Waldsterben: Klimawandel sorgt für Geisterwälder

Waldsterben: Klimawandel sorgt für Geisterwälder

, aktualisiert 08. August 2017, 09:47 Uhr
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Eindringendes Salzwasser verändert das Ökosystem an der Küste und schafft Sumpfland, wo es einst Wälder gab.

Quelle:Handelsblatt Online

Die Auswirkungen des Klimawandels lassen sich schon heute an vielen Orten der Erde beobachten – zum Beispiel entlang der Ostküste Nordamerikas. Dort führt der Anstieg des Meeresspiegels zum Sterben ganzer Wälder.

Port RepublicSie werden „Geisterwälder“ genannt – tote Bäume entlang von Küsten, die das Meer überspült hat. Wissenschaftler sprechen von einem der sichtbarsten Zeugnisse des Klimawandels.

Der Prozess vollzieht sich seit Jahrtausenden auf natürliche Weise, aber er hat sich in den vergangenen Jahrzehnten beschleunigt. Polareis schmilzt, die Meeresspiegel steigen, Salzwasser dringt ins Inland vor und lässt Bäume sterben – dort, wo sie einst grünten und gediehen.

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Weltweit sind Forschungen im Gange, um herauszufinden, wie rasch sich die Geisterwälder ausbreiten. Aber Wissenschaftler stimmen darin überein, dass der erschreckende Anblick toter Bäume in einst gesunden Lebensräumen ein leicht zu erkennendes Beispiel für die Auswirkungen der globalen Erwärmung ist.

„Ich glaube, dass Geisterwälder der sichtbarste Indikator für Klimawandel überall an der Ostküste der USA sind“, sagt Matthew Kirwan, ein Professor am Institute of Marine Science in Virginia, der das Baumsterben in seinem Staat und im benachbarten Maryland erforscht. „Es war vor 50 Jahren trockenes, nutzbares Land, jetzt ist es Marschland mit toten Stümpfen und toten Bäumen.“

Es geschieht rund um die Welt, aber in Nordamerika ist es besonders gut erkennbar: Hunderttausende Hektar an Bäumen, die durch Salzwasser abgestorben sind, von Kanada die Ostküste herunter bis zum Südzipfel Floridas und gen Westen bis nach Texas. Das Salzwasser ändert an der Küste das Ökosystem, schafft Sumpfland, wo es einst Wälder gab.

Das hat zahlreiche Auswirkungen auf die Umwelt, obwohl viele Wissenschaftler davor warnen, sie in die Kategorie „gut“ oder „schlecht“ einzuordnen: Was einer Spezies oder einem Ökosystem nützt, kann einem anderen schaden, sagen sie.

Zugvögel etwa, die auf Küstenwälder angewiesen sind, haben weniger Lebensraum. Und das Baumsterben lässt Bodenmikroben Stickstoff freisetzen, der zu dem hinzukommt, was schon aus anderen Quellen stammt, so aus landwirtschaftlichen Abwässern. Das trägt zu Algenblüten bei und reduziert Sauerstoff, was Fische krank machen oder gar töten kann.

Aber der Wandel von Wald- in Sumpfland schafft auch „extrem produktive“ Feuchtgebiete, die Fische und Schalentiere beherbergen und ernähren. Der Atlantische Umber war beispielsweise in Gewässern des südlichen New Jersey noch vor 15 Jahren eine Seltenheit. Jetzt kommt der Fisch im Überfluss vor, wie Ken Able von der Rutgers University erläutert.


Dramatischer Wandel

„Es wandelt sich viel“, sagt auch Greg Noe, der für die US-Geologiebehörde USGS arbeitet. „Es ist dramatisch und passiert schneller als zuvor in der Menschheitsgeschichte.“

In den vergangenen 100 Jahren sind gut 40.000 Hektar Wald an der Chesapeake Bay in Maryland zu Marschland geworden. Fotos zeigen, dass die Verlustrate von Küstenwald heute vier Mal größer ist als in den 1930er Jahren. Gewässer vor der Ostküste seien in den vergangenen 100 Jahren um etwa 40 Zentimeter angestiegen, sagt Ben Horton, ebenfalls ein Professor an der Rutgers University. Das sei ein größeres Tempo als in den vergangenen 2000 Jahren zusammen.

Wie stark sich das Waldsterben infolge gestiegener Meeresspiegel beschleunigt hat, zeigt sich besonders dramatisch am Savannah River zwischen Georgia und South Carolina. Als sein Team erstmals vor zehn Jahren dorthin kam, „sahen die Bäume aus, als wären sie etwas gestresst, aber sie lebten alle“, schildert der Ökologe. „Aber fünf Jahre später waren die meisten tot. Es geschah vor unseren Augen, viel schneller, als wir es erwartet haben.“

Biologe Marcelo Ardon hat von 2006 bis 2009 eine Landschaft am Albemarle Sound in North Carolina studiert. Als er 2016 dorthin zurückkehrte, waren in einer Gegend, die einst wie eine gesunde Zypressen-Marsch aussah, viele Bäume tot, und der Wasserspiegel war viel höher. „Der Ort hat sich völlig verwandelt“, sagt Ardon. „Ich habe Satellitenfotos geprüft, und du kannst das Baumsterben sehen.“

Schwere Stürme können Salzwasser noch weiter ins Inland treiben und noch mehr Waldbestand vernichten. So wird angenommen, dass der Supersturm „Sandy“ im Jahr 2012 einige Bäume im südlichen New Jersey sterben ließ. Der Unterschied ist laut Kirwan, dass überflutete Gebiete in der Vergangenheit ausgetrocknet sind, bevor Salzwasser die meisten Bäume tötete.

„Der gleiche Sturm vor 100 Jahren hätte auch Bäume sterben lassen“, sagt er. „Aber vor 100 Jahren wäre dasselbe Land nicht so nass gewesen, dass nicht neue Bäume hätten heranwachsen und die toten ersetzen können. Das ist der Punkt, wo der Anstieg der Meeresspiegel ins Spiel kommt.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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