Weltgeschichten: Die Waran–Frage

Weltgeschichten: Die Waran–Frage

, aktualisiert 14. Juni 2017, 20:27 Uhr
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Im Lumpini-Park in Bangkok sind Warane, Echsen die bis zu 3 Meter lang werden können , eine beliebte Touristenattraktion. Problem ist die rasante Vermehrung der Tiere.

von Frederic SpohrQuelle:Handelsblatt Online

Ein Hunderudel als Straßenkontrolleur und Warane, die den Park übernehmen. Das Gleichgewicht der öffentlichen Ordnung ist in Thailand etwas anders, als auf dem Rest der Welt. Eine Weltgeschichte.

BangkokMeine Straße in Bangkok wird von einem Hunderudel kontrolliert. Ich wohne am Ende der Sackgasse, deswegen bin ich ihnen ausgeliefert. Wenn ich in die Stadt will, muss ich an ihnen vorbei. Es gibt keinen anderen Weg. Ich weiß nicht, wem die Tiere gehören, aber vermutlich niemandem. Sie wurden einfach zurückgelassen und keiner fühlt sich für das von ihnen ausgehende Risiko verantwortlich, wie bei Tretminen in einem gescheiterten Staat. Zu Fuß kann ich mich unauffällig an ihnen vorbeischleichen. Aber mit dem Motorrad ist es aussichtslos, das Motorgeräusch macht sie wütend. Wenn ich jemandem auf dem Rücksitz habe, rufe ich an der entsprechenden Stelle laut „Festhalten!” Dann gebe ich Gas, um ihrem Angriff zu entkommen.

In Deutschland hätte sich in meiner Nachbarschaft schon längst eine Bürgerinitiative gegründet, oder irgendein Amt wäre gekommen. Meine Nachbarn und die thailändischen Behörden sehen das Hunde-Problem aber entspannter: Man ist eben toleranter und drückt gerne ein Auge zu, egal ob gegenüber Menschen oder Tieren. Das hat viele Vorteile, beispielsweise wenn man laut Musik hören oder betrunken Auto fahren will.

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Es hat aber auch viele Nachteile: Zum Beispiel wenn man gerne schlafen will oder im Straßenverkehr überleben möchte. Das ist das Yin und Yang der öffentlichen Ordnung, man muss die richtige Balance finden. In Bangkok ist dieses Gleichgewicht etwas verschoben. Im zentralen Lumpini-Park zum Beispiel vermehren sich sehr große Warane in atemberaubender Geschwindigkeit. Man sieht sie auch auf den Straßen. Angeblich sind sie friedlich, aber ich habe schon gesehen, wie sie einen Jogger angefaucht haben.

Vielleicht reden sich die Thais die Lage etwas schön: Es heißt, wer einen Waran im Haus hat, wird ein reicher Mann. Dass der Waran ins Haus kommen muss, und es nicht genügt, ihm auf der Straße zu begegnen, sagt schon viel über die Toleranzgrenze aus. Das amerikanische „Time“-Magazine berichtete, die Waran-Situation sei „total außer Kontrolle”. Irgendwann kamen ein paar Beamte und sammelten rund hundert der Reptilien im Park ein. Die Behörden inszenierten die Aktion wie eine Razzia gegen Terroristen oder ein Drogenkartell. Als wollten sie beweisen: Seht her, die Staatsgewalt liegt noch bei uns.

An anderen Orten wurde dagegen längst kapituliert. In der Stadt Lopburi haben Affen die Kontrolle über einen ganzen Stadtteil übernommen. Sie verprügeln Kleinkinder und stehlen Wertgegenstände. Wenn man die Tiere zurechtweist, beißen sie einen. Viele Bewohner haben ihre Fenster vernagelt. Die Einheimischen versuchen, das Beste daraus zu machen und haben eine Touristenattraktion daraus gemacht. Alles bricht zusammen, aber immerhin verdienen sie etwas Geld damit. Diese Möglichkeit habe ich leider nicht – für die garstigen Hunde in meiner Straße interessiert sich wohl leider niemand. Um reich zu werden, muss ich sie wohl zu mir ins Haus holen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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