Weltgeschichten: Josef und seine Töchter

Weltgeschichten: Josef und seine Töchter

, aktualisiert 12. Juni 2017, 17:04 Uhr
Bild vergrößern

Auf den großen Kreuzungen in New York bewegen sich die Menschenmassen, in dem Trubel trifft der Korrespondent Wiebe auf einen Parkwächter aus Ghana.

von Frank WiebeQuelle:Handelsblatt Online

Wie so viele, ist er mit der Hoffnung auf ein besseres Leben gekommen. Während er die Autos einweist, verspürt der Parkwächter Sehnsucht nach den Hügeln Afrikas. Doch Josef beschwert sich nicht. Eine Weltgeschichte.

New YorkAuf den großen Kreuzungen in New York bewegen sich die Menschenmassen. Wir treffen uns regelmäßig im Café an der Ecke. Dort sitzen wir, lesen Zeitung und schauen durch die riesige Scheibe nach draußen auf die große Kreuzung, wo sich Autoschlangen und Menschenmassen vorbeischieben und ein nie endendes Schauspiel bieten. Schicke Frauen kommen vorbei und obdachlose Männer, große Leute mit winzigen Hunden und kleine Männer mit riesigen Hunden, Touristen mit Rollkoffern und dem unsicheren, für Deutsche kennzeichnenden Blick; Krankenwagen bahnen sich mit Geheule einen Weg, und später am Abend reiten manchmal die Polizisten vom Times Square vorbei zu den Pferdeställen.

Josef, nennen wir ihn für die Öffentlichkeit so, ist groß und schlank, ein Baum von Mann, wahrscheinlich etwas jünger als ich, also nicht mehr wirklich jung. Er steht bei jedem Wetter vor einem Parkhaus ein paar Meter entfernt und weist die Autos ein. Zwischendurch kommt er ins Café an der Ecke. Ich gehe dorthin, wenn mir in meiner kleinen Wohnung, die zwei Minuten entfernt liegt, die Decke auf den Kopf fällt. Josef redet nicht viel. Er ist ein stiller Mann. Aber dann kommen wir doch ins Gespräch. Vor sieben Jahren ist er aus Ghana eingereist, erzählt er. Er wohnt mit seinen beiden Töchtern, beide im Teenager-Alter, in der Bronx, und beweist mit Fotos in seiner Brieftasche, wie hübsch sie sind. Seine Frau hat die Familie schon vor Jahren verlassen, sagt er. Er kommt vom Land in Afrika, besitzt dort eine kleine Farm. Jetzt lebt er mit zwei Teenagern in dieser riesigen Stadt und hat einen langweiligen Job.

Anzeige


Nächste Generation will bleiben

„Manchmal überlege ich, nach Ghana zurückzugehen“, sagt er. „Alles wird dort besser“, setzt er hinzu, „wir haben einen neuen Präsidenten, es gibt bessere Schulen.“ Er hat, bevor er nach Amerika kam, schon in Nigeria gearbeitet. Sein Englisch hat nur einen leichten Akzent.
Josef hat Heimweh. In seiner Stimme hört man die Sehnsucht nach den Hügeln Afrikas. Dort ist alles ruhiger, friedlicher, sagt er, nicht so hektisch.
Er ist sehr vorsichtig. Er steigt nie in einen leeren U-Bahnwagen ein. Er geht immer zielstrebig über die Straße, wenn er spät abends unterwegs ist. Die Polizei hält ihn manchmal auf der Straße an und fragt, wo er herkommt und wo er hinwill. Er erzählt das ohne Groll. Aber mich hat seit viereinhalb Jahren noch nie ein Polizist einfach angehalten und gefragt, wo ich hin will. Ich bin ja auch weiß.

Josefs Problem: Seine Töchter wollen nicht nach Afrika. Sie fühlen sich in New York zu Hause. Die eine will Psychologie studieren. „Sie sie so intelligent, so intelligent“, sagt er, und Stolz schwingt in seiner Stimme mit. Die andere bringt sich gerade aus einem Lehrbuch Japanisch bei und will später in Japan leben. „Warum ausgerechnet in Japan?“ fragt er. „Ich sage den beiden immer: Kommt mit nach Ghana. Dort ist das Studieren billiger als hier.“
Josef ist nur einer von Millionen, die in der Hoffnung auf ein besseres Leben hierhergekommen sind. Er beschwert sich nicht. Er ist nicht unzufrieden. Aber er hat doch Sehnsucht nach dem Leben auf dem Land, zu Hause, in Afrika. Und er hat Sorgen. Wie soll er seinen Töchtern, die sein ganzer Stolz sind, ein Studium finanzieren? Das ist schon für Amerikaner oft schwer genug. Für ihn, der seine kleine Familie mit dem Lohn eines Parkwächters ernährt, erst recht. Das Leben ist hart in Amerika. Aber Josef beschwert sich nicht.

Quelle:  Handelsblatt Online
Anzeige

Twitter

Facebook

Google+

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%