Wales für den Brexit: „Wir werden nicht einen Penny verlieren“

Wales für den Brexit: „Wir werden nicht einen Penny verlieren“

, aktualisiert 25. Juni 2016, 14:27 Uhr
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Die Waliser haben für den Brexit gestimmt, wollen aber an der Seite der Engländer bleiben.

von Lukas BayQuelle:Handelsblatt Online

Wales hat für den Ausstieg gestimmt, kassierte aber über Jahre hunderte Millionen Euro Fördergelder aus der Europäischen Union. Nach dem Brexit muss der walisische Regierungschef Jones das Geld an anderer Stelle eintreiben.

CardiffVor dem Rathaus von Cardiff weht noch die europäische Flagge. Formal ist der Ausstieg schließlich noch nicht umgesetzt. Doch auch in Wales hat sich eine Mehrheit dafür ausgesprochen, dass die Fahne in den kommenden Jahren abgehängt werden muss und auch Wales die EU verlässt. Künftig weht hier der Union Jack. Von den rund 1,6 Millionen wahlberechtigten Walisern haben rund 53 Prozent für den Ausstieg gestimmt.

Während die Unabhängigkeitsbewegungen in anderen britischen Regionen wie Schottland und Nordirland nach dem Votum neuen Aufwind spüren, stehen die Waliser bislang fest an der Seite der Engländer. Hier überlegen die Waliser stattdessen, wo in Zukunft die Fördergelder herkommen sollen. Denn die über Jahrzehnte strukturschwache Region wird von der EU jährlich mit geschätzten Zuschüssen zwischen 650 bis 750 Millionen Euro bedacht. Auch deswegen konnte die walisische Wirtschaft in den vergangenen Jahren immer stärker zulegen als die Schwesternation England.

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Der Walisische First Minister Carwyn Jones meldete sich am Freitag bereits zu Wort. „Nicht einen Penny“ wolle man durch den EU-Ausstieg verlieren, sagt er. Wales will sich seine Loyalität aus London bezahlen lassen. Denn das Verhältnis zu England ist in diesen Tagen paradox. Für den First Minister ist das Referendum auch eine Denkzettelwahl für Premierminister David Cameron gewesen. Es sei ein Fehler gewesen, das Referendum so kurz nach den lokalen Wahlen anzusetzen. „Er hat entschieden, wo dieser Kampf ausgefochten wird“, sagt er.

Trotzdem ist Wales nun auf Hilfe aus London angewiesen. Das ist das paradoxe Ergebnis dieser Wahl. Obwohl sich in Umfragen regelmäßig die Mehrheit der Waliser für mehr Befugnisse für das lokale Parlament ausspricht, wird man künftig abhängiger von England sein.

Anders als Cameron will der Europa-Befürworter Jones aber im Amt bleiben und für seine Landsleute den Ausstieg mitverhandeln. Man werde alles tun, um Jobs im Land zu behalten. Wie stark seine Verhandlungsmacht am Ende sein wird, hängt wohl auch davon ab, wer neuer Premier nach Cameron wird. Zumal Jones einen Tag nach dem Referendum eigentlich nur Forderungen einbringt, die von den Brexit-Befürwortern nicht geteilt werden. So wolle er die gemeinsame Agrarpolitik fortsetzten. Und auch die Strukturförderung müsse „unter den derzeit geltenden Bedingungen“ weitergehen. Eine Forderung, der die EU ohne britische Gegenleistung kaum nachkommen wird.


„Als Waliser kommen wir überall hin“

Jones ist als Vertreter der Labour Party in einem Dilemma. Obwohl er für einen Verbleib votierte, waren es vor allem seine Klientel, die am Ende für den Ausstieg stimmten. Die Parallelen zum Wahlverhalten in England sind augenscheinlich: Auch in Wales stimmte in der Hauptstadt eine Mehrheit von rund 60 Prozent für den Verbleib, auch hier waren es die Landbevölkerung und die Wähler aus den Arbeitervierteln, die am Ende den Sieg des Leave-Lagers möglich machten. „Das sind genau die Leute, die über Jahre von den Zuschüssen profitiert haben“, erklärte Mary, eine Mitarbeiterin der Cardiff University. Auch in Wales habe die Angst vor der Einwanderung am Ende den entscheidenden Ausschlag gegeben.

In den Cafés der Hauptstadt wird wild diskutiert. Sie habe sich erst mal hinsetzen müssen, als ihr Mann ihr die Botschaft überbrachte, erzählt eine Rentnerin. Ein Ausstieg werde sich noch rächen. Sie könne sich noch erinnern, wie Cardiff vor der EU ausgesehen habe. „Wir sollten uns nicht isolieren“, findet sie.

Tatsächlich gibt es aber auch viele Waliser, die sich offen freuen. Adam verlässt Cardiff bald wieder, weil er auf einem Kreuzfahrtschiff arbeitet. Doch er hat für den Brexit gestimmt. „Gut, dass wir raus sind“, sagt er. Dass seine internationale Arbeit schwieriger werden könnte, glaubt er nicht. „Als Waliser kommen wir überall hin.“

Nach dem Votum steht für die Waliser allerdings schon der nächste innerbritische Konflikt vor der Tür. Diesmal geht es aber glücklicherweise nicht um Politik. Am Samstag spielt die walisische Nationalmannschaft um Superstar Gareth Bale im Achtelfinale der Europameisterschaft gegen Norirland. In den Pubs der walisischen Hauptstadt Cardiff ist das eine willkommene Gelegenheit, um die Konsequenzen des Brexits zumindest für 90 Minuten zu verdrängen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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