Weltgeschichte: Viereinhalb Stunden für einen Stempel

Weltgeschichte: Viereinhalb Stunden für einen Stempel

, aktualisiert 09. August 2017, 17:46 Uhr
Bild vergrößern

Thailand freut sich über einen großen Touristen-Boom. Allerdings sind die Sicherheitskräfte am Flughafen mit dem Ansturm komplett überfordert.

von Mathias PeerQuelle:Handelsblatt Online

Bangkok ist die meistbesuchte Stadt der Welt. Das merkt man schon am Flughafen: Beim langen Warten an der Grenzkontrolle bemüht sich unser Korrespondent um Gelassenheit – und träumt vom Flughafenparadies in Singapur.

BangkokSo richtig abschalten, sich treiben lassen, Zeit mit der Familie verbringen: Die Vorsätze, mit denen Touristen nach Thailand reisen, lassen sich neuerdings schon bei der Ankunft am Flughafen abhaken – allerdings auf die eher unangenehme Art. Weil die Grenzbeamten mit dem immer größer werdenden Urlauberansturm nicht mehr zurechtkommen, sind die Besucher mitunter stundenlang zum Nichtstun verdammt, bevor sie das Land betreten dürfen. Die perfekte Einstimmung auf die ereignislosen Nachmittage im Schatten der Kokospalme!

Der Zwang zum Innehalten traf am vergangenen Wochenende in der Hauptstadt Bangkok erneut Tausende Touristen: Mitten in der Nacht standen sie für viereinhalb Stunden vor der Passkontrolle an. Die Szenerie erinnerte ein bisschen an Apple-Fans, die am ersten Verkaufstag eines neuen iPhones vor den Elektronikläden campieren. Statt eines schicken Elektronikspielzeuges bekommen die Reisenden in Thailand am Ende der Schlange jedoch nur einen öden Stempel in den Pass.

Anzeige

An den Tagen, an denen ich selbst zu den Unglücklichen gehöre, die in den Menschenmassen am Flughafen untergehen, versuche ich es positiv zu sehen: Andere müssen wochenlang in ein Schweigekloster gehen. Mir reicht schon das Warten auf den Sicherheitscheck, um mein Leben zu entschleunigen. Um buddhistische Philosophie zu verinnerlichen, gibt es ohnehin keinen besseren Ort als überfüllte Flughafenterminals: „Geduld“, soll der Religionsgründer gesagt haben, „ist das beste Gebet“.

Wenn sich Flughafenbetreiber und Behörden aber nur auf das Beten verlassen, könnten die extremen Geduldsprobe zur Einreise bald zum Normalfall werden: Denn Thailands Besucherzahlen stiegen bereits im vergangenen Jahr auf fast 33 Millionen – ein neuer Rekord. Bangkok war laut einer Studie von Mastercard die von den meisten internationalen Gästen besuchte Metropole der Welt – vor London, Paris, Dubai und New York. Auch in diesem Jahr dürften wieder mehr Menschen an Bangkoks Flughäfen landen als jemals zuvor: Im ersten Halbjahr stiegen die Besucherzahlen erneut um fünf Prozent.

Dabei sind die Thailänder nicht die einzigen, bei denen der Andrang so groß ist wie an der Strandbar kurz vor dem Ende der Happy Hour: In den nächsten zwei Jahrzehnten wird die Zahl der Fluggäste im gesamten Asien-Pazifik-Raum so stark wachsen wie nirgendwo sonst auf der Welt – von aktuell 1,3 auf dann 3,1 Milliarden Passagiere im Jahr laut Prognosen der Branchenvereinigung IATA.

Auf den Ansturm scheinen andere Metropolen deutlich besser vorbereitet zu sein als Bangkok. Während meiner Gelassenheitsübungen in den Warteschlangen geht mir immer wieder eine Reise durch den Kopf, die mir vor einigen Jahren 14 Stunden Aufenthalt an Singapurs Changi-Flughafen bescherte. An den meisten Orten der Welt wäre das eine Qual. Singapur hält aber nicht zu Unrecht seit fünf Jahren den Titel des weltbesten Flughafens. Es gibt Gartenanlagen, ein Kino, Kunstausstellungen und sogar einen Swimming-Pool mit Jacuzzi auf dem Dach. Das beste an dem Schwimmbad: Kaum jemand kennt es, man ist deshalb ziemlich oft ganz allein.

Der überlastete Don-Mueang-Flughafen in Bangkok ist dazu das volle Kontrastprogramm. Der Ärger einer Singapurerin, die am Wochenende vor der Passkontrolle feststeckte, ist vor diesem Hintergrund besonders verständlich. Sie stoppte mit: Vier Stunden und 20 Minuten wartete sie vor dem Schalter der Einwanderungsbehörden – das ist fast doppelt so lang wie der Flug zwischen den beiden Städten dauert. Nach dem medialen Aufschrei über den schlechten Empfang, den Bangkok seinen Gästen bereitet, versprechen die Behörden nun, künftig mehr Personal einzusetzen.

Es ist nicht das erste Mal, dass sie sich für extrem lange Wartezeiten rechtfertigen müssen: Zu Jahresbeginn verhängten sie als Konsequenz ein Pinkelpausenverbot für die Mitarbeiter, um die Besucher schneller abzufertigen. Bei solchen tiefgreifenden Maßnahmen ist auch im Interesse der Beamten zu hoffen, dass die Verstärkung nicht lange auf sich warten lässt.

Quelle:  Handelsblatt Online
Anzeige

Twitter

Facebook

Google+

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%