Weltgeschichte: Wie das alte Peking zugemauert wird

Weltgeschichte: Wie das alte Peking zugemauert wird

, aktualisiert 08. September 2017, 18:45 Uhr
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Pekings Bauamt mauert Geschäfte in Wohngebieten zu.

von Stephan ScheuerQuelle:Handelsblatt Online

Chinas Hauptstadt hat eine große Aufräumkampagne angestoßen. Geschäfte und Restaurants ohne die nötigen Papiere werden verdrängt. Reagiert ein Besitzer nicht schnell, kommen Bauarbeiter und vermauern Türen und Fenster.

PekingEs gibt einen Gemüseladen, in dem ich mich immer für die ganze Woche eindecke. Die Besitzer grüßen mich mit meinem Namen. Sie erzählen vom neuesten Klatsch und Tratsch in unserem Viertel. Und sie wissen genau, was ich brauche. Doch als ich ihnen für meinen Wocheneinkauf einen Besuch abstatten wollte, stand ich plötzlich vor einer neuen Mauer. Wo einst die Eingangstüre war, schaute ich nur noch auf frisch aufgeschichtete Ziegelsteine. Das Pekinger Bauamt hatte das drakonische Vorgehen gegen den Gemüseladen und alle anderen Geschäfte auf der Einkaufsstraße veranlasst.

Der Besitzer, Herr Zhao, lebt schon seit 15 Jahren in Peking. Es ist ein Familienbetrieb für ihn. Seine Frau arbeitet mit und auch sein Vater packt mit an. Ihre Heimat ist in der ostchinesischen Provinz Shandong. Peking war für sie immer die Verheißung von Wohlstand. „Ich kann mich nicht beklagen“, sagt Herr Zhao.

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Das Obstgeschäft läuft gut. Es ist immer voll mit Kunden. Das Geschäft ist an einer großen Verkehrsstraße neben einem Wohngebiet am zweiten Innenstadtring. Herr Zhao wusste, dass er sich damit zwar einen guten Ort ausgewählt hatte, um viele Kunden anzulocken. Er wusste jedoch auch, dass die Häuser an dieser Straße eigentlich als Wohngebiet ausgewiesen waren. Folglich dürfen dort eigentlich keine Geschäfte betrieben werden.

Eigentlich. Denn Pekings Bauamt nahm es mit dieser Regel in den vergangen Jahren nie so genau. Die gesamte Straße hat sich in eine Einkaufsmeile verwandelt. Zumindest bis zum vergangenen Wochenende. Dann kamen Bauarbeiter mit Lastwagen voller Ziegelsteine. Wachmänner sorgten dafür, dass sich keiner der Geschäfteinhaber ihnen in den Weg stellen konnte. Innerhalb eines Tages war die ganze Häuserzeile zugemauert. „Ich habe bis zuletzt gehofft, dass sie uns in Ruhe lassen würden“, sagt Herr Zhao. Doch der Wunsch wurde nicht Realität.

Wie Herr Zhao hat es zehntausende von Geschäfteinhabern getroffen. 200.000 Menschen sind von der „Sauberkeitskampagne“ betroffen, schreibt die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua.

Zwei Wochen. Das war die Schonfrist, die Herr Liu bekam hat, um sein Lebenswerk abzuwickeln. Im Herzen Pekings hatte er eine Bar betrieben. Liu genoss den Charme der alten Wohnhäuser, der sogenannten Hutongs. Die engen Gassen und die einstöckigen Gebäude machten die Atmosphäre aus, die den Besuch in seiner Bar auszeichneten. Doch dann bekam er einen Zettel der Behörden zugestellt, der ihm zwei Wochen einräumte, um sein Geschäft aufzulösen.

„14 Tage später kamen die Bauarbeiten“, sagt Liu. Die rissen die vordere Hauswand mit der Eingangstür und den Fenstern ab. Innerhalb von Stunden zogen die Arbeiter eine neue Mauer hoch. Dieses Mal allerdings ohne Türe. „Unsere Kunden mussten die Bar durch einen Hintereingang betreten“, sagt Liu. Die Zukunft ist ungewiss.

Doch nicht alle in Peking sehen die Kampagne negativ. Ein Anwohner von Herr Zhao sagt: „Es ist richtig, was die Regierung macht.“ Chinas Hauptstadt dürfe nicht länger wie ein Flickenteppich aussehen. Es solle geordnet abgehen. „So wie bei euch in Deutschland“, meint er. Außerdem würden die Geschäfte doch von Zugezogenen betrieben. „Wir in Peking waren dankbar, dass sie uns die Stadt aufgebaut haben. Aber jetzt ist es Zeit für sie zu gehen“, sagt der Nachbar.

Doch Herr Zhao will sich nicht so schnell vertreiben lassen. „Ich habe einen neuen Ort für das Geschäft gefunden“, sagt er. Der sei zwar nicht so ideal wie der alte Ort. „Aber ich habe große Hoffnung, dass es auch dort für uns gut laufen wird.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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