Weltgeschichte: Kaffeeklatsch auf dem Börsenparkett in Peking

Weltgeschichte: Kaffeeklatsch auf dem Börsenparkett in Peking

, aktualisiert 08. August 2017, 17:23 Uhr
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Die Börse ist für einige vor allem ein Zeitvertreib.

von Stephan ScheuerQuelle:Handelsblatt Online

Chinas Aktienmärkte werden von Kleinanlegern dominiert. Viele von ihnen sind längst im Rentenalter und erleben nicht mehr viel. Deshalb ist das Handelsparkett für sie der beste Ort für den täglichen Kaffeeklatsch.

PekingFrau Wei hat Nudeln mitgebracht. Herr Wang hat Würstchen dabei. Und Frau Tang hat Spielkarten eingepackt. Es ist 9.30 Uhr im Handelssaal des Brokers CITIC in Peking. Den Raum dominiert eine mehr als zehn Meter breite Anzeigetafel, die die Aktienkurse in Echtzeit darstellt. In China steht Rot für Gewinn und Grün für Verlust. Und an diesem Tag erfüllt nach wenigen Minuten viel Rot den Raum.

„Es läuft gut“, sagt Herr Wang. Er steht vor einem der Computer-Terminals am Rand des Saales. Hier kann er seine Order für den Kauf und Verkauf von Aktien platzieren. „Ich nehme immer Firmen, die ich gut kenne“, sagt Herr Wang. Er ist 67 und schon seit sieben Jahren in Rente. „Ich war in der Baubranche. Ein gutes Geschäft, aber reich bin ich nicht“, sagt er. Der Handel an der Börse sei mehr Zeitvertreib als ernsthaftes Investment. Er lege nur „Spielgeld“ an sagt er, will aber nicht verraten, wie viel er von seinem Ersparten investiert hat.

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Die Aktienmärkte in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt werden von Kleinanlegern wie Herrn Wang dominiert. Die Börsenaufsicht zählte zuletzt mehr als 100 Millionen Aktiendepots. Damit hätte die Volksrepublik mehr Aktionäre als die Kommunistische Partei Chinas Mitglieder hat. Viele der Anleger sind Rentner, die mit der Spekulation ihr Einkommen aufbessern wollen. Jüngere Anleger platzieren ihre Order vom Computer oder Smartphone aus. Aber in den Handelssälen regieren Chinas Senioren.

Es sind Menschen wie Frau Wei. Sie ist eine freundliche Frau. Alle paar Minuten muss sie laut auflachen. Mit ihrer hohen Stimme klingt das fast wie das Zwitschern eines kleinen Vogels. „Ich kenne jeden hier“, sagt Frau Wei. Vor zehn Jahren sei sie in Rente gegangen. „Seitdem bin ich fast jeden Tag hier. Es ist fast wie eine Arbeit. Montags bis freitags heißt es: Auf zur Börse“, sagt die 65-Jährige und lacht wieder laut auf.

Der wichtigste Moment des Tages ist jedoch nicht der Auftakt des Handelstages um 9.30 Uhr, sondern der Beginn der Mittagspause zwei Stunden später. „Jetzt geht es los“, sagt Frau Wei. Sie hat eine weiße Holzplatte mitgebracht, die sie über die Reihen aus Plastikstühlen legt. Herr Wang reicht Würstchen, während Frau Tang die Karten verteilt.

Als um 13 Uhr der Handel weitergeht, schauen die drei kurz auf, aber spielen weiter. „Die Börse läuft schon nicht weg“, sagt Frau Wei und lacht wieder. Eine Viertelstunde später ist das Spiel vorbei. Frau Tang packt die Karten weg und Frau Wei stellt das Brett auf die Seite. Herr Wang schlurft zurück zum Terminal.

„Jetzt heißt es Endspurt“, sagt Frau Wei. Sie zückt ihr Smartphone. Aktienkurse flimmern auf dem Display. „Ich habe leider kein gutes Händchen“, sagt sie. Die Kurse der meisten ihrer Papiere schimmern in grün – sie hat also Verlust gemacht. Sie erzählt davon, was sie ihrem Enkelkind alles kaufen möchte, wenn sie einmal das große Geld an der Börse verdient hat. Sie gerät ins Schwelgen, über die große weite Welt, die sie irgendwann bereisen möchte und über das Leben in Peking, wie viel besser es früher war.

Dann legt ihr Frau Tang die Hand auf die Schulter. Frau Wei blickt auf und nickt ihr zu. „Es ist Zeit zu gehen“, sagt sie. Es ist 15 Uhr, und der Handelstag ist vorbei. Aber morgen sei sie pünktlich um 9.30 Uhr zurück. „Das ist ja mein Job“, sagt sie, und lacht wieder.

Quelle:  Handelsblatt Online
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