Weltgeschichten: Wie mich ein Krokodil reich machen sollte

Weltgeschichten: Wie mich ein Krokodil reich machen sollte

, aktualisiert 23. Januar 2017, 15:00 Uhr
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Je länger ich darüber nachdenke, umso überzeugter werde ich davon, dass mir das Krokodil das große Los bescheren wird.

von Mathias PeerQuelle:Handelsblatt Online

Alle zwei Wochen ist Thailand im Glücksspielfieber. Auf der Suche nach der Gewinnzahl probieren die Lotto-Fans die absurdesten Strategien aus. Nummernschilder von Politikerautos und Albträume gelten als Inspiration.

BangkokIch träume nicht oft. Aber wenn es mal dazu kommt, dann ist die Handlung meistens heftig. Vor ein paar Tagen wurde ich nachts von einem überlebensgroßen Krokodil verfolgt. Für meine thailändischen Freunde ist das eine ernste Sache. Einer meinte: „Das bedeutet, dass du ein Versprechen nicht gehalten hast. Das bringt Unglück.“ Um es abzuwenden müsse ich in den Tempel gehen und etwas spenden.

Ein anderer Freund gibt die Eckdaten des Traumes in ein Internet-Programm für Abergläubige ein: Krokodilangriff, davongelaufen, überlebt. Das Ergebnis ist erstaunlich konkret: Ich solle ein Lotterie-Ticket kaufen, das mit der Zahl 359 endet. Die Aussichten zu gewinnen, seien dabei außerordentlich hoch, wird mir versichert. Nachdem mir der Hauptpreis von sechs Millionen Baht – umgerechnet rund 160.000 Euro – durchaus gelegen käme, entschließe ich mich, an die zweite Interpretation meines Traumes glauben und mich ausnahmsweise an dem Glücksspielwahnsinn zu beteiligen, der alle zwei Wochen meine Wahlheimat erfasst.

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An den Tagen vor einer Ziehung sieht man die Lottotickethändler in Bangkok an jeder Straßenecke. Es ist neben Pferdewetten das einzige legale Glücksspiel in Thailand und ein Volkssport, an dem sich rund 20 Millionen der insgesamt 67 Millionen Thailänder beteiligen. Sie geben dafür mehr als zwei Milliarden Euro im Jahr aus – also im Schnitt 100 Euro pro Person. Das entspricht einem halben Monatslohn von Geringverdienern in dem Schwellenland.

Die Tickethändler breiten die Lottoscheine auf großen Tischen vor sich aus. Denn wahllos einen von ihnen zu kaufen, kommt für die meisten Spieler nicht in Frage. Fast jeder Kunde, der hier die Zahlenkolonnen absucht, hat eine Theorie, welche Nummern ihn am wahrscheinlichsten zum Glück führen werden. Träume sind eine beliebte Inspirationsquelle: Träumt man von einer Person, sollte man ein Ticket kaufen, das mit deren Alter endet – plus eins, wenn die Person noch lebt, minus ein, wenn sie bereits tot ist.

Auch in den Nachrichten suchen Thailands Lottospieler immer wieder nach einer Eingebung. Nachdem vergangenes Jahr König Bhumibol, der in Thailand Rama 9 genannt wird, im Alter von 88 Jahren starb, wurde die 98 als eine Gewinnzahl gezogen – aus Sicht der Lottofreaks ist das im Nachhinein vollkommen logisch. Auch die Autos mit denen ranghohe Politiker unterwegs sind, gelten als mehr oder weniger zuverlässiger Hinweisgeber. In den vergangenen Jahren wurde bereits mindestens zwei Mal eine Lottonummer gezogen, die eine große Ähnlichkeit mit dem Nummernschild einer Premierministerlimousine hatte. Als diese Auffälligkeit bekannt wurde, witterte das halbe Land einen sicheren Weg zum Reichtum.

Die Suche nach dem finanziellen Glück hat dabei auch makabre Komponenten: Bei einem schweren Verkehrsunfall waren Anfang des Jahres 25 Menschen gestorben. Thailändische Medien präsentierten das hinterher als eine Erklärung, weshalb bei der darauffolgenden Lottoziehung die Gewinnzahl 25 gezogen wurde.

Je länger ich darüber nachdenke, umso überzeugter werde ich davon, dass mir die 359 das große Los bescheren wird. Während ich mich über den thailändischen Lottowahn informiere, entdecke ich die Anschrift des staatlichen Lotteriebüros: 359 Nonthaburi Road. Ein sicheres Zeichen!

Die Lottoziehung beginnt am Nachmittag und dauert eine Stunde. In den Büros bricht die Produktivität währenddessen vermutlich landesweit ein – auch in meinem. Wir warten vor dem Fernseher darauf, dass sich die Vorhersage endlich erfüllt. Als die letzte Gewinnzahl gezogen wird, ist dann klar: Der Krokodilstraum muss wohl falsch interpretiert worden sein. Denn statt meiner 359 steht am Ende des Hauptpreistickets 157. Aus der Zeitung erfahre ich später, dass die thailändische Frau eines todkranken Deutschen den Sechs-Millionen-Baht-Preis gewonnen hat. Sie erzählt von dem Leid, das sie gerade erlebt und, dass sie sich über das Geld deshalb nicht so recht freuen könne. Das Bisschen Glück ist der Dame aber in jedem Fall zu gönnen.

Meine kurze Spielerkarriere endet mit diesem Erlebnis. Auch weil ich erfahre, dass die Ausschüttungsquote der Lotterie lediglich 60 Prozent beträgt. Stattdessen entschließe ich mich – obwohl ich eigentlich gar nicht abergläubisch bin – der ersten Interpretation meines Traumes zu folgen. Am Wochenende spendete ich deshalb an einen Tempel, der mit den Geldern Bestattungen für sozial Bedürftige finanziert. Jetzt kann ich auch wieder ruhig schlafen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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