Weltgeschichten: Wenn sich kein Bier mehr verkaufen lässt, dann ist Krise

Weltgeschichten: Wenn sich kein Bier mehr verkaufen lässt, dann ist Krise

, aktualisiert 07. Februar 2017, 18:43 Uhr
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Was es immer reichhaltig gibt, egal ob Ebbe oder Flut, Trocken- oder Regenzeit ist: Bier.

von Alexander BuschQuelle:Handelsblatt Online

Bier in den Tropen ist ein lukratives Geschäft. Woran das liegt, lässt sich an Brasiliens einsamen Stränden beobachten, wie in Barra do Serrinhaém. Doch die Rezession und die wachsende Arbeitslosigkeit machen Probleme.

SalvadorDer Investmentbanker Jorge Paulo Lemann kaufte vor rund 25 Jahren für 60 Millionen Dollar den deutschstämmigen Besitzerfamilien in Rio de Janeiro deren Brauerei Brahma ab. Seine Bankerkollegen wunderten sich. „Vom Banker zum Brauer?“, fragen sie Lemann, den Brasilianer mit Schweizer Pass erstaunt. Der ehemalige brasilianische Davis-Cup-Spieler und Harvard-Student hatte zuvor seine Investmentbank Garantia nach dem Vorbild von Goldman Sachs in Brasilien aufgebaut.

Was wollte der führende Investmentbanker Brasilien, der selbst keinen Tropfen Alkohol trinkt, mit der heruntergewirtschafteten Brauerei? Lemann wusste genau, was er tat. „Bier in den Tropen scheint ein lukratives Geschäft zu sein“, erklärte er – nachdem er beobachtet hatte, dass die reichsten lateinamerikanischen Unternehmerclans mit Bier ihr Vermögen anhäuften. Inzwischen ist Lemann der wichtigste Einzelaktionär und Strippenzieher beim weltgrößten Braukonzern Anheuser Busch Inbev, der gerade den Konkurrenten SAB Miller schluckt.  

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An Lemanns Vision muss ich immer denken, wenn ich jetzt im Hochsommer in Brasilien in entlegenen Dörfern unterwegs bin. Barra do Serrinhaém zum Beispiel. Das ist ein kleines Fischerdorf, am Ausgang eines Flussdeltas am Meer gelegen. Man kommt dort nur schwer hin. Von Salvador, der nächstgelegenen Großstadt dauert es fünf Stunden mit dem Auto. Dann muss man nochmal zwei Stunden mit dem Frachtkahn durch das Mangrovendelta schippern. Bei Ebbe kann man es auch mit dem Auto am Strand riskieren, sollte dann aber nicht in einer Sandverwehung steckenbleiben, weil die nächste Flut immer pünktlich kommt.

In dem Dörfchen leben die paar hundert Menschen vom Fischfang oder arbeiten auf den umliegenden Kokosplantagen als Farmarbeiter. Sonst gibt es dort zwei kleine Kaufläden. Dort kann man Waschmittel und Besen, Erbsen und Mais in Dosen, aber auch nicht viel mehr kaufen. Kein frisches Gemüse, kein Fleisch, kein Brot, keine Milchprodukte, nicht mal Mineralwasser.

Doch was es dort immer reichhaltig gibt, egal ob Ebbe oder Flut, Trocken- oder Regenzeit ist: Bier. In den beiden Tante-Emma-Läden stapeln sich die gelben und blauen 24-Flaschen-Kisten, bis an die Decke. Wie praktisch, dass die Fischer-Kooperative vor Jahren vom Bürgermeister eine Eismaschine für ihren Fang spendiert bekam, die mit einem Generator angetrieben wird. Mit dem Eis in Putzeimern, lassen sich die Bierflaschen prima kühlen.

Das hat den Vorteil, dass man an diesem ziemlich abgelegenen Ort Tag und Nacht eiskaltes Bier bekommt. Da das kulinarische Angebot auf frischen Fisch beschränkt ist, sorgt die Kombination bei 35 Grad im Schatten für ein paar äußerst angenehme Urlaubstage. Auch die Dorfbevölkerung verbringt auf dem Hauptplatz am Pier gerne die lauen Nächte des Sommers und  klappert mit den Bierflaschen.

Erstaunlich ist nur der Preis: Umgerechnet zwei Euro kostet die Flasche. Der Mindestlohn, den hier die wenigsten verdienen – weil sie tageweise beschäftigt sind oder gar nicht - beträgt rund 280 Euro. Setzt man das in Relation zu einem Mindestlohn in Deutschland von etwa 1500 Euro, dann müsste bei uns die Flasche Bier im Supermarkt rund zehn Euro kosten.

Kein Wunder, dass sich mit Bier in den Tropen Geld verdienen lässt. Zumal die Bierkonzerne um den Äquator auch durchsetzungsfähig bei den Preisanpassungen sind: So summiert sich die allgemeine Inflation in den letzten drei Jahren in Brasilien auf 26 Prozent. Die Bierpreise dagegen haben sich im gleichen Zeitraum gefühlt verdoppelt. Diese Preisführerschaft lässt sich mit der Dominanz der Konzerne erklären: Lemanns Bierimperium Ambev (eine Tochter von Anheuser Busch Inbev) hat hier einen Marktanteil von mehr als zwei Dritteln. Ähnliche Marktdominanz gibt es in allen Ländern Südamerikas.

Dennoch, zufrieden ist Lemann nicht mehr dem Biergeschäft in Brasilien. Letztes Jahr ist sein Umsatz wegen der Rezession und wachsenden Arbeitslosigkeit mit drei Prozent minus stärker geschrumpft als der Gesamtmarkt. Der Gewinn vor Abschreibungen und Steuern ist sogar um 13 Prozent eingebrochen bis zum dritten Quartal. Die Ambev-Aktie hat letztes Jahr erstmals deutlich verloren, während die brasilianische Börse boomte.

„Nicht mal mit Bier lässt sich in der jetzigen Krise Geld verdienen in Brasilien“, klagte Lemann kürzlich bei einer seiner raren öffentlichen Auftritte. Dann gehe es Brasilien wirklich richtig schlecht, schloss der Moderator sichtlich beeindruckt, „wenn sich nicht mal mehr Bier verkaufen lässt!“

Quelle:  Handelsblatt Online
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