Weltwirtschaft: Die USA bremsen das Wachstum

Weltwirtschaft: Die USA bremsen das Wachstum

, aktualisiert 14. November 2017, 00:22 Uhr
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In den Vereinigten Staaten von Amerika liegt die Arbeitslosenquote derzeit bei 4,1 Prozent.

von Frank WiebeQuelle:Handelsblatt Online

Jan Hatzius, Chefvolkswirt von Goldman Sachs, sieht die Wirtschaft der Vereinigten Staaten am Rande der Kapazität angekommen. Die US-Notenbank Federal Reserve wird daher merklich die Zügel anziehen.

FrankfurtGoldene Zeiten weltweit: Die Arbeitslosigkeit in den entwickelten Ländern ist im Durchschnitt unter sechs Prozent gerutscht und damit fast so niedrig wie vor der Finanzkrise im Jahr 2008. In den USA ist die Quote bei 4,1 Prozent angelangt und damit nicht mehr weit von dem tiefsten Punkt seit 1969 entfernt, der im April 2000 erreicht wurde, sagt Jan Hatzius, Chefvolkswirt der amerikanischen Investmentbank Goldman Sachs. In der Eurozone ist der Wert mit knapp neun Prozent noch wesentlich höher, bewegt sich aber auch in die richtige Richtung.

Insgesamt sieht der deutsche Ökonom, der für eine Konferenz aus New York nach Frankfurt angereist ist, also Grund für Optimismus. Auch im kommenden Jahr wird das weltweite Wirtschaftswachstum seiner Schätzung nach bei rund vier Prozent liegen. Aber mit etwas abschwächender Tendenz – und das liegt an den USA.

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Denn dort ist die Arbeitslosigkeit mittlerweile so niedrig, dass sie das Wachstum begrenzt, und das ruft die US-Notenbank (Fed) auf den Plan. In Europa kann dagegen die gute Konjunktur noch mindestens ein Jahr weitergehen.

„Ich glaube nicht, dass die Fed eine noch niedrigere Arbeitslosigkeit haben will“, sagt Hatzius. Seiner Meinung nach wird sie 2018 die Zinsen viermal erhöhen und Ende 2019 bei einer Spanne von 3,25 bis 3,5 Prozent auskommen, das sei das wahrscheinlichste Szenario. Zurzeit liegt der Leitzins zwischen 1,0 und 1,25 Prozent und wird wahrscheinlich im Dezember um ein Viertel Prozentpunkt erhöht.

Hatzius räumt ein, dass die Fed noch ein gutes Stück von ihrem Inflationsziel bei 2,0 Prozent entfernt ist und es auch nicht so schnell erreichen wird, obwohl die niedrige Arbeitslosigkeit doch Lohndruck erzeugen sollte. „Die Auslastung der Wirtschaft ist nur einer von mehreren Faktoren für die Inflation“, erklärt er und zitiert Studien, nach denen ein ganzer Prozentpunkt weniger an Arbeitslosigkeit nur ein Anziehen der Inflation um gut 0,1 Prozentpunkte mit sich bringt - also fast nichts.

Aus seiner Sicht hat die Fed aber das langfristige Gleichgewicht der US-Wirtschaft im Visier und wird versuchen, eine Überhitzung zu vermeiden. Auch hierfür hat er historische Werte parat. Danach ist es in den USA immer zu einer Rezession gekommen, wenn die Arbeitslosigkeit wieder angestiegen ist. Sollte sie also zum Beispiel weiter auf 3,8 Prozent sinken und anschließend wieder auf 4,1 Prozent steigen, weil einige Unternehmen zu optimistisch Leute eingestellt haben, dann wäre schon Gefahr im Verzug.

In Europa ist die Situation ganz anders. Hier ist die Arbeitslosigkeit höher, und die Europäische Zentralbank (EZB) wird noch weiter eine expansive Geldpolitik betreiben. EZB-Chef Mario Draghi hat angekündigt, noch bis mindestens Ende September kommenden Jahres netto Zinspapiere zuzukaufen, ab Anfang 2018 dann mit einer halbierten Rate von 30 Milliarden Euro. Nach der Prognose von Goldman Sachs wird sie das Programm dann bis Ende 2018 weiterführen, ab Anfang 2019 nur noch auslaufende Papiere ersetzen und gut ein halbes Jahr später zum ersten Mal die Zinsen erhöhen.

Ähnlich wie für die USA befürchtet Hatzius auch für den Euroraum keine dramatisch anziehende Inflation. Die Kernrate, bei der die stärker schwankenden Preise von Lebensmitteln und Energie ausgeklammert werden, kann seiner Meinung nach in zwei bis drei Jahren bei 1,5 Prozent liegen, also ein Stück unter dem Ziel der EZB, das als „unter, aber nahe an zwei Prozent“ definiert ist - in einer Formulierung, die Draghi unermüdlich wiederholt. Wenn das eintrifft, wird Draghi allerdings davon abgehen müssen, dieses Ziel zu eng mit den Anleihekäufen zu verbinden, weil er sonst Mühe haben könnte, das Auslaufen des Programms zu begründen.

Hatzius weist in dem Zusammenhang darauf hin, dass die EZB irgendwann Schwierigkeiten haben wird, noch genügend Anleihen zum Ankauf zu finden. Allerdings, räumt er ein, wird sie damit wahrscheinlich nie ein Ende der Ankäufe begründen, weil es nicht gut ankommt, wenn eine Notenbank zugibt, dass zumindest eines ihrer Mittel erschöpft ist.

Quelle:  Handelsblatt Online
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