Wenn der CEO an Krebs erkrankt: Zwischen Chefsessel und Chemotherapie

Wenn der CEO an Krebs erkrankt: Zwischen Chefsessel und Chemotherapie

, aktualisiert 20. Februar 2016, 11:21 Uhr
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Warum tun sich Top-Manager das an? Und wie können sie die doppelte Belastung verkraften?

von Eva FischerQuelle:Handelsblatt Online

Sie haben Krebs, unterziehen sich einer Strahlentherapie – und lenken trotzdem ein Unternehmen: Wenn kranke Vorstandschefs weitermachen wollen, glauben sie, dass der Beruf zur Stütze wird. Ärzte sind skeptisch.

DüsseldorfDiagnose Krebs. Jährlich trifft das allein in Deutschland etwa eine halbe Millionen Menschen. Etwa jeder zweite Mensch wird im Laufe seines Lebens an Krebs erkranken, sagen Studien. Auch Top-Manager kann es treffen. Einer von ihnen ist der Franzose Olivier Bohuon: Der Vorstandschef sei an Krebs erkrankt, teilte Smith & Nephew Anfang Februar mit. Der Pharmazeut leitet den britischen Medizintechnik-Konzern seit rund fünf Jahren. Bohuon ist dort Chef von 11.000 Mitarbeitern. Jahresumsatz des Unternehmens 2014: 4,6 Milliarden Dollar. Viel Geld – viel Verantwortung.

Trotz der schweren Erkrankung hat der 57-Jährige vor, CEO von Smith & Nephew zu bleiben. Er werde „während seiner Behandlungszeit aktiv in den Geschäftsablauf miteinbezogen werden“, heißt es vom Unternehmen. Der Krebs sei sehr gut behandelbar.

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Sich einer Chemotherapie zu unterziehen und zugleich ein Unternehmen zu lenken - geht das? Bohuon ist nicht der Einzige: In den vergangenen Jahren führten mehrere krebskranke Vorstandschef die Geschäfte neben ihrer Krebstherapie weiter – vor allem im angloamerikanischen Raum. In Deutschland machte der KfW-Chef Ulrich Schröder Ende 2015 seine Krebserkrankung öffentlich. Der Top-Manager kündigte an, seine Reisetätigkeiten und Terminverpflichtungen zu reduzieren, den Vorstandsvorsitz jedoch zu behalten.

JP-Morgan-Chef Jamie Dimon erkrankte vor zwei Jahren an Kehlkopfkrebs und gab damals an, zwar weniger hin und her zu jetten, aber weiterhin aktiv am Tagesgeschäft teilzuhaben. Auch Warren Buffett befindet sich in dem Kreis: 2012 wurde bei der Investorenlegende Prostatakrebs diagnostiziert. Trotz seiner zweimonatigen Strahlentherapie wollte er damals nicht auf den Chefsessel seiner Holding Berkshire Hathaway verzichten.

Wie funktioniert das, fragen sich Mitarbeiter, Aktionäre und Kunden. Wie kann ein Manager eine solche doppelte Belastung verkraften? Und ist das überhaupt gesund?

„Wenn sich jemand so weit hochgearbeitet hat, ist er vermutlich sehr mit seinem Beruf verwachsen“, erklärt Sabine Khalsa. Die Berliner Psychoonkologin hat mit vielen Krebspatienten gearbeitet und vermutet verschiedene Motive: „Diese Menschen haben oft ein so hohes Verantwortungsbewusstsein, dass sie ihre Arbeit nicht einfach loslassen können. Sie können nicht einfach aufhören, zu arbeiten.“ Es könne aber auch sein, dass sie berufliches Pausieren als Faulenzen empfänden, sie die Angst vor dem sozialen oder beruflichen Abstieg antreibe, die Krankheit unterschätzt oder durch Arbeit verdrängt werde.

„Aber wenn die Arbeit einem generell Freude bereitet, gibt sie den Menschen Halt und verhindert, dass die Gedanken ständig um die Krankheit kreisen“, so Khalsa. Den Beruf weiter auszuüben komme also der psychischen Gesundheit zugute, was sich wiederum positiv auf die körperliche Gesundheit auswirken könne.

Arbeiten, um gesund zu werden?


Wie das Unternehmen den CEO entlasten kann

Professor Hendrik Berth sieht das völlig anders: „Ich bin definitiv dagegen, dass während einer Krebstherapie noch weiter gearbeitet wird.“ Natürlich gebe es aus psychologischer Sicht auch Vorteile, räumt der Medizinpsychologe des Uniklinikums Dresden ein: Die Krebserkrankung nehme im persönlichen Leben keinen breiten Raum ein und man verliere beruflich nicht den Anschluss. Allerdings überwögen die Nachteile. „Die allermeisten Chemotherapien gehen nicht nur mit körperlicher Erschöpfung einher, sondern auch mit kognitiven Einschränkungen. Die Konzentrations- und Gedächtnisleistungen werden vermindert“, sagt Berth.

Die Tätigkeit für das Unternehmen macht demnach noch kränker. „Die Arbeit stellt eine weitere Belastung dar und führt dazu, dass der Genesungsprozess verzögert wird“, so der Psychologie-Professor. „Aus der wissenschaftlichen Forschung ist bekannt, dass beispielsweise Stress den Ausbruch von Erkältungen begünstigt.“ Dementsprechend könne man zusätzliche, arbeitsbedingte Belastungen neben einer Krebserkrankung als ungesund betrachten. Das Weiterarbeiten sei während einer Chemotherapie also nicht empfehlenswert – weder seitens des Erkrankten, noch seitens der Firma.

Doch nicht jedes Unternehmen kann es ohne weiteres verkraften, wenn der CEO krankheitsbedingt kürzer treten muss oder zeitweise komplett ausfällt. Auch Investoren werden nervös: Nachdem die Krebserkrankung von Jamie Dimon bekannt geworden war, sank der Aktienkurs von JP Morgan. Oft geht es um fehlende Alternativen in der Führung.

„Schwierig wird es für ein Unternehmen, wenn der CEO Herrschaftswissen bündelt, kein geeigneter Stellvertreter aufgebaut wurde oder das Unternehmen auf eine Person zugeschnitten ist“, hat Michaela Moser festgestellt, Inhaberin der Personal- und Managementberatung Evitura. JP Morgan steht seit neun Jahren unter der Führung Dimons. Er brachte das größte US-amerikanische Bankhaus durch die Finanzkrise und gilt als einer der einflussreichsten Menschen der Welt.

„Gerade für Unternehmen mit zentralisierten Strukturen, gekennzeichnet durch eine steile Hierarchie, ist ein CEO schwer zu ersetzen“, ergänzt sie. In solchen Unternehmen laufen alle wichtigen Entscheidungen über den Leiter, sein Ausfall wäre verheerend. Bei dezentralen Organisationsstrukturen hingegen werden viele Entscheidungen delegiert, die Entscheidungsgewalt konzentriert sich nicht allein auf den Vorstand, sondern sämtliche Ebenen sind an der Unternehmensführung beteiligt. „Solche Unternehmen können eine Einschränkung, beziehungsweise einen Ausfall des CEOs leichter verkraften“, sagt die Management-Beraterin.

Bei großen Versicherungen und Bankhäusern könne man zwar von einer stark hierarchischen Führungskultur ausgehen, jedoch werden diese Konzerne normalerweise nach dem Prinzip der Corporate Governance geführt. Die Sicherung des langfristigen Unternehmenserfolgs steht im Vordergrund. „Diese Unternehmen haben schneller einen Plan B“, erklärt Evitura-Beraterin Moser. „Wer die Aufgaben eines ausfallenden Vorstandsmitglieds stellvertretend übernimmt, ist bereits im Vorfeld geregelt.“

Fest steht für sie: Ein kooperatives, wertschätzendes Klima innerhalb der Belegschaft ist ein Grundpfeiler, um eine krankheitsbedingt geschwächte Führung auszugleichen. Auch eine positive Fehlerkultur sei förderlich. „Dann kann die Belegschaft leichter akzeptieren, dass der CEO nicht voll einsatzfähig ist“, erklärt Moser, die eine Professur an der Europäischen Fachhochschule im Bereich Managementkompetenzen innehat. „Wenn man seinen Mitarbeitern Verantwortung überträgt, ist es nicht nötig, dass ein kranker, nicht permanent verfügbarer CEO direkt ersetzt wird.“

Ist die Last auf den Schultern eines Einzelnen nicht so groß, fällt das Weiterarbeiten also leichter.


Weiterarbeiten – bis zum Tod?

Für Professor Norbert Gattermann spricht aus medizinischer Sicht nichts dagegen, dass sich ein kranker CEO weiterhin seiner Arbeit widmet: „Die Patienten haben im Allgemeinen ein gutes Gefühl dafür, was sie sich zumuten können und was nicht“, sagt der Chef des Tumorzentrums der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität. „Außerdem sollen sie sich nicht in Watte packen und zu Hause auf der Couch legen, sondern aktiv bleiben – Spaziergehen gehen, eine Radtour machen, einfach Dinge tun, die ihnen Freude bereiten. Und wenn Arbeit dazu gehört, dann eben auch das.“ Dies gelte allerdings nur für Patienten, die ambulant behandelt werden, und denen es im Vergleich zu stationären Patienten verhältnismäßig gut gehe.

Also vormittags zur Chemotherapie und nachmittags ins Büro? Das wird nicht klappen. Ein Treffen mit Freunden abends sei aber schon möglich, so der Onkologe.

Lloyd Blankfein, CEO des Investment-Riesen Goldman Sachs, gab vergangenen Herbst bekannt, Lymphdrüsenkrebs zu haben. Er verzichtete daraufhin auf einige geplante Reisen und übertrug einem Manager aus dem operativen Geschäft mehr Verantwortung. Alle drei Wochen befand sich Blankfein für vier bis fünf Tage im Krankenhaus, dennoch führte er etwa 80 Prozent seiner Vorstandsarbeit weiter aus.

Doch woher kommt die Kraft für die Arbeit? Warum scheinen gerade Vorstandschefs über eine derartige Energie zu verfügen? „Das ist vor allem abhängig von der psychischen Konstitution und der Art der Arbeit“, vermutet Gattermann und erläutert: „CEOs sind ja nicht ohne Grund CEOs geworden, sondern weil sie gut mit herausfordernden Situationen umgehen können.“

„Das Gefühl, gebraucht zu werden, ist außerdem sehr hilfreich für den Genesungsprozess. Es hilft den Patienten, eine Aufgabe zu haben – und zu wissen, wofür man weiterleben möchte“, ergänzt Psychoonkologin Khalsa. „Aber ob die Arbeit eher als Stütze oder als Belastung empfunden wird, kann nur jeder für sich selbst feststellen und das ist unabhängig davon, auf welcher Hierarchiestufe man steht.“

Ob eine Person jedoch den Krebs besiegen kann oder nicht, liegt laut Mediziner Gattermann „an den verfügbaren Medikamenten und der Biologie der Tumorzellen“. Und nicht daran, wie gerne die Person arbeitet, und wie groß ihr Wunsch ist, weiterzuleben.

2010 erkrankte Robert Benmosche, Vorstandschef des US-Versicherungskonzerns AIG, an Lungenkrebs und führte die Geschäfte trotz aggressiver Chemotherapie weiter. Erst vier Jahre später gab er seinen Führungsposten ab – wenige Monate bevor der 70-Jährige im Februar 2015 seinem Krebsleiden erlag. Etwa die Hälfte aller Erkrankten verliert den Kampf gegen die Krankheit. Jamie Dimon und Lloyd Blankfein gelten aber mittlerweile als geheilt.

Quellle:  Handelsblatt Online
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