Wandern die Banken ab?: Brexit-Angst am Finanzplatz London

Wandern die Banken ab?: Brexit-Angst am Finanzplatz London

, aktualisiert 20. Juni 2016, 13:55 Uhr
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Blick auf den Finanzdistrikt der Londoner City: Die Debatte über die Auswirkungen eines Brexits auf den britischen Finanzplatz geht weiter. Eine wahrscheinliche Abwanderung von Banken nach einem Ausscheiden aus der EU wäre nicht nur für London, sondern auch für ganz Großbritannien ein Problem.

Quelle:Handelsblatt Online

Londons Status als Europas Finanzhauptstadt wackelt vor der Abstimmung am Donnerstag: Es geht um einen zweistelligen Milliardenbetrag, den die Finanzindustrie jährlich an das königliche Schatzamt überweist.

LondonStimmen die Briten beim Referendum am Donnerstag gegen einen Verbleib in der Europäischen Union, droht dem billionenschweren Euro-Handel an der Themse das Ende. „Bei einem Austritt Großbritanniens aus der EU können die Behörden der Euro-Zone nicht länger tolerieren, dass ein großer Anteil von Finanztransaktionen im Ausland abgewickelt wird“, betont Christian Noyer, ehemaliger Vize der Europäischen Zentralbank (EZB).

„Für die Mitglieder der Euro-Zone ist es bereits jetzt schwer zu akzeptieren, dass unsere Währung zum Großteil außerhalb der Währungsgemeinschaft und damit außerhalb der Kontrolle der EZB gehandelt wird“, schreibt der frühere französische Notenbankchef in einem Beitrag für die Denkfabrik OMFIF.

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 „Es wäre außergewöhnlich, wenn die EZB zulassen würde, dass ihr Geld weiterhin außerhalb ihrer Kontrolle gehandelt wird“, assistiert Graham Bishop, ein Berater in Fragen der Finanzmarkt-Regulierung. Diese Ansicht teilt auch Nicholas Vernon, Experte für die Finanzdienstleistungsbranche bei der Denkfabrik Bruegel. Der Status Quo sei zwar durch die europäischen Verträge gedeckt. „Wenn der EU-Rahmen aber nicht mehr vorhanden ist, kann diese Sonderrolle nicht mehr aufrechterhalten werden.“

Von den aktiven Notenbankern würde es wohl keiner öffentlich zugeben - das Thema ist schließlich politisch heikel. Hinter vorgehaltener Hand sehen sie es aber genauso. Es wäre die Gelegenheit, einen Geburtsfehler der Gemeinschaftswährung zu korrigieren.

Dabei ist der klassische Devisenhandel - also der Tausch von Euro in Dollar oder Franken - nicht das eigentliche Problem. Wichtiger und vom Volumen viel umfangreicher sind die Termingeschäfte darum herum. Der Bank für internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) zufolge werden mehr als die Hälfte der weltweiten Zinsterminkontrakte im Gesamtvolumen von jährlich 435 Billionen Dollar (383 Billionen Euro) über LCH.Clearnet, eine Tochter der Londoner Börse LSE, abgewickelt. Das ist mehr als das Fünffache der weltweiten Wirtschaftsleistung.

Die EZB möchte die Abwicklung dieser und anderer Geschäfte mit Währungsderivaten unter ihrer Aufsicht haben. Denn nur so erhält sie Einblicke in die Kontrakte und hat die Chance, mögliche Probleme frühzeitig zu erkennen. Sonst muss sie sich wie nach der Finanzkrise von 2008 darauf beschränken, mit Not-Maßnahmen Schlimmeres zu verhindern.


Die Argumente der Brexit-Befürworter

Brexit-Befürworter sehen dennoch keine Gefahr für den Finanzplatz London. Auch bei der Einführung des Euro habe es geheißen, dass der Devisenhandel nach Frankfurt abwandern werde, betont Nigel Farage, Chef der euroskeptischen britischen Partei Ukip. „Es war damals falsch und ist heute falsch. London ist ein globales Finanzzentrum.“

Soeren Moerch, Chef des Anleihehandels der Danske Bank, hält diese Einschätzung für zu optimistisch. Die großen US-Banken würden wohl ihre Europa-Zentralen in London belassen. „Aber die EU kann eine Menge Druck ausüben und die Regeln so kompliziert machen, dass es für die kontinentaleuropäischen Banken sinnvoller ist, den Handel nach Paris oder Frankfurt zu verlagern.“

Für die LSE wäre die angepeilte milliardenschwere Fusion mit der Deutschen Börse deshalb im Falle eines Brexit noch wichtiger, betonten Experten und Insider. Wenn LCH.Clearnet nach einem Brexit keine Euro-Derivate-Deals mehr in London abwickeln darf, könnte sie dieses Geschäft innerhalb des fusionierten Konzerns einfach zur Deutsche-Börse-Tochter Eurex Clearing verschieben.

Ob die Aufsichtsbehörden die Fusion den Zusammenschluss im Falle eines Brexit genehmigen, steht aus Sicht von Analysten aber in den Sternen. „Besonders die Tatsache, dass der Sitz des fusionierten Unternehmens dann außerhalb der EU läge, würde von den Behörden vermutlich kritisch gesehen“, betont Analyst Philipp Häßler von Equinet Bank.

Darüber hinaus wäre ein Wegfall des LCH.Clearnet-Geschäfts und die wahrscheinliche Abwanderung von Banken nicht nur für die LSE, sondern für Großbritannien insgesamt ein Problem. Die Londoner City, wie die dortige Finanzindustrie meist genannt wird, zeichnet für zwölf Prozent der britischen Wirtschaft verantwortlich. Pro Jahr überweisen die Institute umgerechnet mehr als 80 Milliarden Euro Steuern an das königliche Schatzamt.

Quelle:  Handelsblatt Online
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