Weltgeschichte: Die „smash and grab“-Epidemie

Weltgeschichte: Die „smash and grab“-Epidemie

, aktualisiert 22. März 2017, 20:26 Uhr
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Direkt vor meiner Haustür stehen drei Fahrzeuge mit eingeschlagenen und notdürftig mit Folie abgedeckten Scheiben. Keine Luxusautos, wo man dicke Brieftaschen oder teure Laptops auf den Rücksitzen vermuten könnte. Foto: Axel Postinett

von Axel PostinettQuelle:Handelsblatt Online

San Francisco leidet unter einer Epidemie mit dem Namen „smash and grab“ – einschlagen und mitnehmen. Es ist die Hauptstadt der eingeschlagenen Autoscheiben. Touristen und Einwohner sind genervt, eine Lösung nicht in Sicht.

San FranciscoDas war mit Sicherheit das teuerste Gyros, den wir je hatten. Nach gerade mal einer Stunde im Lieblingstürken „A la Turca“ auf der Geary Street, kam die böse Überraschung: Die Splitter der eingeschlagenen hinteren Seitenscheibe des nur wenige hundert Meter entfernt auf der Hyde Street geparkten SUV, waren schon aus der Entfernung zu sehen. Gestohlen wurde nichts. Jemand wollte wohl nur mal schnell reinschauen, ob sich hinter den getönten Scheiben nicht doch irgendwas verbirgt, und war dann weitergezogen. Der Ersatz der Scheibe kostete meine Bekannte Anfang Dezember rund 200 Dollar, was den Preis des Gyros, mit Trinkgeld, auf über 216 Dollar ansteigen ließ.

San Francisco leidet unter einer Epidemie. Ihr Name ist „smash and grab“, einschlagen und mitnehmen. Nach den letzten verfügbaren Zahlen waren es 2015 in der Stadt mit nicht mal einer Million Einwohner 25.899 Einbrüche in verschlossene Autos. Das sind rund zehntausend mehr als noch 2006 und nur noch knapp 1600 weniger als in Los Angeles. Doch das ist eine Stadt mit über vier Millionen Einwohnern, der Großraum LA kommt auf über elf Millionen. Und wir reden nur von den gemeldeten Autoeinbrüchen. Viele bleiben unentdeckt, weil Autofahrer weder der Polizei noch ihrer Versicherung davon berichten, denn eine positive Aufklärungsquote würde die Versicherungsprämien ansteigen lassen. Also tendiert die Aufklärungsquote gegen Null.

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Auch wenn man sich irgendwie daran gewöhnt, vor wenigen Wochen war nochmal ein Tag zum Augenöffnen. Direkt vor meiner Haustür drei Fahrzeuge mit eingeschlagenen und notdürftig mit Folie abgedeckten Scheiben. Keine Luxusautos, wo man dicke Brieftaschen oder teure Laptops auf den Rücksitzen vermuten könnte. Einfache, alte Autos, erkennbar von Menschen, die ihrem täglichen Job nachgehen um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können und für die ein paar hundert Dollar zusätzlich eine schwierige Herausforderung darstellen.

Begünstigt wird die Manie durch den Trend zu schicken SUVs und Corssover, die längst den Minivan als Familientransporter abgelöst haben. Sie alle haben keinen abschließbaren Kofferraum mehr, in dem man Wertsachen bunkern könnte. Da die hinteren Scheiben der SUV praktisch immer abgedunkelt sind, muss man sie eben einschlagen. Auf dem Weg vom Auto zum Sushi-Restaurant in Japantown, führte der Weg an einem Abend an vier Fahrzeugen mit eingeschlagenen Scheiben hintereinander vorbei. Vor einem davon lag noch eine ausgeplünderte Handtasche. Seitdem wird der Wagen immer im Parkhaus abgestellt. Wer sich das nicht leisten kann, muss sich etwas einfallen lassen. Einige Fahrer versuchen es mit einem Appell an die Vernunft:

„Hier gibt es absolut nichts zu stehen“, steht auf den Schildern. Andere hoffen auf Mitleid: „Bitte nicht schon wieder“, las sich ein anderes, „Das hatte ich schon zweimal. Ich habe einen Job mit Mindestlohn! Ich kann das wirklich nicht mehr bezahlen“. Niemand ist sicher. Selbst Polizeichef Greg Suhr räumte auf einer Veranstaltung achselzuckend ein, sein Auto sei einmal aufgebrochen und eine alte Jacke gestohlen worden. Besonders hart trifft es Touristen, wenn Koffer, Kamera, Laptop oder sogar Reisepass aus dem Mietwagen gestohlen werden.

Einige machen eine Gesetzesänderung von 2010 für den sprunghaften Anstieg verantwortlich. Fahrzeugeinbruch gehört zu den „Eigentumsdelikten ohne Gewaltanwendung gegen Personen“, die landesweit von einem „felony“, einer schweren Straftat, zu einem „misdemeanor“, einem Fehlverhalten herabgestuft wurden. Letztere können mit einem kleinen Bußgeld abgegolten werden, während erstere oft mit Gefängnisstrafen enden. Doch das erklärt nicht, warum ausgerecht in San Francisco die Autoeinbrüche stärker explodieren als in anderen kalifornischen Städten. Polizei und Stadtverwaltung sind ist ratlos.

Tipp für Touristen: Die üblichen Sicherheitsvorkehrungen wie offenes und leeres Handschuhfach und geleerte Mittelkonsole im geparkten Fahrzeug gelten in der Stadt an der Bay noch mehr als in anderen Städten der Welt. Die Stadtverwaltung hat bereits hunderte Schilder an Laternenmasten installiert mit dem ausdrücklichen Hinweis, die Autos abzuschließen und sämtliche Wertsachen mitzunehmen. Besonders für die über 8000 Obdachlosen und Drogenabhängigen in der Innenstadt (Tenderloin, Mission, South of Market) können ein paar sichtbar in der Mittelkonsole liegende Quarters, 25 Cent-Stücke für Parkuhren, schnell den Unterschied zwischen einem Abendessen oder hungrig unter der Decke im Hauseingang zu sitzen aus.

Wer als Tourist partout nicht alle Koffer mit aufs Zimmer nehmen kann, sollte den Mietwagen in der Hotelgarage abstellen, auch wenn das in der Innenstadt zwischen 50 und 80 Dollar pro Nacht kostet. Das Risiko für Straßenparker ist enorm, vom zusätzlichen Ärger mit der Mietwagenfirma einmal abgesehen. Für Touristen, die für Sehenswürdigkeiten immer mal wieder einen kurzen Stopp einlegen, versteht sich die Anmietung eines Autos mit verschließbarem Kofferraum von selbst. Schicke SUVs, so cool sie sind, vergrößern einfach das Risiko.

Wir Einwohner haben es nicht so einfach. Vielleicht, so ein nicht ganz ernst gemeinter Lösungsansatz mit Galgenhumor an einem Abend in der Stammkneipe, sollte man sich von seiner Werkstatt vorsorglich ein Fenster herausnehmen und durch Folie ersetzen lassen. Wer einbrechen will, kann es dann machen, ohne die Scheibe einzuschlagen. Der Effekt ist der gleiche, nur billiger. Oder einfach das hintere Dreiecksfenster zum Bürgersteig hin abends mit Folie abkleben. Der vorbeieilende Gelegenheitsdieb hastet weiter, weil anscheinend sein Kollege schon am Werk war. Das wäre schon fast eine Idee für ein Start Up mit maßgeschneiderten Folien für alle Autotypen.

Meine Bekannte mit der riesigen Gyrosrechnung parkt nur noch im Parkhaus wenn sie nach San Francisco kommt, auch wenn sechs bis zehn Dollar pro Stunde eine Menge Geld ist. Doch selbst das schützt nicht vollständig vor der grassierenden „smash and grab“-Epidemie. An einem Morgen fand ich die nächste traurige SMS auf dem Smartphone. Profis waren in die Tiefgarage ihres bislang sicheren Appartementkomplexes eingedrungen und hatten innerhalb kürzester Zeit fünf Autos aufgebrochen. Darunter ihres. Wiederholter Scheibenwechsel sollte in San Francisco also in die Unterhaltskosten eines Autos eingerechnet werden wie Benzin, Öl und neue Scheibenwischer. Nur eben öfter.

Quelle:  Handelsblatt Online
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