Weltgeschichten: Obdachlos im Paradies

Weltgeschichten: Obdachlos im Paradies

, aktualisiert 08. Februar 2017, 21:51 Uhr
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Erst kommt ein Zelt, dann eines dazu, dann ein weiteres und auf einmal, so Mitte vergangenen Jahres, zogen sie sich fast hundert Meter lang schutzsuchend vor praller Sonne und strömendem Regen unter der Betontrasse der Autobahnzufahrt nach San Francisco entlang.

von Axel PostinettQuelle:Handelsblatt Online

Das Silicon Valley will die Welt verbessern. Aber die eigenen Probleme bekommt es nicht in den Griff. Im Land, wo Aktien und Optionen fließen, ist Obdachlosigkeit allgegenwärtig.

San FranciscoEs ist einfach, die Realität zu ignorieren. Jedenfalls eine Zeitlang. Die Fahrt von Oaklands Chinatown nach Fruitvale, vorbei am wunderschönen Lake Merritt mit seinen Appartementkomplexen mit Seeblick ist seit Jahren Routine. Immer geradeaus, durch den Tunnel, rechts abbiegen und am Ende über die 12te Straße bis kurz vor die Fruitvale Station, die legendäre Haltestelle der lokalen Schnellbahn BART. An einem Silvestermorgen erschoss auf dem Bahnsteig ein Polizist den in Handschellen

wehrlos am Boden liegenden Jugendlichen Oscar Grant III. Der Polizist sagte später, er habe seinen Elektroschocker mit seiner Pistole verwechselt und verbüßte eine mehrmonatige Haftstrafe. Jeder hier kennt die Geschichte. Oakland ist der einzige Ort in der Bay-Area, die noch eine nennenswerte Zahl farbig dominierter Stadtteile hat.

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Zuerst fielen sie gar nicht auf. Vereinzelte bunte Flecken am rechten Straßenrand, die am Fenster das großen SUV vorbeihuschen, wenn er sanft über den Asphalt rollt. Verschämt ducken sie sich hinter Büschen oder Mauerresten, die zerlumpten Zelte der Obdachlosen. Es ist ein schleichender Prozess. Erst kommt ein Zelt, dann noch eins, dann ein weiteres und auf einmal, so Mitte vergangenen Jahres, zogen sie sich fast hundert Meter lang schutzsuchend vor praller Sonne und strömendem Regen unter der Betontrasse der Autobahnzufahrt nach San Francisco entlang. Mittlerweile wuchern die Elendssiedlungen wie Metastasen auch auf die andere Straßenseite. Jetzt sind sie nicht mehr zu ignorieren.

In einer der reichsten Regionen der Welt, ist Obdachlosigkeit ein Massenphänomen geworden. Lange war Oakland der arme Bruder des reichen San Francisco auf der anderen Seite der Bucht. Die Weltwirtschaftskrise 2008 hatte Oakland praktisch ruiniert. Arbeitslosigkeit, Zwangsversteigerungen wie am Fließband. Wer sich „SF“ nicht mehr leisten konnte, der fand hier Zuflucht und bezahlbaren Wohnraum.

Heute boomt Oakland. In keiner Stadt der USA steigen die Mieten schneller, die Schickeria spricht nur noch von dem „Brooklyn San Franciscos“. Wer Hipp ist, zieht hierhin und spart auch noch tausende Dollar an Miete pro Jahr. Die Schnellbahn Bart unterquert die Bucht und stoppt nach 20 Minuten im Herzen von San Francisco. Als Google den ersten Haltepunkt für seine klimatisierten Mitarbeiter-Luxusbusse eröffnete, war klar was passieren wird. Mieter, vor dem Wahnsinn aus SF geflohen waren, verlieren ihre Wohnungen an zahlungskräftige Tech-Kids und müssen weiterziehen.

Wenn sie denn können, und davon es gibt immer weniger. Obdachlosen-Städte entstehen überall in Oakland. Sie haben ganze Stadtparks besetzt, bei der jüngsten Zählung waren es 1400 Menschen, die unter Brücken, in Zelten, Abbruchhäusern oder Schrottautos wohnen. Das war 2015, und seitdem wird es immer schlimmer. Dieses Jahr wird der nächste Schub bei Mieten und Hauspreisen erwartet. Der Taxikonkurrent Uber hat das ehemalige Kaufhaus „Sears“ im Herzen der Stadt für angeblich 120 Millionen Dollar gekauft und renoviert. Mit Uber werden hunderte oder tausende gut bezahlter Tech-Angestellte und Früh-Millionäre kommen und Wohnraum suchen.

Ein „One Bedroom“, eine Zweizimmer-Wohnung mit üblicherweise 30 bis 50 qm, ist unter 2000 Euro pro Monat nicht mehr zu bekommen. Das ist fast der gesamte der Monatslohn eines einfachen Angestellten. Vergangenes Jahr sorgte eine Geschichte für enormen Unmut die beschrieb, wie ein Shuttlebus-Fahrer für Apple, das reichste Unternehmen der Welt, nachts im Bus schläft, weil er sich nur am Wochenende die stundenlange Rückreise zu seiner weit entfernt wohnenden Familie leisten kann. Aber das Problem ist noch vielschichtiger. 2015 hatte San Francisco vom Staat Nevada Schadenersatz von 400 Millionen Dollar erstritten. Nevadas Kliniken hatten über Jahre ihre teuren geisteskranken Patienten einfach per Bus und ohne Rückfahrkarte nach Kalifornien geschickt, wo sie dann oft auf der Straße endeten.

Bislang hat Oaklands Bürgermeisterin Libby Schaaf deshalb einen sehr liberalen Kurs in der Obdachlosen-Politik vertreten. Vergangenes Jahr bekamen größere Zeltansammlungen probeweise Müllcontainer gestellt. Portable Duschen und Toiletten sollten Hygiene und Lebensqualität verbessern. Denn mit weniger als 500 Schlafstellen in Obdachloseneinrichtungen hätte sie die Gestrandeten des Valley-Booms gar nicht unterbringen können, so wie San Francisco mit geschätzten 8000 Wohnungslosen auch nicht mehr ein noch aus weiß.

Doch „Promised Land“, das Land der Verheißung, ist längst wieder abgebrannt.  Anfang Februar wurde eine gleichnamige Zeltstadt unter einem großen Autobahnkreuz in West-Oakland nach nur zwei Wochen geräumt. Promised Land, oder „The Village“, hatte eine Gemeinschaftsküche, Toiletten, Duschen, eine eigene Verwaltung und eine Null-Toleranz-Politik für Drogen. Nachts patrouillierten Sicherheitskräfte, es entstand eine Alternative zum gefährlichen Leben am Straßenrand. Doch Anwohner protestierten, sie fürchteten, dass Luxus wie Duschen und Toiletten nur noch mehr Menschen anziehen würden. Außerdem wurden Feuervorschriften verletzt, es gab Propangas zum Kochen. Alle Proteste bleiben erfolglos. The Village ist geräumt.

Bürgermeisterin Schaaf ist mit ihrem Kurs in einer echten Zwickmühle. Ein verheerendes Feuer am 2. Dezember brachte die ganze Misere der Stadt schlagartig ans Licht. Das „Ghostship“ stand lichterloh in Flammen und 36 Menschen fanden bei einer Underground-Party den Tod. Das Ghostship war eines der leerstehenden Warenhäuser aus besseren Zeiten, als es in Oakland noch Industrie gab.

Zweckendfremdet als Wohnraum für Künstler und Studenten lindern sie, stillschweigend geduldet, den schlimmsten Wohnungsnotstand. Doch weil Sprinkleranlage und Feuermelder fehlten, wütete sich das Feuer hemmungslos durch die mit improvisierten Holzwänden abgetrennten, angeblich über 1000 Dollar im Monat teuren „Zimmer“ mit Gemeinschaftsklo.

Nach der Katastrophe schickten so viele Hauseigentümer ihren Mietern Kündigungen wegen anstehender Verbesserungen des Brandschutzes, dass die Stadt in einer Eil-Aktion die Abstandszahlungen verdoppelte, die Mietern beim Auszug gezahlt werden müssen. Denn die Masse von ihnen wird keine bezahlbare Bleibe finden und Oakland verlassen müssen. Die leeren Wohnungen können später mit enormen Aufschlägen neu vermietet werden.

Ich bin aufmerksamer geworden. Mittlerweile erkenne ich die versteckte Obdachlosigkeit, die Autos und Kleinbusse am Straßenrand, die längst niemanden mehr transportieren, sondern nur noch die letzten Zeugen von besseren Zeiten sind, die ihr Besitzer gesehen hat, sozusagen die Nobelklasse unter den Zelten, bei der man eine Tür hinter sich zuziehen kann. Und ich sehe Polizisten in Streifenwagen, die daran vorbeifahren und gnädig einfach geradeaus schauen.

Das Lager unter der Autobahn in Fruitvale ist bislang verschont geblieben. Vielleicht, weil es hier keine Toiletten und Duschen gibt, die Neid und Angst bei Anwohnern erzeugen könnten. Ich glaube, es ist heute auch wieder ein wenig größer geworden.

Quelle:  Handelsblatt Online
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