die Polizisten sind oder es gerade werden wollen.“ Doch da geht es nicht um den Gipfel, sondern um Wohnungseinbrüche. Und wie Olaf Scholz in Hamburg redet auch sie von „Helden“ – nur meint sie da nicht die G20-Polizisten, sondern Menschen, die sich in der Pflege engagieren.

Über die Krawalle redet in Heiligenhafen nur einer: Daniel Günther, seit zwei Wochen CDU-Ministerpräsident von Schleswig-Holstein. „Unsere Polizisten dürfen sich darauf verlassen, dass wir hinter ihnen stehen“, ruft er. Konkret heißt das: drei Tage Sonderurlaub. Ansonsten ist Günther der ideale Begleiter für Merkel: jung, siegreich – und bescheiden. „Ohne Sie hätten wir die Wahl nicht gewonnen, liebe Frau Merkel“, schmeichelt Günther.


Bei Schulz bleibt es kompliziert

Der Mann, der Martin Schulz am Freitagmorgen zu Airbus begleitet, würde so eine Demutsbekundung kaum über die Lippen bringen. Er verdrückt sich lieber schon nach wenigen Minuten: Olaf Scholz. Der Hamburger Bürgermeister war schon vor den G20-Krawallen mit zu dem Termin in den Airbus-Werkshallen eingeladen wollen, einfach weg bleiben ging nicht. „Ich habe doch viel Unterstützung aus der SPD bekommen“, kommentiert Scholz vor seinem Abgang – mit seinem typischen ironischen Blick, den er für Journalisten reserviert hat.

Kandidat Schulz hatte kurz vor dem Gipfel ein SPD-Papier veröffentlicht, dass G20-Treffen künftig doch nur noch am UN-Sitz in New York stattfinden sollten – und so den Hamburger Bürgermeister düpiert. Schulz verteidigt sich kompliziert. New York, so sagt er jetzt, das sei ja nicht „geografisch gemeint gewesen, sondern politisch“. G20 solle eben näher an die UN.

Schulz darf ohne Scholz für die Kameras weiter Michelin-Reifen für die Flugzeuge betasten, Karbon-Leitwerke bestaunen und Mitarbeiter nach ihrer Weiterbildung fragen. Schulz hat sich Airbus ausgesucht, um hier sein Thema Qualifizierung anzubringen, den umstrittenen Vorschlag, Weiterbildungszeiten nicht auf die Auszahlungsdauer des Arbeitslosengelds I anzurechnen. „Der Besuch hat mich nachdrücklich in meinem Vorsatz bestärkt, Qualifizierung nicht nur zum zentralen Thema des Wahlkampfes zu machen, sondern als Teil der Bildungsgerechtigkeit zu sehen“, sagt Schulz in die Kameras.

Inhaltlich gibt er Merkel dann doch wieder recht. Die hat gerade in Paris zusammen mit dem französischen Präsidenten Emanuel Macron angekündigt, ein gemeinsames Militärflugzeug zu entwickeln. „Das ist genau das, was wir brauchen, damit wir kein Zwei-Prozent-Ziel brauchen“, ziseliert Schulz eine Differenz heraus. Zwei Prozent des Inlandsprodukts – das ist die Zielmarke für die Militärausgaben, die sich die Nato gesetzt hat, zu der Merkel steht. Schulz meint: Wenn Frankreich und Deutschland zusammen Effizienzen heben, braucht es weniger Geld. Es bleibt ziemlich kompliziert bei Schulz.

Bei Angela Merkel ist es hingegen alles wunderbar einfach. „Deutschland ist ein sehr schönes, aber auch sehr vielfältiges Land. Man fährt ja oft auch woanders hin in den Urlaub, aber Sie haben sich für die Ostsee entschieden. Die Ostsee ist eine gute Urlaubsplatzwahl. Sie haben das okay gemacht“, sagt sie.

Selbst die Steuerpolitik ist bei ihr okay. „Wir erhöhen für niemanden die Steuern, aber für die kleinen und mittleren Einkommen senken wie sie“, sagt sie. Und dass sie die Schwarze Null liebt, aber nicht „weil sie so schön schwarz ist“, sondern weil Schuldenabbau wichtig ist. Für die Kinder und Enkelkinder. Bei Merkel ist Wohlfühlprogramm, bis sie in den Helikopter steigt, weiter ins nächste Seebad.

Im SPD-Bus in Hamburg hingegen ist gereizte Stimmung. Schulz war gestern im Schanzenviertel durch einen Hinterausgang den Kameras entwischt. Heute waren die Airbus-Werksausweise für die Journalisten nicht rechtzeitig da. Schulz hat den letzten Punkt, den Besuch einer Neubausiedlung, abgesagt. Lagerkoller unter den seit einer Woche mitgereisten Kamerateams, alle wollen jetzt schnell in den ICE nach Berlin. „Ich brauche schon einen passenden Parkplatz am Bahnhof“, mosert der Busfahrer. Der Schulz-Bus rollt langsam, vielleicht zu langsam.

In Heiligenhafen singt derweil der Shanty-Chor: „Alle, die mit uns das Walross killen, müssen Männer mit Bärten sein“, schallt es über den Platz.

Quelle:  Handelsblatt Online
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