Weltgeschichte: Operación Bikini

Weltgeschichte: Operación Bikini

, aktualisiert 31. Juli 2017, 16:52 Uhr
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In Madrid, der höchsten Hauptstadt der EU, können es im Sommer auch schon einmal 40 Grad werden.

von Sandra LouvenQuelle:Handelsblatt Online

Die Spanier bereiten sich auf die heißen Sommer-Monate minutiös vor: Mit kürzeren Arbeitszeiten, Fitness für die Pool-Figur und Technik-Innovationen für den Strandurlaub .

MadridMadrid ist eine wunderbare Stadt – an neun Monaten im Jahr. Von Juni bis August ist sie die Hölle. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn die Temperaturen steigen dann leicht über 40 Grad, dieses Jahr war es sogar schon im Juni soweit, im kalendarischen Frühling!

Bei mir hat das zu einem totalen Umdenken geführt: In Deutschland habe ich unangenehme Arbeiten wie Schränke ausmisten oder die Steuer-Erklärung an Regen- oder Wintertagen erledigt. In Madrid hebe ich mir das für den Sommer auf. Selbst bis spät in die Nacht glüht die Sonne vom Beton zurück und die Stadt verwandelt sich in einen riesigen Ofen. In den heißtesten Stunden, am späten Nachmittag, sind die Straßen menschenleer. Wer nicht unbedingt muss, verlässt Büro oder Wohnung nicht.

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Dabei bereiten sich die Spanier vorher minutiös auf den Sommer vor – und zwar auf die Stunden, die sie jenseits der eigenen vier Wände verbringen. Spätestens ab Ende Mai spricht das ganze Land von der „Operación Bikini“. Damit sind Fitnesseinheiten, Diäten oder Hautkuren gemeint –alles, um am Strand oder dem heimischen Pool eine gute Figur zu machen.

Viele Wohnanlagen haben ein Schwimmbad im Garten, das in der Regel von Anfang Juni bis Mitte September öffnet. Dort will jeder vor den Nachbarn glänzen, die er sonst oft das ganze Jahr über nicht sieht. Wer sich spanische Pool-Nachmittage jetzt als ausgelassene Fiestas vorstellt, der irrt: Im bürokratisch durchregulierten Spanien ist baden nur erlaubt, wenn der Bademeister da ist.

Und der hat seine geregelten Zeiten: Meist ein paar Stunden am Vormittag und nach dem späten Mittagessen oft bis 21:30 Uhr am Abend. Häufig gibt es auch genaue Regeln dafür, wie viele Freunde man zum Schwimmen einladen darf, damit die Wohnungs-Pools nicht noch voller werden als die Freibäder. Der Pool ist für Spanier auch kein Luxus wie etwa in Deutschland, sondern nahezu die einzige Alternative, um die eigenen vier Wände zu den Sonnenstunden zu verlassen.

Für die wenigen, die zuhause keine Klimaanlage haben, ist in den Elektromärkten dieses Jahr der letzte Schrei ein Ventilator, der neben Luft auch noch Eiswasser versprüht – ganz nach dem Vorbild der Straßencafés, in die ohne den allgegenwärtigen Sprühnebel wohl auch niemand gehen würde.

Auch die Unternehmen stellen sich auf die Hitze ein: Im Sommer gilt bei vielen spanischen Firmen die „jornada intensiva“, der intensive Arbeitstag. Das ist allerdings nichts anderes als die euphemistische Beschreibung dafür, dass meist im Juli und August weniger Stunden gearbeitet werden – etwa von 8 bis 15 Uhr. Manchmal wird die Zeit im Rest des Jahres vor- oder nachgearbeitet, manchmal steckt dahinter ein reines Entgegenkommen des Unternehmens gegenüber seinen Angestellten.

Auch die Urlaubsorte rüsten im Sommer auf, und zwar technologisch: Das spanische Startup Vagueoo hat eine App entwickelt, mit der Badegäste am Strand lokalisiert werden können. Hungrige oder durstige Badegäste verbindet die App mit dem nächstgelegenen Geschäft, das die Bestellung dann direkt zum Handtuch liefert. Andere Apps berechnen die ultraviolette Strahlung vor Ort und errechnen, wie lange ein Sonnenanbeter das UV-Licht genießen kann. Neben Bademeistern überwachen zudem Drohnen die Küsten – und werfen im Notfall die aufblasbare Rettungsweste ab.

Während die Sonne an den Küsten und in vielen Regionen Spaniens dosierter und sehr willkommen ist, ächzen die Hauptstädter Jahr für Jahr unter Rekordtemperaturen. Madrid liegt auf 667 Metern und ist damit die höchste Hauptstadt der EU. Entsprechend heiß sind die Sommer und kalt die Winter. Viele Madrilenen fliehen im Juli und August in ihre Ferienhäuser oder zur Familie aufs Land. Für die Zurückgebliebenen hat das zumindest den Vorteil, dass die Stadt ruhiger ist und die Dachterrassen nicht ganz so überfüllt sind. Die Hitze allerdings, die muss jeder allein ertragen. Oder eben in Gesellschaft seiner Steuererklärung.

Quelle:  Handelsblatt Online
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