Wells Fargo: Scheinkonten-Skandal rückt Banken ins Zwielicht

Wells Fargo: Scheinkonten-Skandal rückt Banken ins Zwielicht

, aktualisiert 13. September 2016, 10:52 Uhr
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US-Politiker fordern eine Aufarbeitung des Betrugs.

von Axel PostinettQuelle:Handelsblatt Online

Der US-Senat verlangt Untersuchungen, auch die Notenbank Fed wird nervös: Der Skandal um Millionen fingierte Bankkonten bei Wells Fargo zieht immer weitere Kreise. Die große Frage ist: Wer machte den Betrug möglich?

San FranciscoNeun Jahre lang hatte Carrie Tolstedt bei Wells Fargo die Kontrolle über das Geschäft mit privaten Girokonten. Die Bank wusste ihre Arbeit zu schätzen: Vergangenes Jahr bekam die Top-Managerin ein Vergütungspaket von neun Millionen Dollar, weil ihre Vertriebstruppen unermüdlich dafür gesorgt hatten, dass Kunden der Bank immer mehr Konten und Kreditkarten eröffnen. Das Dumme daran: Viele dieser Bankkunden wussten davon gar nichts.

Die Scheinkonten waren über Jahre hinweg im Namen bestehender Kunden eröffnet worden, um die Provisionen von Bankangestellten in die Höhe zu treiben und interne Vertriebsziele zu erreichen. Diese Praxis machte Manager und Managerinnen wie Carrie Tolstedt zu reichen Menschen. Nach Berechnungen von CNN-Money wird sich die 56-jährige Ende des Jahres mit einem Gesamtpaket von 124 Millionen Dollar aus Aktien, Optionen und anderen Wertpapieren von der Bank verabschieden, die jetzt auf einer Rechnung von 185 Millionen Dollar sitzen bleibt.

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So hoch ist die Strafe, die die Aufsichtsbehörden für den Skandal ansetzen. Dazu kommen noch 2,6 Millionen Dollar, die Wells Fargo geprellten Kunden zurückzahlen muss. Sie haben schließlich Gebühren, Strafzinsen und Ähnliches für die insgesamt über zwei Millionen Luftkonten bezahlt.

Am Wochenende schaltete die Bank mit Sitz in San Francisco ganzseitige Anzeigen, um ihre Kunden um Vergebung zu bitten – und um ihr Vertrauen. Das wird nicht einfach. Denn noch immer erinnern sich viele Amerikaner an die Jahre nach dem Crash 2008, als die Finanzinstitute mit Abermilliarden an Steuergeldern gerettet werden mussten. Gleichzeitig wurden Familien in den Ruin getrieben, als ihnen einfach Kreditkarten gesperrt wurden und Hypotheken ohne Rücksicht auf Verluste gekündigt wurden, teilweise illegal.

Für diese Praktiken mussten die Banken Milliarden an Strafen zahlen. Viele hofften, das sei ihnen eine Lehre gewesen. Und jetzt kommt erneut eine seltsame und illegale Bankenpraxis an den Tag, die über mehrere Jahre gelaufen sein soll. Über 5000 Mitarbeiter hatte Wells Fargo im Laufe der Jahre bereits entlassen. Doch offenbar war die Versuchung einfach immer wieder zu groß. Das ruft US-Politiker auf den Plan. Unter Führung von Robert Mendenez fordern nun fünf demokratische Senatoren eine umfassende Untersuchung der Vorgänge.


Noch viele Fragen ungeklärt

Sie wollen wissen, wie die Angestellten bei Wells Fargo immer wieder damit durchkonnten konnten, betrügerische Konten zu eröffnen. Dabei steht auch die Frage im Raum, ob falsch gesetzte finanzielle Anreize sie dazu verleitet haben, diese Risiken einzugehen. Schon schrillen die Alarmglocken: Raffgier, lasche oder fehlende Kontrollen und eine wahre Kasinoatmosphäre gelten auch als Hintergründe für die Exzesse, die zum Zusammenbruch der Finanzbranche 2008 geführt haben.

So wirft das Ausmaß der Betrügereien bei Wells Fargo nach Ansicht vieler Politiker die Frage nach dem tatsächlichen Stand der Sicherheit und internen Überwachungen innerhalb der Branche auf. Bereits in der vergangenen Woche warnte Senator Bernie Sanders, der gegen Hillary Clinton im Kampf um die Präsidentschaftskandidatur unterlegen war, die großen US-Bank seien heute schon wieder größer als zu der Zeit, als sie gerettet werden mussten, weil sie „zu groß zum Scheitern“ waren.

Die Banken hingegen werden nicht müde zu betonen, ihre Branche sei längst „überreguliert“. Der Republikaner Donald Trump will deshalb im Falle seiner Wahl zum US-Präsidenten die Branche von vielen Vorschriften befreien, die nach der Kernschmelze der Weltwirtschaft eingeführt wurden.

Unterdessen macht der Scheinkontenskandal auch die US-Notenbank Fed nervös: „Was ich sehe“, so Fed-Mitglied Daniel Tarullo im TV-Sender CNBC am Freitag, „ist, dass zu viele Banken immer nur reagieren, wenn irgendwas passiert ist, statt für die Mitarbeiter klare Regeln einzuführen, was ethisch und legal ist“. Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton reagierte ebenfalls empfindlich. Der Vorfall sei eine „eindringliche Erinnerung“ daran, dass man eine „straffe Aufsicht“ benötige, um die Konsumenten zu schützen, sagte sie.

Für Bankanalyst Richard Bove sind die Vorgänge Grund genug, die Wells-Fargo-Aktie auf „verkaufen“ zu stellen. „Wenn man 5.300 Leute entlassen muss, weil sie illegal zwei Millionen Konten eröffnet haben, dann stimmt irgendwas mit der Organisation nicht“, zitiert ihn die Chicago Tribune.

Ob sich diesmal wirklich etwas ändern wird, ist auch noch offen. Die Vereinbarung mit den Ermittlungsbehörden erlaubt der Bank im Gegenzug für die Zahlung von 185 Millionen Dollar, ohne jedes Schuldeingeständnis davonzukommen. Und gegen Topmanager der Bank wird nicht ermittelt werden.

Quelle:  Handelsblatt Online
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