Wende am Rohstoff-Markt?: Ölpreis hängt (noch) in der Spekulationsspirale fest

Wende am Rohstoff-Markt?: Ölpreis hängt (noch) in der Spekulationsspirale fest

, aktualisiert 13. April 2016, 13:43 Uhr
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Sowohl die Förderung als auch die Lagervorräte sind derzeit auf einem sehr hohen Niveau.

von Matthias StreitQuelle:Handelsblatt Online

Kurz vor dem Opec-Treffen am Sonntag ist der Preis für das schwarze Gold um sieben Dollar in einer Woche gestiegen. Mit den Fundamentaldaten lässt sich das nicht erklären. Wovon die weitere Entwicklung jetzt abhängt.

FrankfurtSeit gut einer Woche kennt der Ölpreis im Grunde nur eine Richtung: nach oben. Für die Rohstoffproduzenten ist das eine willkommene Atempause nach dem drastischen Verfall des Ölpreis seit Juni 2014. Fraglich jedoch ist, wie nachhaltig dieser Preisanstieg ist – und wie viel Spekulation darin steckt.
Was den Ölpreis derzeit treibt, sind Ankündigungseffekte in Perfektion. Es handelt sich aktuell vor allem um die Erwartungen aufgrund eines anstehenden Ereignisses. Am Sonntag treffen sich die Mitglieder der Organisation erdölexportierender Staaten (Opec) gemeinsam mit weiteren Förderländern in der katarischen Hauptstadt Doha, um ein Einfrieren ihrer Fördermenge zu besprechen. Allein vom 4. April bis zum Schlussstand am Dienstag kletterte der Preis für ein Barrel (159 Liter) Brent-Öl um sieben Dollar – von 37,69 Dollar auf 44,69 Dollar.

Doch Experten wie Daniel Yergin bleiben dem euphorischen Treiben am Markt gegenüber skeptisch. Der Öl-Historiker ist Vizepräsident des Analyseunternehmens IHS und eine Koryphäe in der Branche. Eine Begrenzung der Förderung hält er erst für möglich, wenn der Iran endgültig erkläre, wie viel Öl das Land exportieren könne, sagte er vor wenigen Tagen der Financial Times in einem Interview.
Vieles spricht dafür, das reine Spekulationen den Ölpreis nach oben treiben. Denn um das Treffen ranken sich viele Gerüchte. So verlautete am Dienstag, dass sich Saudi-Arabien und Russland eine Grenze geeinigt hätten, prompt schoss der Ölpreis nach oben.

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Die Rohstoff-Experten der Commerzbank bleiben jedoch zurückhaltend: „Da der Iran sich nicht beteiligt und freiwillige Produktionskürzungen bei den anderen Ländern ausgeschlossen sind, wird die OPEC-Produktion auch nach Doha weiter steigen“, schreiben sie in einem Kommentar. Zudem sei es durchaus wahrscheinlich, dass Öltrader nach dem Treffen Gewinne mitnehmen, getreu dem Motto „Kaufe das Gerücht, Verkaufe den Fakt“.


Erwartung vs. Fundamentaldaten

Einen ähnlichen spekulativen Preisausschlag gab es beim Öl zuletzt Anfang März, als es schon einmal Gerüchte über ein Treffen und Gespräche zur Begrenzung der Fördermenge gab. Der Preis für ein Barrel Brent kletterte von knapp 37 auf fast 43 Dollar – nur um kurz darauf wieder auf 37,60 Dollar zu fallen.

Seitdem haben sich die Fundamentaldaten im Markt aber kaum verändert. Im Gegenteil: Für den Preis haben sie sich eher verschlechtert. Von der Zahl der Bohraktivitäten in den USA einmal abgesehen, gibt es einige Faktoren, die sich eher negativ auf den Preis auswirken sollten. So sind die Lager in den USA noch immer prall gefüllt. Laut Angaben des American Petroleum Institutes, einer Lobbyorganisation der Branche, stiegen die Lagerbestände der USA allein in der vergangenen Woche um 6,2 Millionen Barrel. Damit liegen sie den Angaben zufolge nahe dem Allzeithochs aus dem Jahr 1930. Am Nachmittag stehen außerdem die Zahlen der US-Energiestatistikbehörde an.

Gleichzeitig liegen Staaten wie der Irak oder Russland weiter auf Kurs zu neuen Förderrekorden. Während der Irak seine Produktion im März von 4,46 Millionen Barrel auf 4,55 Millionen Barrel pro Tag steigerte, liegt Russland mit zuletzt 10,91 Millionen Barrel noch deutlich darüber. Der Iran konnte laut Statistiken von Bloomberg indes seine Produktion von 2,8 Millionen Barrel Ende 2015 auf mittlerweile 3,2 Millionen Barrel steigern – und dringt weiter nach oben. Ab vier Millionen Barrel sei Teheran gesprächsbereit.
Zudem produziert Saudi-Arabien zwar nicht mehr so viel wie noch im Juli 2015, fördert mit 10,2 Millionen Barrel pro Tag aber immer noch nahe am Höchststand. Soll heißen: Selbst wenn es zu einer Förderbegrenzung kommt oder zu einer Verständigung einzelner Staaten, liegt das Niveau der heutigen Förderung – und der Lagerbestände – auf einem sehr hohen Niveau.


„Die Opec ist eine zerstrittene Organisation “

Wie unklar die aktuelle Lage ist, zeigt nicht zuletzt die Stimmung innerhalb der Opec. So schloss jüngst der saudische Ölminister in einem Interview mit einer saudischen Zeitung eine Kürzung der Produktion kategorisch aus („Vergessen Sie das Thema“). Der Iran hält an seiner ablehnenden Haltung fest. Der iranische Ölminister kommt erst gar nicht selbst zum Treffen am Sonntag, sondern will einen Stellvertreter schicken.

Der amerikanische Ölhistoriker Yergin erkennt deshalb in diesen Tagen: „Die Ära der Opec als eine entscheidende Macht in der Weltwirtschaft ist vorbei. Es ist eine ziemlich zerstrittene Organisation.“

Der derzeit hohe Preis bleibt also von Fundamentaldaten getrübt. Zwar erkennt auch der Öl-Historiker Yergin durchaus eine Bodenbildung beim Preis. Was die anstehenden Steigerungen angeht, bleibt er aber vorsichtig. „Der Markt könnte sich entweder im zweiten Halbjahr 2016 oder Anfang nächsten Jahres ausbalancieren“, sagte er der Financial Times. Zudem sei durchaus noch Platz in den Öltanks. Bei der Lagerung sei also noch keine Grenze erreicht.

Und dann ist da ja noch China. Das Land ist einer der wichtigsten Importeure. Sollte das Wachstum in Fernost sich weiter verlangsamen, die Nachfrage sinken, könnte sich erneut eine Diskrepanz zwischen Angebot und Nachfrage ergeben.

Wie schnell die Marktbewegung drehen kann, zeigt sich am Mittwoch: Nach bis zu vier Prozent Plus am Tag zuvor, geht es heute für den Brentpreis wieder um 0,8 Prozent nach unten.

Der Euphorie der vergangenen Tage zum Trotz: Es bleiben viele Zweifel, dass der Ölpreis weiter steigt.

Quelle:  Handelsblatt Online
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