WHU-Rektor Markus Rudolf zum Brexit: „Frankfurt würde nicht das neue London“

WHU-Rektor Markus Rudolf zum Brexit: „Frankfurt würde nicht das neue London“

, aktualisiert 20. Juni 2016, 18:26 Uhr
Bild vergrößern

Ein Brexit könnte die Finanzmärkte erschüttern - und die Vermögen deutscher Anleger.

von Matthias StreitQuelle:Handelsblatt Online

Ein Brexit könnte die Finanzmärkte erschüttern. Der WHU-Rektor Markus Rudolf spricht über die Risiken für Anleger, warum Großbritannien am meisten verlieren und Frankfurt kaum von Austritt der Briten profitieren würde.

Frankfurt am MainMarkus Rudolf ist seit Januar 2015 Rektor der WHU Otto Beisheim School of Management – eine der führenden privaten Wirtschaftshochschulen in Deutschland. In seiner Forschung beschäftigt er sich vor allem mit der Eurokrise, Banking und Risikomanagement. Zuletzt setzte er sich mit den Gefahren des Brexits auseinander.

Herr Rudolf, das Brexit-Referendum in wenigen Tagen macht die Anleger mächtig nervös. Deutsche Bank-Anlagechef Ulrich Stephan rechnet mit einem heftigen Erschrecken der Finanzmärkte mit Kurseinbrüchen von 20 bis 25 Prozent. Wie schlimm wird es wirklich?

Anzeige

Ich stimme ihm zu. Es wird ein regelrechtes Erdbeben auf den Weltfinanzmärkten geben. Letztlich spiegeln Aktienkurse die Erwartungen an das zukünftige Wachstum der Unternehmen wider. Und die Befürchtung, dass ein Austritt Großbritanniens Konsequenzen für die Wachstumsperspektiven hat, teile ich mit den meisten Ökonomen.

Wie lang würde es dauern, bis sich die Kurse wieder erholen?
Das lässt sich nicht seriös sagen. Die Aktienmärkte dürften sich aber erst dann erholen, wenn klar ist, dass weitere Zentrifugalkräfte aus Europa heraus nicht wirksam werden. Das hängt nicht zuletzt davon ab, wie die EU seine ökonomischen Beziehungen zu Europa nach einem Brexit regelt. Falls es nach einem Brexit zu weiteren Auflösungserscheinungen in Europa kommt, dürfte das die Märkte hingegen längere Zeit belasten.

Was können Anleger jetzt tun, um sich vor Verlusten zu schützen?
Wenn Sie Angst vor einem Aktieneinbruch haben, dann sollten Sie jetzt besser nicht in europäischen oder britischen Aktien investiert sein oder verkaufen. Auf der anderen Seite könnten amerikanische Aktien als sicherer Hafen für Börsianer steigen.

In Anleihen ließe sich im Moment auch nur schlecht ausweichen. Zuletzt ist die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe erstmals in den negativen Bereich gerutscht.

Das ist in der Tat schwierig. Wir sehen ja jetzt schon, dass viele Anleger in Anleihen flüchten. Das lässt deren Kurse steigen. Das Problem ist nur, dass dann die Renditen sinken. Abgesehen davon bekommen Sie bei vermeintlich sicheren Anleihen heute nirgendwo noch attraktive Zinsen. Im Fall eines Brexit rechne ich allerdings eher mit sinkenden Kursen und größeren Risikoprämien auf europäischen Anleihen – mittelfristig auch auf deutschen. Eine Flucht in deutsche Anleihen kann deshalb auch Kursverluste nach sich ziehen.


„Schlimme Verwerfungen an den Devisenmärkten“

Neben Aktien- und Anleihemärkte macht sich nicht zuletzt an den Devisenmärkten Unruhe breit. Was würde ein Brexit für das Pfund und den Euro bedeuten?
Ich denke, dass sowohl das Pfund als auch der Euro an den Devisenmärkten an Wert verlieren werden, weil das Vertrauen in die wirtschaftliche Zukunft beider Wirtschaftsräume sinken wird. Ob der Euro gegenüber dem Pfund aufwertet, kann zwar stimmen. Interessanter ist aber, wie sich die Kurse zum Dollar entwickeln. Es ist gut möglich, dass sowohl Pfund als auch Euro im Vergleich zum Dollar abwerten.

Klingt eher ernüchternd.
Wir können die Folgeeffekte heute einfach noch nicht absehen. Erinnern Sie sich an die Subprime-Krise in den USA. Dessen Sog hatte in Europa zuerst Island erwischt. Die Isländer waren weder in der EU noch im Euro. Trotzdem waren die Märkte so verunsichert, dass nach und nach Irland, Portugal und Spanien folgten. In der heutigen Finanzwelt ist alles derart vernetzt, dass der Brexit vermutlich auch dem Euro nachhaltig schaden wird. Um es klar zu sagen: Der Euro ist in Gefahr. Und verlieren wir den glauben an den Euro, steht Europa auf dem Spiel.

Das könnte Investoren stärker in sichere Häfen wie den Schweizer Franken oder den japanischen Yen ziehen. Beide Länder wehren sich aber heute schon nach Kräften gegen eine zu starke Aufwertung ihrer Währung.
Der Brexit hat das Potenzial, die Devisenmärkte in Chaos zu versetzen. Der Schweizer Franken ist allein im Juni um 2,4 Prozent gegenüber dem Euro gestiegen, weil sie der europäischen Währung nicht mehr trauen. Die Bewegungen dürften sich verstärken. Und ja, auch der Yen würde stärker nachgefragt. An den Devisenmärkten könnte das zu schlimmen Verwerfungen führen.

Wie sähen die aus?
Ich rechne mit einer deutlichen Abwertung des Euro gegenüber dem Dollar, dem Yen und dem Schweizer Franken. Das wiederum dürfte in einen weiteren Abwertungswettlauf mit dem Dollar und dem Franken führen, in dem deren Geldpolitik noch expansiver werden dürfte, um dem Aufwertungsdruck zu entgehen. Am Ende dieser Abwertungsspirale platzt die Blase, die sich seit Jahren durch die überschüssige Liquidität aufgebaut hat.

Schlimmere Verwerfungen werden auch in London befürchtet. Die Banken und Finanzinstitute könnten die Stadt verlassen, wenn der Zugang in die EU erschwert wird.
Das ist durchaus wahrscheinlich. Die Banken schätzen London, weil sie über Großbritannien Zugang zur gesamten EU bekommen. Möglich macht dies das sogenannte Passporting: Wenn eine Bank in einem Mitgliedstaat eine Banklizenz besitzt, kann sie von dort aus in allen anderen Mitgliedstaaten ihr Geschäft betreiben. Für viele Institute ist es ein Vorteil, dass sie in Großbritannien nicht so strengen Regulierungen unterliegen wie in Kontinentaleuropa. Fällt der Zugang zur EU weg, dürfte das die Londoner City empfindlich treffen.


„Allein 24 Milliarden Pfund Zollkosten“

So manch einer Studie zufolge, wie etwa von der Helaba, könnte Frankfurt davon profitieren.
London ist einzigartig und heute vielleicht der wichtigste Finanzplatz der Welt. Frankfurt wird nicht das neue London. Natürlich könnten einige Geschäftsbereiche nach Frankfurt verlagern werden. Nämlich solche Funktionen, die nah bei Kunden sind, also vor allem vertriebliche Funktionen. Aber in weit geringerem Ausmaß als viele glauben. Vielmehr dürften Dublin oder Luxemburg noch stärker in den Fokus rücken. Bei den angelsächsischen Vermögensverwaltern liegt die „Produktion“ schon lange nicht mehr in Deutschland, sondern in Dublin und London.

Warum?
Das liegt erstens an so simplen Gründen wie der Sprache. Da hätte Dublin für die amerikanischen Institute klare Vorteile. Doch es hat auch pragmatische Gründe: Sowohl in Irland als auch Luxemburg sind bereits Vermögensverwalter und Fondssparten aktiv und können sich dort auf ein relativ bekanntes Umfeld einlassen. Letztlich bleibt die Regulierung in angelsächsischen Ländern zudem häufig weniger strikt als in Kontinentaleuropa.

Wer glauben Sie, wäre der größte Verlierer bei einem Austritt Großbritanniens aus der EU?
Erst einmal wäre das schon Großbritannien. Denn das Land profitiert ja jetzt von den vier großen Freiheiten der EU beim Kapital-, Waren-, Personen- und Dienstleistungsverkehr. Der Bankensektor könnte wegbrechen. Die jungen Talente aus Europa in London, die häufig in der Finanzbranche arbeiten, dürften wegen des eingeschränkten Personenverkehrs wegbleiben und auch im Warenverkehr könnte es die Briten teuer zu stehen kommen.

Wie teuer denn?
Der wichtigste Handelspartner Großbritannien sind Länder der EU. Würden auf die Warenströme plötzlich Zölle anfallen, könnten zusätzliche Kosten von 24 Milliarden Pfund entstehen. Und ich rechne hier lediglich mit einem durchschnittlichen Satz von rund vier Prozent auf Importe und Exporte. Zum Vergleich: Die Brexit-Befürworter argumentieren immer mit den Nettozahlungen des Königreichs an die EU. Die belaufen sich auf rund fünf Milliarden Euro. Allein die Kosten für Zölle überstiegen diesen „Mitgliedsbeitrag“ also um mehr als das Doppelte.

Was glauben Sie: Bleiben die Briten, oder gehen Sie?
Ich weiß es nicht. Mein Gefühl sagt, dass es Spitz auf Knopf ist. Den Umfrageergebnissen traue ich jedenfalls nicht, egal ob sie nun die Befürworter oder Gegner eines Brexits vorn sehen. Vielleicht sind die Quoten in den Wettbüros aussagekräftiger als die Umfragen. Die favorisierten zuletzt das Bleiben der Briten.

Quelle:  Handelsblatt Online
Anzeige

Twitter

Facebook

Google+

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%