Weltgeschichten: Die Schlacht um Berkeley

Weltgeschichten: Die Schlacht um Berkeley

, aktualisiert 02. Mai 2017, 20:02 Uhr
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Sobald der hochumstrittene ehemaliger Breitbart-Hetzer Milo Yiannopoulos in der Öffentlichkeit spricht, kommt es zu großen Protesten. In Berkley konnten Demonstranten die Rede verhindern - Yiannopoulos plant jedoch einen zweiten Besuch.

Quelle:Handelsblatt Online

Sie könnten überall sprechen und ihr Gift versprühen. Aber ultrakonservative Provokateure haben sich Berkeley in Kalifornien als Lieblingsort ausgesucht. Sie wollen die Hochburg des ungehorsamen Amerikas schleifen.

Der 27. April war ein schöner Tag in der „East Bay“. So wird die Region um Oakland und die Universitätsstadt Berkeley genannt. Trotzdem empfahl die lokale Polizei, den Campus der Universität weiträumig zu meiden. Wer sich in Menschenansammlungen wiederfinde, die auch nur ansatzweise nach Gewalttätigkeit aussehen könnten, sollte schleunigst machen, dass er wegkomme, so der Rat, der auch in den örtlichen TV-Stationen verbreitet wurde. Polizisten in Kampfmontur waren aufgezogen. Obwohl die ultrarechte Provokateurin Ann Coulter am Mittwoch noch in letzter Minute ihren geplanten Auftritt in der Uni abgesagt hatte, waren zahlreiche Gruppen aufmarschiert, von linken Antifa-Gruppierungen bis zu rechten Militaria-Truppen und Trump-Unterstützern. Die Rede der gern als „Queen of Hate“, die Königin des Hasses, genannten Coulter, war eigentlich längst egal. Es ging darum, wem der historische Campus der Uni gehört. Man traf sich auf dem Unigelände wie die Hooligans nach dem Fußballspiel, um seine Rivalitäten auszutragen. Dank der Polizeipräsenz blieb es ruhig, es gab acht Verhaftungen, keine Ausschreitungen oder Sachschaden.

Das war im Februar noch anders, als der hochumstrittene ehemaliger Breitbart-Hetzer Milo Yiannopoulos in Berkeley sprechen wollte. Wüste Ausschreitungen waren die Folge, Sachschäden, Verletzte, Tumulte bis in die Nacht, die Yiannopoulos schließlich zwangen, wieder abzureisen. Mittlerweile ist der bekennende Homosexuelle, der sich gern über Transgender-Menschen lustig macht, bei Breitbart gefeuert und hat einen lukrativen Buchvertrag verloren. Tonaufnahmen waren aufgetaucht, in denen er von den angeblichen Vorzügen von sexuellen Kontakten Minderjähriger mit erwachsenen Männern schwärmt. Peinlich genug: Präsident Donald Trump hatte im Februar noch gedroht, wegen Milos Behandlung Berkeley finanzielle Unterstützung zu entziehen.

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Geburtsort des „Free Speech Movements“

Doch Yiannopoulos will wiederkommen: Eine ganze „Woche der freien Rede“ will Milo in Berkeley abhalten. Finanziert mit zwölf Millionen Dollar von unbekannten Spendern will er „Journalisten, Professoren, Politikern, Black-Lives-Matter-Aktivisten, Feministen und anderen „professionellen Opfern“ das Leben zur Hölle machen“, wie er in einem Interview mit „Vanity Fair“ ankündigt.

Der gebürtige Brite geht sogar so weit, einen „Mario Savio“-Preis für freie Meinungsäußerung aufzulegen. Das geht jetzt wirklich ans Eingemachte der Menschen hier, die mit Stolz auf ihre Vergangenheit als rebellierende Freiheitsliebende zurückblicken. Ihre Uni ist der Geburtsort des „Free Speech Movements“. Savio war der Anführer einer Gruppe, die über Monate mit der Universitätsleitung über freies Rederecht debattierte. Als im Oktober 1964 einer der Ihren verhaftet und in ein Polizeiauto verfrachtet wurde, sammelten sich in wenigen Minuten fast 6.000 Studenten rund um das Fahrzeug und ließen es nicht passieren. Redner erklommen das Fahrzeugdach, vorsichtig auf Strümpfen, um es nicht zu beschädigen. Eine spontane Sammlung brachte das Geld zusammen, um etwaige Schäden am Auto zu bezahlen. Fast zwei Tage stand der Wagen da, bis der Demonstrant freigelassen wurde (https://www.youtube.com/watch?v=MufwTCgodmM).

Im November 1964 eskalierten die friedlichen Proteste, Polizei rückte ein, Massenverhaftungen, autorisiert durch den republikanischen Gouverneur. fanden statt. Künstler wie Joan Baez mischten sich ein, unter „We shall overcome“ besetzten Aktivsten die Uni-Verwaltung. In einer letzten Aktion versammelte die Verwaltung die Studenten im griechischen Open-Air-Theater, um zu rechtfertigen, warum sie politische Aktionen nicht akzeptieren wolle. Als Mario Savio am Ende das Mikrofon ergreifen sollte, überwältigten ihn Polizisten und zerrten ihn aus der Arena wie heute Fluggäste aus einem United-Airlines-Flug. Die Hölle brach los. Am nächsten Tag erlaubte die Universität politische Aktivitäten und Berkeley wurde das Zentrum der freiheitlichen und liberalen Bewegung.


Unterdrückung der konservativen Welt?

Ob Vietnam-Krieg oder Menschenrechtsbewegung, Berkeley wurde das Zuhause für Intellektuelle aus ganz Amerika. Im benachbarten San Francisco begann die Zeit der Hippies und der Flower Power. Woodstock begeisterte die Jugend. Amerika erwachte aus dem langen Delirium der verstaubten 50er-Jahre. Was als Protest einer kleinen Gruppe von Studenten begann, denen verboten werden sollte, ihre Klapptische mit Flugblättern aufzustellen, veränderte den Lauf der Geschichte der USA, und Savio war der Held der Bewegung.

Es ist diese kämpferische Vergangenheit, die jetzt die Rechtsausleger der Politik anzieht. Seit Donald Trumps Wahlsieg halten Aktivisten wie Coulter oder Yiannopoulos die Mär von der Unterdrückung der konservativen Redefreiheit hoch: in Sozialen Netzwerken, den Medien und natürlich den Universitäten. Die Geschichte von der Unterdrückung der konservativen Welt soll jetzt von Berkeley aus in die USA getragen werden. Dabei, das übersehen die konservativen Veranstalter der Reden der beiden Berufs-Trolle, hat die Universität in 1964 auch festgelegt, dass sie den Inhalt zwar nicht zensieren wird, aber das alleinige Recht hat, Veranstaltungsort und -zeit festzulegen und die Sicherheit zu garantieren. Coulter zum Beispiel hat einen Ersatztermin angeboten bekommen, den sie abgelehnt hat. Was zählt, ist die Konfrontation und die Eroberung von Berkeley wäre der Durchbruch.

Berkeley ist auch aus anderem Grund eine Festung, die geschleift werden muss. Die Ereignisse von 1964 haben einem eher untalentierten Schauspieler, der Hollywood verlassen hatte, um Politiker zu werden, einen Karriereschub verliehen: Ronald Reagan. Seine Abscheu gegen die Ereignisse von 1964 waren zentraler Bestandteil seines erfolgreichen Wahlkampfs zum Gouverneur von Kalifornien im Jahr 1966. Eigentlich hatte er nur zwei Themen: die „Sozialschmarotzer wieder zur Arbeit zu bringen“ und „den Mist in Berkeley aufzuräumen“. 1969 ordnete er den Einsatz von Polizei und Militär an, um die Protestbewegung in Berkeley niederzuschlagen. Ein Tag, der als „bloody Thursday“, blutiger Donnerstag, in die Geschichte Kaliforniens eingehen sollte. Später besetzten auf seinen Befehl 2.200 Nationalgardisten die Stadt für zwei Wochen, um die Proteste niederzuschlagen.
Für Berkeley kündigen sich also harte Zeiten an. Niemand anderes sieht sich als legitimer Nachfolger des späteren US-Präsidenten Ronald Reagan als Donald Trump, der amtierende 45. Präsident. Und Ann Coulter und Milo Yiannopoulos waren immer seine treuen Steigbügelhalter. Ihre Mission sehen sie mit der Wahl aber noch längst nicht abgeschlossen. Sie fängt gerade erst an, und zwar in Berkeley.

Quelle:  Handelsblatt Online
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