Wearables für Tiere: Japans coole Kühe

Wearables für Tiere: Japans coole Kühe

, aktualisiert 20. April 2017, 09:58 Uhr
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Kuh mit Kühlbody. Die Tierkleidung besteht aus einem Hightech-Gewebe, das Hitze absorbiert und kühlend wirkt.

Quelle:Handelsblatt Online

Blutdruck, Körpertemperatur, Schlaf: Kleine Chips an Körper oder Kleidung können solche Daten sammeln und den Nutzer auf Gesundheitsrisiken hinweisen. In Japan sollen nun auch Kühe von diesen Wearables profitieren.

KyotoBullenheiß wird es wieder. Wenn in Japan der Hochsommer kommt, verwandeln sich Nippons Touristenhochburgen wie Tokio oder Kyoto schnell in Backöfen. Feuchtschwüle Luft wabert dann über die glühenden Straßen und allerorten laufen die Klimaanlagen – was das Problem über die Abwärme noch verschärft.

Das ist die Zeit, in der Anbieter kühlender Hightech-Unterwäsche Hochkonjunktur haben. Und das technikverliebte Japan wäre nicht Japan, wenn nicht jemand auch für tierische „Kundschaft“ wie Milchkühe an einer Hightech-Lösung basteln würde.

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Beim Agrar-, Forst- und Fischereizentrum in der Präfektur Kyoto läuft dazu ein eigenwilliges Experiment: Eine Art Kühlbody für Kühe wird getestet. Das Teil sieht aus wie ein überdimensioniertes T-Shirt, das den Kühen übergestreift wird. Es besteht aus einem Hightech-Gewebe, das kühlend wirkt.

Ähnliches tragen Sportler im Sommer schon seit längerem. Warum also nicht auch Kühe? Das zumindest haben sich die Entwickler der japanischen Bekleidungsfirma Gunze gedacht. Was wie ein verspäteter Aprilscherz anmutet, ist ein tierisch ernstes Projekt, in das die Milchbauern von Kyoto große Hoffnung setzen.

„Kyoto ist eine sehr heiße Region im Sommer“, sagt Toshiyuki Yamaoka vom Livestock Technology Department des Zentrums. Der Klimawandel verschärfe die Situation weiter. Für die aus Nordeuropa stammenden Rinder der Rasse Holstein sei Hitze eine Qual, sie produzierten dann weniger Milch. Die Wohlfühltemperatur von Rindern liegt bei etwa minus 5 bis plus 16 Grad.

„Die Bauern hier arbeiten mit Ventilatoren und Vorhängen, die den Stall vor der Sonne schützen, aber die haben auch nicht mehr gereicht“, erklärt Yamaoka. Die Bauern wandten sich an das Unternehmen Gunze, das in der Präfektur ein Forschungsinstitut betreibt und für seine Funktions-Textilien bekannt ist.

Aber macht es wirklich Sinn, jeder einzelnen Kuh ein technisch aufwendiges Shirt überzuziehen? Nicole Kemper, die das Institut für Tierhygiene, Tierschutz und Nutztierethologie an der Tierärztlichen Hochschule Hannover leitet, ist skeptisch. „Ich glaube nicht, dass sich das sehr zum Kuhwohl auswirken wird.“

Da der Body nur einen kleinen Teil des Kuhkörpers bedeckt, dürfte der Effekt nicht allzu groß sein. Es sei sinnvoller, die Temperatur im Stall zu senken. Kühe legten sich beispielsweise auf kalte Flächen, um sich zu kühlen.


Sensoren steuern die Wasserzufuhr

„Ushiburu“ nennt sich der Kühlbody für Rinder, den die Firma und die Bauern von Kyoto derzeit gemeinsam entwickeln. Der Name setzt sich aus den Worten „Ushi“ für Kuh und der phonetischen Endung des aus dem Englischen übernommenen Wortes „wearable“ zusammen.

Wearables sind technische und elektronische Geräte, die man am Körper oder an der Kleidung trägt – mit Sensoren bestückte Fitnessarmbänder, Brillen oder Smartwatches zum Beispiel. Viele der Geräte zeichnen Körper-Daten wie Blutdruck und Temperatur auf, um etwa vor Überanstrengung oder Überhitzung zu warnen.

Ähnlich soll der „Ushiburu“ funktionieren. Das Textilgewebe habe kühlende Wirkung, heißt es bei Gunze. Ein angeschlossenes Befeuchtungssystem solle den Stoff zugleich mit Wasser benetzen, was eine zusätzliche Kühlung bewirke. Gesteuert werde die Wasserzufuhr über Sensoren. Weitere Tests seien nun für die heißen Sommertage geplant, hieß es. Für die Kühe stelle das Tragen des Anzugs keinen Stress dar.

Die deutsche Veterinärmedizinerin Kemper ist da allerdings nicht so sicher. Auch wenn sie den Kühlbody für nicht praxistauglich hält, die Forschung dahinter findet sie aber durchaus interessant. Sensoren, die direkt am Tier Körperfunktionen messen und aufwendigere medizinische Maßnahmen teilweise ersetzen, könnten durchaus sinnvoll sein.

So könnten die Sensoren auch an das Kühlungssystem des Stalls gekoppelt werden. Ihr Fazit zum japanischen Projekt: „Das ist sicherlich von der Forschung her ein ganz interessanter Ansatz. Bei der praktischen Anwendung ist es eher im Bereich Quatsch anzusiedeln.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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