Weltgeschichte: Als Sardine durch Tokio

Weltgeschichte: Als Sardine durch Tokio

, aktualisiert 30. Juni 2017, 15:05 Uhr
Bild vergrößern

U-Bahn fahren in Tokio ist eine Herausforderung für sich.

von Martin KöllingQuelle:Handelsblatt Online

Berufsverkehr in Japans Hauptstadt bedeutet nicht Stau, sondern enger Körperkontakt. Denn die meisten Tokioter fahren in der Regel mit dem Zug zur Arbeit. In Stoßzeiten gleichen Waggons Sardinenbüchsen.

TokioMeine japanischen Freunde schauen mich ganz neidisch an, wenn ich ihnen von den Wonnen eines Korrespondentenlebens erzähle: Da ich als mobiler Schreiberling nicht früh morgens in einem festen Büro sitzen muss, genieße ich in der Regel den Luxus, den Berufsverkehr in Tokio zeitlich umfahren zu können. Die meisten meiner Freunde hingegen stecken in der Rushhour fest – und das ist in Tokio noch weniger vergnüglich als anderswo. Denn wir Tokioter stehen nicht allein mit komfortablen Autos im Stau, sondern drängen uns millionenfach buchstäblich wie Sardinen in der Büchse in S- oder U-Bahn-Wagons.

Eigentlich soll man abgedroschene Wortbilder vermeiden, aber in diesem Fall halte ich den Vergleich mit den eingedosten Silber-Fischen für angebracht. Denn in vielen Zügen steigt die Belegung in den Stoßzeiten auf 200 bis 250 Prozent der Zugkapazität. Diese Zahl bedeutet laut amtlicher Regelung nichts anderes, als dass sich sieben bis neun Menschen, einen Quadratmeter Eisenbahnwagen teilen. Sie können ja einmal mit Ihren Arbeitskollegen ausprobieren, wie sich das anfühlt.

Anzeige

Für all‘ die, die den Körperkontakt scheuen, sei hier zudem die japanische Definition der Zugkapazität beschrieben. Bei 100 Prozent Auslastung sind alle Sitzplätze sowie die Haltestangen oder -griffe in der Nähe der Türen belegt. Bei 150 Prozent Belegung, dem Traumziel der Verkehrsplaner für die Rushhour, sollen die fünf bis sechs Menschen auf den Quadratmeter noch relativ einfach Zeitung lesen können, bei 180 Prozent muss die Zeitung schon kunstgerecht gefaltet werden. Bei 200 Prozent haben die Passagiere schon recht engen Körperkontakt, können aber zur Not noch ein Magazin oder heute wohl eher das Smartphone studieren. Bei 250 Prozent ist man endgültig Teil des Ganzen. Dann können wir Passagiere weder Arme noch Beine willentlich bewegen. Und die Masse Mensch schwingt im Rhythmus des Zuges hin und her.

Die gute Nachricht ist erstens, dass es nicht auf allen Linien und auch nicht während der gesamten Fahrt so eng zugeht. Der Spitzendruck baut sich meist zwischen bestimmten Bahnhöfen auf. Zweitens tröste ich mich damit, dass die Lage viel besser ist, als noch vor 30 oder 40 Jahren.

Damals pressten an den schlimmsten Bahnhöfen Drückerkolonnen die Menschen in die Züge, damit die Türen schließen konnten. Aber das Gedränge ist noch immer unangenehm und leider unvermeidlich. Denn man kann den Japanern wahrlich nicht den Vorwurf machen, dass ihr Personennahverkehr schlecht ausgebaut sei. Das Gegenteil ist der Fall.

In den Spitzenzeiten zwischen sechs und neun Uhr morgens fahren die Züge auf vielen Linien schon im Zweieineinhalb-Minuten-Takt. Noch öfter kann man die Bahnen nicht fahren lassen. Und auch noch länger machen kann man sie kaum, denn schon jetzt sind sie stattlich. Jeder Zug besteht in der Regel aus zehn, fast 20 Meter langen Wagons. Das Problem ist schlicht, dass Tokio mitsamt den angrenzenden Millionenstädten die größte Megacity der Welt ist.

Mehr als 30 Millionen Menschen drängen sich in einem 60 Kilometer großen Umkreis um den Kaiserpalast. Und viele dieser Menschen werden am Morgen mit Bahnen in die Stadt geschaufelt und am Abend wieder heraus. Die Schätzungen belaufen sich auf bis zu 20 Millionen Pendler pro Tag. Der größte Umsteigebahnhof Shinjuku zählt vier Millionen Passagiere täglich.

Ich frage mich jedes Mal, wenn ich mich doch in den Berufsverkehr werfen muss, wie die Menschen dies jeden Wochentag aushalten. Besonders wenn es regnet. Oder die Leiber im Hochsommer schwitzen. Oder wenn man am Abend neben einem der vielen Betrunkenen steht. Doch dann entsinne ich mich anhand meines eigenen Verhaltens, dass wir Menschen mehr Leid ertragen können, als wir es für in normalen Zeiten für möglich halten. Wir schalten dann in ein geistiges Überlebensprogramm.

Bei mir funktioniert das in etwa so: Ich gebe meine körperliche Schutzzone auf und versuche, abzuschalten. Die Priorität liegt darauf, beide Füße am Boden und möglichst beide Hände oben zu halten, um nicht sexueller Belästigung verdächtigt zu werden und vielleicht ein bisschen Halt zu finden. Schwerer fällt es, meine Tasche nicht zu verlieren.

Wenn dann die Tür aufspringt, lasse ich mich vom Strom mit nach draußen treiben, um mich danach wieder in den Zug zu drängen - bis ich mein Ziel erreicht habe. Kaum auf dem Bahnsteig, atme ich dann einmal tief durch, bevor ich zu meinen Terminen weiterhaste.

Quelle:  Handelsblatt Online
Anzeige

Twitter

Facebook

Google+

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%