Weltraumbahnhof Wostotschny: Russlands neues Tor ins All ist startklar

Weltraumbahnhof Wostotschny: Russlands neues Tor ins All ist startklar

, aktualisiert 26. April 2016, 19:44 Uhr
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Transport der Sojus-2 zur Startrampe von Wostotschny.

von André BallinQuelle:Handelsblatt Online

Am Mittwoch soll die erste Rakete von Russlands neuem Weltraumbahnhof Wostotschny abheben. Für das Lieblingsprojekt von Präsident Putin wurden keine Kosten und Mühen gescheut. Doch der Bau war nicht frei von Skandalen.

MoskauGottes Segen hat er, zumindest den der russisch-orthodoxen Kirche:  Der Raketenträger Sojus-2 wurde einen Tag vor dem Start von Lukian, dem Bischof von Blagoweschtschensk und Tynda, geweiht.

Raketenweihen sind in der zu Sowjetzeiten zutiefst atheistischen Rüstungs- und Weltraumindustrie nichts Ungewöhnliches mehr – das Moskauer Patriarchat hat sogar schon Atomraketen den Segen erteilt – doch dieser Start ist schon etwas Besonderes. Erstmals startet am Mittwoch eine Rakete von Russlands neuem Weltraumbahnhof Wostotschny.

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Entsprechend groß ist der Nervenkitzel im Kreml: Präsident Wladimir Putin werde den Raketenstart persönlich verfolgen, teilte sein Pressesekretär Dmitri Peskow am Dienstag mit, wobei er offen ließ, ob Putin dazu extra in den russischen Fernen Osten reist oder per Bildschirm aus dem noch nachtschlafenden Moskau zugeschaltet wird.

Wostotschny ist ein Projekt Putins. 2007 in Zeiten hoher Ölpreise und florierender Wirtschaft wurde es angeschoben. Mit Kasachstan gab es schon länger Querelen um das Sternen- und Steppenstädtchen Baikonur, das seit dem Zerfall der Sowjetunion von den Russen für 300 Millionen Dollar im Jahr angepachtet werden muss. Wostotschny soll die Abhängigkeit von Kasachstan verringern, auch wenn der Pachtvertrag noch bis 2050 läuft.

Moskau hat dafür weder Kosten noch Mühen gescheut. Wostotschny – „Osten“ - liegt im Amurgebiet, gerade einmal 100 Kilometer von der chinesischen Grenze entfernt. Diese für russische Verhältnisse südliche Lage erlaubt es, von Wostotschny schwerere Raketen als vom hauptsächlich militärisch genutzten Weltraumbahnhof Plessetzk ins All zu schießen.

Allerdings musste wegen der Abgeschiedenheit des künftigen Raketenstartplatzes auch die gesamte Infrastruktur neu errichtet werden. Eisenbahnlinien und Straßen wurden verlegt, ja eine ganze Stadt – benannt nach dem russischen Weltraumpionier (Konstantin) Ziolkowski – neu aus der Taufe gehoben. Sie soll einst die bis zu 25.000 Mitarbeiter von Wostotschny beherbergen.


Geld versickerte in dunklen Kanälen

160 Milliarden Rubel (seinerzeit immerhin gut vier Milliarden Euro) wurden seit Baubeginn 2012 allein in das Kosmodrom investiert, damit ist es das teuerste weltweit. Als „Jahrhundertbaustelle“ bezeichneten russische Medien den künftigen Weltraumhafen, obwohl er immer wieder mit anderen Großprojekten (Olympische Winterspiele in Sotschi, Fußball-WM 2018, russische Landverbindung zur Krim über die Meerenge von Kertsch) um die Gunst und das Geld aus dem Kreml kämpfen musste.

Und natürlich war der Bau nicht frei von Skandalen und Verzögerungen. Immerhin: Im Gegensatz zum Flughafen Berlin musste der Start nur um ein Jahr verschoben werden. Doch die Staatsanwaltschaft wurde gleich in 20 Fällen wegen Korruption aktiv. Es geht um die Veruntreuung von rund 70 Millionen Euro.

Geld versickerte in dunklen Kanälen, obwohl der Bau unter strenger staatlicher Aufsicht stand. Dann klagten auch noch Bauarbeiter während einer TV-Lifesendung mit Putin, dass ihnen seit Monaten Gehälter nicht ausbezahlt worden seien. Selbst der Kremlchef räumte massive Probleme ein und beklagte „halbkriminelle Schemata“ bei der Finanzierung.

Anfang Mai ist der erste Gerichtstermin gegen einen früheren Top-Manager des staatlichen Bauherrn Dalspezstroi anberaumt. Doch wenn die Sojus-2 am Mittwoch ihre drei Satelliten erfolgreich ins All bringt, wird der Ärger in den Hintergrund rücken und Wostotschny als russische Erfolgsgeschichte gefeiert.

Fertig ist das Kosmodrom damit noch lange nicht. Noch kann der Weltraumbahnhof nur unbemannte Raketen ins All bringen. Der Ausbau für die bemannte Raumfahrt wird noch einmal mindestens genauso viel Geld kosten. Er soll Wostotschny zum Sprungbrett für die weitere Expansion im Kosmos machen.

Denn russische Weltraumprogramm ist nach wie vor ambitiös: „Vor Roskosmos stehen neue herausfordernde Aufgaben – die Eroberung von Mond und Mars“, sagte der Kosmonaut und Duma-Abgeordnete Roman Romanenko vor wenigen Tagen, am 12. April. Das Datum war kein Zufall: Auf den Tag genau 55 Jahr zuvor war mit Juri Gagarin ein Russe als erster Mensch ins All geflogen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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