Weltgeschichte: Vermüllter Kapitalismus und der Hitzlsperger-Faktor

Weltgeschichte: Vermüllter Kapitalismus und der Hitzlsperger-Faktor

, aktualisiert 08. Juni 2017, 19:24 Uhr
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In Erdington haben 63 Prozent für den Austritt aus der EU gestimmt und stehen hinter Theresa May.

von Katharina SlodczykQuelle:Handelsblatt Online

Die Weltanschauung der britischen Premierministerin ist nach Erdington benannt – einer Stadt im Norden Englands. Ein Ortsbesuch bei Menschen, die eher simple Dinge wollen: etwa eine Lösung für ihr Müllproblem.

LondonNein, mit einer Journalistin will er eigentlich gar nicht reden – schon gar nicht mit einer ausländischen, sagt der Mann. Er sitzt zusammen mit zwei Freunden auf einer Bank im Schatten einer Kirche im Zentrum von Erdington, einer Stadt nördlich von Birmingham. Alle sind sie Rentner und jenseits der 70.

Der Mann, der eigentlich gar nichts sagen will, wird dann doch schnell redselig: „Wissen Sie, warum ich nicht gerne mit ausländischen Journalisten rede? Weil sie eigentlich nur wissen wollen, ob ich für Brexit gestimmt habe und ob ich was gegen Ausländer habe.“ Dazu möchte er nichts sagen. Nur so viel: „Gegen Deutsche hab ich eigentlich nichts. Ich war ja auch Aston-Villa-Fan, als Thomas Hitzlsperger dort spielte. Ein toller Fußballer.“

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Das ist an einem kühlen Mai-Tag meine Einstimmung auf Erdington, gut 22.000 Einwohner, 63 Prozent haben für den Austritt aus der EU gestimmt und damit deutlich mehr als Landesdurchschnitt. Die Arbeitslosenquote liegt hier doppelt so hoch wie sonst auf der Insel. Gut 17 Prozent der Menschen in Erdington haben keine Schulabschluss. Auch diese Zahl ist deutlich höher als im Rest des Landes.

Hier in Erdington ist Nick Timothy aufgewachsen, einer der engsten Berater von Premierministerin Theresa May und einer ihrer Stabschef. Der Mann beeinflusst wie kaum ein anderer ihre Weltanschauung und fasst sie in Worte. Sätze in Mays Wahlprogramm wie „Wir glauben nicht an ungezügelte freie Märkte“ und „Wir lehnen eigennützigen Individualismus ab“ tragen Timothys Handschrift.

Rhetorisch grenzt sich May damit von der bisherigen Ideologie ihrer konservativen Partei ab, um für die Menschen in Erdington wählbar zu werden. Sie will klassische Labour-Wähler dazu bringen, dieses Mal ganz anders zu stimmen – mit diesem so genannten „Erdington Konservatismus“ oder „Mayism“, wie einige Beobachter ihre Weltanschauung nennen.

Kann das Kalkül aufgehen? Der Hitzlsperger-Fan will sich nicht äußern. Seine beiden Freunde, traditionelle Labour-Wähler, sind dagegen voll des Lobes für Theresa May. Ja, sie habe den nötigen Biss, sagt der eine. Und der andere nickt energisch.

Einige Meter weiter die Haupteinkaufsstraße von Erdington entlang kommen zwei junge Mütter mit drei kleineren Kindern aus einem Café: Kay und Sarah, beide Anfang 20. Nein, bisher hätten sie noch nie gewählt und sie wüssten auch nicht, ob sie es dieses Mal tun würden. „Meine Eltern sagen immer, es ändert sich eh nichts, egal wen man wählt“, sagt Kay. Ihre Freundin widerspricht: „Doch, alles ist schlimmer geworden, obwohl meine Eltern immer Labour wählten und die Labour-Politiker Besserung versprachen.“

Ähnlich sehen zwei jüngere Männer die Lage, die sich vor einem Pub eine Zigarette anzünden. Im Restaurant eines Einkaufsmarkts um die Ecke, in dem sich Chris Parker und seine Frau ein gebratenes Hähnchen mit Pommes für umgerechnet vier Euro bestellen, gibt es zwar keinen Widerspruch zur grundsätzlichen Analyse der Raucher, dass es mit Erdington abwärts geht, aber dennoch ein vehementes Bekenntnis zur Labour – wenn auch ohne Begründung: „Mit Sicherheit werden wir wieder Labour wählen, was denn sonst“, sagt Parker.

Vom Erdington Konservativismus haben die meisten Menschen hier ohnehin nichts gehört, auch wenn sich eine ganze Reihe von ihnen vorstellen kann, Theresa May zu wählen. Aber eigentlich sind die Menschen hier unideologisch an ganz praktischen Dingen interessiert: etwa daran, dass die Politiker das Müllproblem in der Gegend in Griff bekommen.

„Schauen sie sich doch mal ganz genau um, unter Brücken, hinter Hecken oder manchmal auf Parkplätzen – regelmäßig wird dort illegal Müll abgeladen“, klagt Jon Goshawk, einer der drei Männer an der Kirche. Seit Jahren würde die Stadtverwaltung das nicht in den Griff bekommen. Die Wahl könnte sich an solchen Dingen entscheiden – daran, welcher Politiker die Lösung solcher Probleme verspricht. In Mays Wahlprogramm ist davon allerdings nicht die Rede.

Quelle:  Handelsblatt Online
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