Weltgeschichten: Partnermorde schrecken Spanien auf

Weltgeschichten: Partnermorde schrecken Spanien auf

, aktualisiert 31. März 2017, 13:08 Uhr
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Anlässlich des Weltfrauentages demonstrierten Anfang März Tausende Frauen und Männer in Madrid für mehr Gleichberechtigung und weniger Gewalt gegenüber Frauen.

von Sandra LouvenQuelle:Handelsblatt Online

Spaniens Medien berichten über Gewalt gegen Frauen – und Morde durch Lebenspartner. Eine Protestbewegung ist entstanden, dabei gibt es weniger Fälle als in vielen EU-Ländern. Was das über die spanische Gesellschaft sagt.

MadridNeulich rief mich meine Mutter an und erzählte, sie habe in der Zeitung von neun Frauen gelesen, die bisher in diesem Jahr in Spanien von ihren Partnern ermordet wurden. Sie war entsetzt: „Das ist eine Schande, dass das in Europa heute noch passiert.“ Das Thema treibt in Spanien viele Menschen um. Gibt es hier mehr Gewalt gegen Frauen als anderswo in Europa? Genau das Gegenteil ist der Fall: Spanien gehört in der EU zu den Ländern mit den wenigsten Übergriffen gegen Frauen, dafür aber mit einem grellen Scheinwerferlicht auf dem Phänomen.

Jeder Fall wird in den Medien analysiert, das Sozialministerium veröffentlicht monatlich die aktuelle Zahl der Übergriffe. Anfang Februar waren es neun Morde an Frauen durch ihren Partner. Das hat acht Frauen dazu gebracht, in den Hungerstreik zu treten und eine Verschärfung des 2004 verabschiedeten Gesetzes zum Schutz von Frauen zu fordern. Am zentralen Platz Puerta de Sol formten sie ein Friedenszeichen aus roten Schuhen und campierten wochenlang bei Regen und Kälte in einem Zelt auf dem Platz.

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„Jeder Mord ist ein großes Drama“, sagt die Soziologin Carmen González Enríquez von der spanischen Denkfabrik Real Instituto Elcano in Madrid. Aber im internationalen Vergleich nehmen sich die spanischen Zahlen bescheiden aus: 2015 sind in Spanien 60 Frauen von ihrem Partner umgebracht worden, in Deutschland waren es im selben Jahr 311. Die Bundesrepublik hat knapp doppelt so viele Einwohner wie Spanien, die Partnermorde sind fünf Mal so hoch. Doch berichtet wird in Deutschland vergleichsweise wenig. Während Spanien Monat für Monat penibel Buch führt, stammen die aktuellsten deutschen Zahlen aus dem Jahr 2015.

Auch im gesamteuropäischen Vergleich liegt Spanien an hinterer Stelle: Zwölf Prozent der Spanierinnen über 15 Jahren geben in einer EU-weiten Umfrage an, schon einmal physisch oder sexuell von ihrem Partner attackiert worden zu sein. Damit liegen sie weit unter dem EU-Schnitt von 21 Prozent. In der traurigen Liste stehen ausgerechnet die vermeintlich so modernen Nordeuropäer wie Dänemark, Finnland, Schweden und auch Großbritannien ganz vorne, mit 28 bis 32 Prozent.

„Die Erklärung liegt im Alkohol“, sagt González Enríquez. In Spanien würde zwar auch Wein getrunken. „Aber es ist nicht das Ziel, sich am Samstagabend zu betrinken.“ Das Bild vom spanischen Macho, der jeder Frau hinterher pfeift oder in der Bar Komplimente verteilt, sei zudem vollkommen überholt: „Das ist schon seit 30 Jahren vorbei.“

Tatsächlich täuscht so manche Rückwärtsgewandtheit des Landes – etwa bei der mangelnden Modernisierung der Wirtschaft oder dem gerade erst erwachenden Umweltbewusstsein – darüber hinweg, dass die Gesellschaft in vielen Fragen sehr offen und fortschrittlich ist. So legalisierte Spanien schon im Jahr 2005 die gleichgeschlechtliche Ehe, als drittes Land weltweit nach den Niederlanden und Belgien.

Darüber hinaus gehören die Iberer zu den ganz wenigen Ländern in Europa, in denen es keine rechtsradikale Partei gibt – und das trotz tiefer Wirtschaftskrise und Millionen von Immigranten, die während der Boomjahre in das Land kamen. Im Gegenteil: In Protestmärschen demonstrierten erst Mitte Februar Hundertausende in Barcelona dafür, dass die Regierung mehr Flüchtlinge aufnimmt.

Die spanische Gesellschaft ist moderner als ihr oft antiquierter Ruf.

Quelle:  Handelsblatt Online
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