Weltgeschichten: Verheddert im Trinkgeld-Dschungel

Weltgeschichten: Verheddert im Trinkgeld-Dschungel

, aktualisiert 09. Januar 2017, 13:29 Uhr
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Schätzungsweise um die 40 Milliarden Dollar geben US-Konsument pro Jahr an Trinkgeld für Dienstleistungen oder Produktelieferungen.

Quelle:Handelsblatt Online

Tipping in den USA ist nicht nur für Touristen eine schwierige Übung. Auch Einheimische tun sich schwer damit, wie viel Trinkgeld sie geben wollen und wo es unangebracht ist. Diese Weltgeschichte bietet Orientierung.

San FranciscoEin Dollar hier, fünf Dollar da, 50 Dollar noch mal obendrauf. Da läppert sich was zusammen. Schätzungsweise um die 40 Milliarden Dollar tippen US-Konsument pro Jahr für Dienstleistungen oder Produktelieferungen. Niemand ist gezwungen, aber es hat sich nun mal eingebürgert. Das war nicht immer so. 1910 gründeten verärgerte Handelsreisende die „National Anti-Tipping League“, die das weit verbreitete „Unwesen“ des Handaufhaltens beenden sollte. In manchen Bundesstaaten war das Tippen Anfang des 19. Jahrhunderts sogar gesetzlich verboten.

Doch das ist vorbei. Die Liga ist längst aufgelöst und der kleine Obolus zur alltäglichen Routine geworden. Wobei klein eher relativ zu sehen ist. Die Erwartungshaltung beim Personal liegt schon bei 15 bis 25 Prozent auf den Ausgangspreis. Auf einigen Rechnungen wird schon die „Empfehlung“ 30 Prozent Trinkgeld mit ausgedruckt. Wenn das Steak mit 50 Dollar auf der Speisekarte ausgelobt wird, kommen je nach Bundesstaat 10 bis 15 Steuern drauf und dann noch mal Tipp. Zwischen 63 und über 70 Dollar zieht das Stück Edelfleisch am Ende aus der Brieftasche.

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Goldene Regel: „Don’t tip the tax“. Also die Prozente immer vom Nettopreis rechnen. Wer etwas üppiger geben will, gibt einfach 15 Prozent auf den Nachsteuerbetrag auf der Rechnung. Aber das ist noch nicht alles. Der Valet-Chauffeur, der das Auto in Parkhaus fährt und wieder herausholt, erwartet fünf Dollar auf die Hand. Für den Kofferträger im Hotel sind zwei Dollar für den ersten Koffer und je einer für jeden weiteren üblich. Aber nicht für jeden, der die Koffer einmal anfasst. Das Trinkgeld sollte dann überreicht werden, wenn das Gepäck im Zimmer ankommt.

In Oberklassehotels ist auch ein Trinkgeld für das Zimmermädchen noch üblich (2 Dollar pro Tag). Der Zimmerservice rechnet eine Service-Pauschale in die Bestellung direkt mit ein. Kein Tip. Knausrig sollte man nicht sein, wenn der Concierge die begehrten Karten für das ausverkaufte Broadway-Musical doch noch auftreibt. Ein dezent überreichter Zehn-Dollar-Schein ist das Mindeste. Und die Empfangsdame, die im prall gefüllten Nobelrestaurant dann doch noch den Tisch am Fenster mit Blick auf die Golden Gate-Bridge auftreibt, sollte auch nicht leer ausgehen. Der Betrag richtet sich nach dem Glänzen in den Augen des Partners, wenn der Tisch erreicht wird.

Bei Friseuren oder Masseuren sind 15 bis 20 Prozent üblich. Wer natürlich nur einmal dahingeht und dann wieder zurückfliegt, der muss das nicht machen. Für Expats sichert dieses Trinkgeld aber einen Wiedererkennungseffekt mit vorbildlichem Service.


San Francisco wollte Zwangs-Trinkgeld einführen

Denn im Grunde gilt immer noch, dass für gute Leistung getippt wird. Als 2014 die Stadt San Francisco einen Zwangstipp von 25 Prozent in der Stadt verankern wollte, quasi als generelle Gehaltserhöhung auf Kosten der Gäste, liefen vor allem die Restaurantbesitzer Sturm. Gib dem Gast das Gefühl, er hat gar keine Wahl mehr, und die Wut ist perfekt. Der Zwangstip ist jetzt vom Tisch. Wer heute im Restaurant nichts oder nur einen Teil tippen will, der sollte das aber nicht einfach machen. Die höfliche Frage nach dem Manager bringt diesen an den Tisch und man erklärt, warum man nach 45 Minuten Wartezeit auf die Vorspeise nun wirklich nicht mehr gut gelaunt ist. Im Normalfall gibt es dann Zustimmung und noch eine Entschuldigung oben drauf.

Manchmal muss man sich aber selbst helfen. Ein Taxifahrer in Las Vegas hat jüngst wieder die Touri-Masche abgezogen und wohl anhand meines deutschen Akzents gehofft, es merkt doch keiner. Woher sollte er auch wissen, dass ich seit 15 Jahren zu Messen und Veranstaltungen in die Spielerstadt komme.

Die Aufforderung „Zum Flughafen“ nahm er mit einem entspannten Lächeln entgegen und verließ das Hotel am Las Vegas Strip erst mal in die entgegengesetzte Richtung zum Flughafen und fuhr rund fünf Minuten in die „falsche“ Richtung. Dann links abbiegen und fünf Minuten zur Auffahrt zur Interstate I-5 und dann im großen Bogen zum Flughafen. 60 Dollar zeigte die Uhr am Ende. An einem solchen Tag ohne Staus und Großmessen wären zwischen 30 und 40 Dollar üblich gewesen. Was also machen? Richtig, die 15 Prozent Tipp hat der Fahrer sich schon selbst „erwirtschaftet“, also gibt es nichts on top.

Das Problem: Wer mit Kreditkarte bezahlt, kommt zur Seite, wo er einen Tipp eingeben soll. Aber nur mit einer Zahl größer Null bekommt der „Weiter“-Butten die erlösende grüne Farbe. Also Zwangstipp? Nein. Wer nichts geben will, muss einfach den „deaktivierten“ roten Button drücken. Der geht dann auch, nur sagt einem das keiner.

Oder ein Restaurant in Los Angeles. Beim Bezahlen mit Karte kommt die Kreditkartenautorisierung mit einem automatisch eingestanzten Tip von großzügigen 18 Prozent zurück. Offenbar gibt es Software, vor allem in Touristenstädten, die bei ausländischen Kreditkarten schon mal nachhilft mit dem Trinkgeld. Denn die 18 Prozent wurden nur automatisch bei der deutschen Postbank-Masterkarte aufgebucht. Ein anderes Mal gab es im selben Restaurant bei Zahlung mit der amerikanischen Capital One-Karte den obligatorischen leeren Streifen zum Selbsteintrag. Generell: immer aufpassen, ob nicht schon ein Tip eingerechnet ist, sonst begeht man „Double tipping“, was natürlich den Empfänger des Trinkgelds besonders erfreut.


Sie alle verlassen sich auf den kleinen Scheck am Monatsende

Der Kunde kann übrigens einen leeren Streifen auf dem Kreditkartenslip verlangen, wenn nicht automatische Tipps in der Speisekarte explizit vorgegeben werden. Üblicherweise wird bei Gruppen ab sechs Personen automatisch 18 Prozent einbehalten. Sind der Kellner oder die Kellnerin an dem Abend die Extra-Meile gelaufen, um aus dem Urlaubsdinner ein echtes Erlebnis zu machen, haben den besten Wein empfohlen und waren immer freundlich und zur Stelle, dann sollte man ruhig noch mal etwas drauflegen. Vielleicht so fünf Prozent. Je nach Zufriedenheit.

Denn die landläufige Meinung, das Service-Personal verdient ja schon üppig, wenn auf eine 200 Dollar-Rechnung noch mal 36 Dollar aufgeschlagen wird, ist nur teilweise richtig. In vielen großen Restaurants gibt es noch den „Foodrunner“, der die Speisen an den Tisch bringt und die Wassergläser nachfüllt, der bekommt seinen kleinen Teil, wie auch die Aushilfskräfte in der Küche (nicht die Köche, die verdienen gut). Sie alle verlassen sich auf den kleinen Scheck am Monatsende. Denn ihr Lohn ist oft der gesetzliche Mindestlohn. Und nicht nur das: Arbeitgeber können sogar einen Tip-Kredit vom Stundenlohn abziehen. Dann verdient eine Servicekraft in der Gastronomie gerade mal zwei oder drei Dollar die Stunde. Den Rest muss der Tip decken.

Wer sich im Restaurant seine Pizza, das Sushi oder die Tacos selbst abholt, zahlt keinen Tip. Auch nicht im Supermarkt oder im Convenience-Store für den Schokoriegel, selbst wenn da immer ein Glas mit „Thank you“ auf dem Tresen steht. Mietwagen-Übergabe, Automechaniker oder sonstige Handwerker oder FedEx-Fahrer werden ebenfalls nicht getippt. Lieferfahrer von Restaurants erwarten in der Regel zehn Prozent aufwärts. Die Restaurants zahlen ihnen in der Regel nichts. Der Tip deckt also Kosten für das eigene Auto und Stundenlohn. Das sollte man wissen. In der Bar ist ein Dollar pro Bier (kostet zwischen vier und acht Dollar) gängig, bei größeren Rechnungen auf Kreditkarte der übliche Prozentsatz.

Aber noch ist es so: Am Ende ist alles freiwillig. Wer nicht will, muss nicht. Mehr als ein paar verächtliche Blicke sind nicht zu befürchten. Die Kellnerinnen in meinem Stammlokal rollen schon immer die Augen, wenn Deutsche reinkommen. Sie sind für Null-Tipping bekannt. Einmal habe ich es gesehen, dass eine deutsche Reisegruppe für rund hundert Dollar getrunken und der Anführer der Gruppe am Ende der Kellnerin einen Dollar auf den Tresen gelegt hat. Sie hat ihm den Schein ins verdatterte Gesicht geworfen. Denn so ist das: die 100 Dollar gehen an den Barbesitzer. Sie hat nichts verdient.

Und nur für die, die es ohnehin nicht schon geahnt haben: Ein absolutes No-Go ist ein Dollarschein in irgendeiner Größe in den Reisepass gefaltet, wenn man ihn den Einwanderungsbeamten an der Grenze bei der Einreise reicht. Was in manchen Ländern irgendwo auf dem Planeten vielleicht heute noch Türen öffnen kann, kann das kommentarlose Ende des USA-Urlaubs in 30 Sekunden nach sich ziehen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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