Weltgeschichten: Freunde und Friends

Weltgeschichten: Freunde und Friends

, aktualisiert 20. Januar 2017, 15:38 Uhr
Bild vergrößern

Amerikaner reden auch von „good friends“, „close friends“, „really good friends“, „true friends“.

von Frank WiebeQuelle:Handelsblatt Online

Als ich vor über vier Jahren in die USA gegangen bin, sagte ein deutscher Freund zu mir: „In den USA gibt es doch keine Freunde, oder? Da gibt es nur ‚friends‘.“ Diesem Vorurteil bin ich auch bei Deutschen in den USA begegnet, oder zumindest der Klage darüber, Freundschaften mit Amerikanern seien oft sehr oberflächlich.

New York CityAls ich vor über vier Jahren in die USA gegangen bin, sagte ein deutscher Freund zu mir: „In den USA gibt es doch keine Freunde, oder? Da gibt es doch nur ‚friends‘.“ Diesem Vorurteil bin ich auch bei Deutschen in den USA begegnet, oder zumindest der Klage darüber, Freundschaften mit Amerikanern seien oft sehr oberflächlich.

Ich kann das nicht bestätigen. Nach meiner Erfahrung gibt es in Amerika sehr gute und keineswegs oberflächliche Freundschaften. Aber richtig ist, dass Freundschaft in den USA etwas anders funktioniert. Hinzu kommt, dass die Worte „Freund“ und „friend“ ähnlich klingen, aber eine andere Bedeutung haben.

Anzeige

„Friends“ sind in Amerika häufig Leute, die wir als „Bekannte“ bezeichnen würden. Zumindest in der Generation, die noch kein amerikanisiertes Deutsch redet. Das ist so ähnlich, als wenn man im Deutschen von „Geschäftsfreunden“ oder „Parteifreunden“ spricht – also Leuten, die oft keine wirklichen Freunde sind. In den letzten Jahren sind die „Facebook-Freunde“ noch dazu gekommen, die ja manchmal sogar eher Unbekannte als Bekannte sind.

Amerikaner reden aber auch von „good friends“, „close friends“, „really good friends“, „true friends“, und so weiter. Und meinen damit echte Freundschaften, die in Amerika mindestens so wichtig sind wie in Deutschland. Auch zwischen Männern und Frauen, übrigens. Dabei gibt es nicht das Problem wie im Deutschen, dass befreundete Männer und Frauen betonen müssen, sie seien „nur“ Freunde, um klarzustellen, dass es keine Liebesbeziehung ist. Im Deutschen fehlt das direkte Äquivalent zu „boy friend“ und „girl friend“.

Ein anderer Punkt ist, dass der Weg zu einer echten Freundschaft in Amerika häufig etwas anders verläuft als in Deutschland, und das führt schnell zu Missverständnissen. Amerikaner sind in der Regel sehr höflich, sehr freundlich, das gehört einfach zu den Umgangsformen. Bei einer Party oder einem geschäftlichen Treffen plaudert man, macht Witze, versucht, sich von der besten Seite zu zeigen und dem anderen ein gutes Gefühl zu geben. Es ist selbst für einen Deutschen manchmal einfacher, in den USA mit jemandem ins Gespräch zu kommen als in Deutschland. Man steht nicht erst zehn Minuten nebeneinander und weiß, nicht was man sagen soll, sondern macht gleich netten Small Talk. Dazu kommt häufig eine ausgeprägte Hilfsbereitschaft. New York ist so besehen eine offene Stadt, in der man sich sofort zu Hause fühlen kann.

Das alles ist sehr angenehm, vor allem, wenn man neu in dem Land ist. Dann sucht man nicht gleich dicke Freunde, sondern ist froh, überhaupt relativ schnell in Kontakt mit anderen Menschen zu kommen. Das Missverständnis entsteht, wenn diese auf Freundlichkeit basierende Bekanntschaft gleich für eine Freundschaft gehalten wird. Dann kommt irgendwann die Enttäuschung: wenn man feststellt, dass der Amerikaner oder die Amerikanerin vielleicht doch kein tiefer gehendes Interesse hat.

Der Weg zu einer echten Freundschaft dauert länger – genauso wie in Deutschland. Man muss sich eine Weile kennen. Wichtig ist vor allem, sich für den anderen zu interessieren, zuzuhören, nachzufragen. Zur amerikanischen Höflichkeit gehört auch, den anderen nicht allzu sehr mit den eigenen Sorgen zu belasten. Der Amerikaner beschwert sich nicht fortwährend, dass die Welt ihn schlecht behandelt, sondern versteckt seinen Kummer häufig, lebt nicht mit der Einstellung, Anspruch auf Mitgefühl zu haben. Wer es dabei belässt, bleibt in der Phase der Höflichkeit hängen. Wer dagegen echtes Interesse zeigt, kann auch echte Freundschaften schließen. Viele Schauspieler oder Musiker, von denen es in New York Unzählige gibt, sind ganz gerührt, wenn man zu einer ihren kleinen Aufführungen kommt, statt in die Met oder in die Carnegie Hall zu gehen. Andere tauen plötzlich auf, wenn sie merken, dass man ihnen wirklich gerne und nicht nur aus Höflichkeit zuhört.


Es gibt zwei Elemente die Freundschaft ausmachen

Anders gesagt: Der Weg zu einer Freundschaft ist in den USA wahrscheinlich genauso lang wie in Deutschland. Er scheint nur auf den ersten Metern sehr viel einfacher zu sein – dann kommt die Überraschung, dass es ganz so einfach dann doch nicht. In Deutschland steht man am Anfang vor einer verschlossenen Tür, die geöffnet werden will. In den Amerika kommt diese Tür, wenn man schon einen Teil des Weges zurückgelegt hat.

In den USA, gerade auch in New York, sind Freundschaften von den äußeren Umständen her besonders wichtig, aber manchmal auch schwierig. Das ganze Leben ist für die Amerikaner schwieriger. Überall lauern Geldsorgen und die Angst vor dem finanziellen Absturz. Zugleich werden Jobs häufiger gewechselt, man zieht häufiger um. Das Land ist riesig groß, gute Freunde finden plötzlich Tausende von Kilometern entfernt einen neuen Job, und die wenigen freien Tage im Jahr gehen oft schon überwiegend dafür drauf, den Kontakt zur Familie zu halten.

Die Großstadt kultiviert zudem Kontakte über „Meet-ups“, wo sich per Internet Gleichgesinnte treffen und über Gott und die Welt reden oder gemeinsam Radfahren oder ins Museum gehen. Das alles führt dazu, dass man ständig neue Menschen kennenlernt und gleichzeitig auch Bekanntschaften wieder abreißen. Wenn Beziehungen manchmal an der Oberfläche bleiben, hat das auch damit zu tun. Auf der anderen Seite haben viele Amerikaner einen oder zwei wirklich wichtige Freunde, und pflegen diese Beziehungen auch über viele Jahre hinweg. Denn in einer Gesellschaft, die oft zu wenig Halt bietet, sind Freundschaften Gold wert.

Der amerikanische Philosoph Ralph Waldo Emerson hat im 19. Jahrhundert der Freundschaft einen eigenen Essay gewidmet. Dort heißt es unter anderem: „Es gibt zwei Elemente, die eine Freundschaft ausmachen, und beide sind so wichtig, dass ich keinem den Vorzug geben oder es an erster Stelle nennen würde. Das eine ist die Wahrheit. Ein Freund ist jemand, dem gegenüber ich aufrichtig bin. In dessen Gegenwart ich laut denken kann.

Ich bin hier endlich bei jemandem, der so präsent und so gleichgestellt ist, dass ich selbst diese kleinsten Gewebe von Verstellung, Höflichkeit und Hintergedanken ablegen kann, auf die man sonst niemals verzichtet, und mit ihm so einfach und vollständig in Kontakt treten kann wie Atome miteinander bei einer chemischen Reaktion … Das andere Element ist Zärtlichkeit … Sie sollte niemals sich niemals mit dem Gewöhnlichen, Geordneten begnügen, sondern wach und erfinderisch sein, und dem Alltag Poesie und Geist verleihen.“ Schöner kann man es nicht sagen, und es gilt heute so wie vor über 100 Jahren, ebenso in Amerika wie in Deutschland.

Quelle:  Handelsblatt Online
Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%