Weltgeschichten: Seebären und Landratten

Weltgeschichten: Seebären und Landratten

, aktualisiert 16. Januar 2017, 15:59 Uhr
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Das Abenteuer von Costa werden die französischen Vendée-Fans sich wohl noch in einigen Jahren erzählen.

von Thomas HankeQuelle:Handelsblatt Online

Was unterscheidet im Jahr 2017 einen Franzosen noch von einem Deutschen? Außer der Sprache nicht viel. Aber ein Unterschied bleibt: Wir sind überwiegend Landratten, während viele Franzosen zur Gattung der Seebären zählen.

ParisNirgendwo wird das deutlicher als bei der Einhand-Regatta „Vendée Globe“, die am 6. November in Les Sables d’Olonne an der französischen Atlantikküste startete und dort voraussichtlich in sechs Tagen enden wird. 18 Teilnehmer des wohl härtesten Rennens der Welt sind noch dabei, zwölf haben aufgeben müssen. Noch nie hat ein Nicht-Franzose die Regatta gewonnen, und auch 2016/17 dürfte die Vorherrschaft der Gallier ungebrochen bleiben.
Das gilt sogar unabhängig von der Nationalität: Denn es liegen ein Franzose, gefolgt von einem Briten, vorne. Doch beide sind echte Nachfahren der Gallier, nur ist der eine Bretone und der andere Walliser. Nach mehr als 22.000 zurückgelegten Seemeilen trennen den ersten, den Bretonen Armel le Cléac’h, nur knapp 200 Meilen vom zweiten, dem Walliser Alex Thomson. Doch es bleiben nur noch 1900 Seemeilen zurückzulegen, und Thomson, der in den ersten Wochen führte, hat es in den vergangenen Tagen nicht geschafft, viel Strecke auf Le Cléac’h gut zu machen. „Diesmal muss ich gewinnen“, hatte Le Cléac’h kurz vor dem Start gesagt, während Thomson sicher war: „Ich werde der erste Nicht-Franzose sein, der die Vendée Globe gewinnt.“ Der Bretone scheint recht zu behalten.
Zehntausende Franzosen haben den Seglern vor 68 Tagen das Geleit gegeben, und ebenso viele werden sie am 19. November wieder erwarten. Fast jeden Tag wird in den Zeitungen oder im Fernsehen über das Rennen berichtet. Die Begeisterung für diesen extremen Härtetest für Skipper und Material ist für jemanden, der nicht an der Küste groß geworden ist, kaum nachzuvollziehen. Doch die französischen Seebären identifizieren sich mit den Männern, die mehr als zwei Monate völlig allein auf ihren Seglern leben und mit wenigen Minuten Schlaf täglich auskommen müssen.

Wieso eigentlich nur Männer? Es gab auch schon weibliche Teilnehmer an dieser Tour um die Welt, die alle vier Jahre ausgetragen wird. Doch mittlerweile ist es für sie offenbar schwieriger geworden, Sponsoren zu finden – behaupten manche Experten. Andere verweisen darauf, dass es einer Frau einfach nicht so leicht falle, 70 oder 80 Tage lang ihre Familie im Stich zu lassen.
Viele Skipper kennen sich seit Jahren: Entweder sind sie Bretonen oder, wie der Schweizer Alan Roura, sie sind zugewandert in den westlichen Zipfel Frankreichs. Und obwohl das Rennen um die Welt führt – ein großer Teil der Segler trainiert vom selben kleinen Hafen in der Südbretagne aus.
Die diesjährige Ausgabe der Vendée Globe ist möglicherweise noch härter geworden als die früheren, weil die Boote deutlich schneller geworden sind. Die vier führenden Skipper haben ihre Boote mit Foils ausgestattet, kleinen gebogenen Flügeln an der Bordwand, die den Winglets an einem Flugzeugflügel ähneln. Sie heben das Boot aus dem Wasser. Großen Tiefgang haben die Vendée-Segler ohnehin nicht: Von oben wie von der Seite ähneln sie Bügeleisen. Sie sind nahezu dreieckig und haben einen fast flachen Boden. Statt eines ausgeprägten Kiels gibt es ein schmales, langes, steuerbares Schwert, an dessen Ende eine „Bombe“ als stabilisierendes Gewicht hängt.
Im Ergebnis fliegen die Boote bei starkem Wind mehr als das sie durchs Wasser gleiten, doch bei jeder hohen Welle kracht der Bug ins Wasser. Die resultierenden Erschütterungen setzen nicht nur das Material, sondern auch die Segler starken Belastungen aus. Die sind ohnehin extrem: Mal ist mit extremen Winden zu kämpfen, südlich von Australien und bis Kap Horn gefährden Eisberge die Route. Am heimtückischsten jedoch sind die „unidentifizierten schwimmenden Objekte“, die mehrere Skipper regelrecht ausgeknockt haben: In voller Fahrt stießen sie gegen verlorene Frachtstücke, die Steuer oder Kiel abrissen und das Boot manövrierunfähig machten. Einige gerieten in Lebensgefahr und mussten von herbeigeeilten Schiffen gerettet werden.

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Während Skipper wie Alex Thomson und Armel le Cléac’h finanzstarke Sponsoren wie Boss und Banque Populaire haben, müssen andere jeden Cent mühsam zusammenkratzen. Der spanische Feuerwehrmann Didac Costa hatte überhaupt kein eigenes Geld und konnte nur mit Mühe und Not die Mittel aufbringen, die für den Erwerb eines der ältesten Boote erforderlich waren. Nur wenige Stunden nach dem Start musste er umkehren: Ein schweres Leck zerstörte einen großen Teil seiner Ausrüstung.
Doch dann begann ein Phänomen, das die Begeisterung für die Regatta vielleicht ein wenig erklärt: Segelfans und Feuerwehrleute aus der ganzen Region um Les Sables d’Olonne sammelten für ihren Kollegen aus Barcelona, damit er sein Boot reparieren konnte. Nach drei Tagen war es soweit: Costa konnte erneut in See stechen, allerdings mit einem praktisch uneinholbaren Rückstand. Doch zwei Monate später hat er die letzten im Feld nicht nur eingeholt, sondern drei von ihnen überholt. Was zeigt, dass es bei diesem Rennen nicht nur auf Geld und Material ankommt, sondern auch auf seemännisches Können. Das Abenteuer von Costa werden die französischen Vendée-Fans sich wohl noch in einigen Jahren erzählen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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