Wichtigster Handelspartner für Deutschland: Das Comeback der USA

Wichtigster Handelspartner für Deutschland: Das Comeback der USA

, aktualisiert 21. April 2016, 16:45 Uhr
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Die imposanten Industrieroboter schweißen, formen, montieren mit 345 menschlichen Kollegen in drei Schichten rund um die Uhr.

von Martin WocherQuelle:Handelsblatt Online

Bei der Wiederbelebung der amerikanischen Industrie spielen deutsche Firmen eine große Rolle. Im Vordergrund steht die digitale Vernetzung der Maschinen. Ein Besuch in den Fabriken der Zukunft.

Das Stadtviertel hat schon bessere Zeiten erlebt: Vorbei an halb verfallenen Wohnhäusern, die angenagelte Bretter vor dem Zusammenbruch bewahren. Trostlose Brachflächen, ab und zu ein Autowrack säumen den Weg zum größten und produktivsten Autowerk des US-europäischen Autokonzerns Fiat Chrysler. Hier im Nordwesten Ohios, nur 60 Meilen südlich der früheren Autometropole Detroit, werden seit dem Zweiten Weltkrieg Jeeps gebaut. Aktuell sind es der Wrangler und der Grand Cherokee, zwei Vorzeigemodelle des Autokonzerns - 460.000 Stück haben 2015 die Fließbänder verlassen, es war das dritte Rekordjahr in Folge. Die hohe Produktivität in seinem Werk hier unweit des Eriesees verdankt Fiat Chrysler auch einem deutschen Zulieferer.

In einem Teil des Werks stellt der Augsburger Roboterbauer Kuka auf eigene Rechnung die Rohkarossen für den populären Jeep Wrangler her. 250 Roboter schweißen, formen, montieren mit 345 menschlichen Kollegen in drei Schichten rund um die Uhr in einer eigenen Halle, die dem Autowerk angeschlossen ist. Es ist ein Ballett der Schwergewichte: rund 60 Kilo wiegt ein Seitenteil des Offroaders, das sich Roboter R10-PS schnappt, spielerisch um drei Achsen schwenkt und an den Kollegen R09 weiterreicht. Minutiös setzt dieser die Schweißpunkte, ein paar Funken fliegen, ab geht es zum nächsten Produktionsschritt - eine Choreografie eingespielter Bewegungsabläufe.

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43 Karossen verlassen die Halle Stunde um Stunde, "das ist die höchste Produktivität in den USA", ruft Betriebschef Jake Ladouceur in den Lärm der Halle hinein. Auch die Qualität der Produktion, schwärmt der Kuka-Manager, sei einzigartig in der Automobilwelt: So habe es 2015 nur drei Mängel bei 245 000 produzierten Karossen gegeben. "Unglaublich!" So klingt amerikanische Leidenschaft: "Passion" wird in den Fabrikhallen großgeschrieben - für europäische Ohren manchmal ungewöhnlich.

Kuka kooperiert bei Datensammlung und - analyse mit dem US-Softwarekonzern Microsoft. Jeder der mehrere Tausend Schweißpunkte wird sorgsam dokumentiert - tritt irgendwo ein Fehler auf, lässt sich sofort feststellen, wo am Band der Schwachpunkt entstanden ist. Die wiedererstarkten US-Autobauer haben die Geschäfte des Augsburger Roboterbauers beflügelt. Fast ein Drittel seines Umsatzes macht Kuka in den USA, vor allem mit der Automobil- und Luftfahrtindustrie. "Die USA sind ein bedeutender Markt für uns", bestätigt Kuka-Chef Till Reuter.


Der Markt ist riesig, die Chancen sind es auch

Nicht nur beim Roboterbauer Kuka, für die gesamte deutsche Industrie sind die USA wieder zum Land der unbegrenzten Möglichkeiten geworden. Zwischen New York und Los Angeles wird in den Fabriken kräftig in die Automatisierung und Digitalisierung investiert. Initiativen der Regierung von Barack Obama, vor allem aber der Aufstieg der Öl- und Gasindustrie haben den Hunger nach deutschen Investitionsgütern entfacht. Bei den Maschinenbauern ist Amerika seit 2015 wieder vor China wichtigster Exportmarkt. Der Markt ist riesig, die Chancen sind es auch.

Das gilt ebenso für die deutsche Elektroindustrie. Dort sprangen die Ausfuhren in die USA 2015 um satte 16 Prozent auf knapp 16 Milliarden Euro. Deutsche Firmen spielen bei der von der US-Regierung geförderten Re-Industrialisierung des Landes eine führende Rolle - wo Fabriken mit modernsten Produktionsanlagen ausgerüstet werden, sind Siemens, Festo, Rittal & Co. dabei. Kein Wunder, dass Barack Obama am Sonntag mit Bundeskanzlerin Angela Merkel die Hannover Messe als größte Industrieschau der Welt eröffnen wird - auch eine Referenz an die Bedeutung deutscher Industriefirmen in den USA.

Das Land hat nicht nur erstmals seit vier Jahrzehnten Frankreich als wichtigsten Handelspartner Deutschlands abgelöst, Deutschland ist auch drittgrößter Investor in den USA - hinter Großbritannien und Japan.

Kuka ist seit 1981 in den USA, das Werk-im-Werk von Fiat Chrysler gibt es seit 2006. Das Kooperationsmodell, das Kuka hier im Nordosten der USA mit dem Fahrzeugbauer betreibt, ist in der Autoindustrie weltweit einzigartig und könnte für einen Trend stehen, auf den sich viele Hersteller von Investitionsgütern im digitalen Zeitalter der Industrie 4.0 langfristig einstellen müssen: künftig keine Anlagen zu verkaufen, sondern nur noch Kapazitäten.

Hier in Toledo heißt das: Kuka verkauft keine Roboter mehr an Fiat Chrysler, sondern managt damit einen Teil der Produktion. Bezahlt wird pro montierter Rohkarosse. Doch Kuka-Amerika-Chef Larry Drake wiegelt ab: Noch sei es nicht so weit; die Kooperation mit Fiat Chrysler lasse sich nicht so ohne weiteres auf andere Hersteller übertragen, schätzt er. Mercedes und BMW seien schon in Toledo gewesen, um sich diese Form der Arbeitsteilung anzuschauen, sagt Drake. "Aber die deutschen Hersteller wollen ihr Know-how im Karosseriebau allein schon aus strategischen Gründen nicht aus der Hand geben."


Jeder braucht das Wissen des anderen

Bosch Rexroth, North Carolina Dieser Blick kann die Welt verändern - zumindest im Servicesektor. Wie andere Firmen auch arbeitet die Industrietochter des Bosch-Konzerns, Bosch Rexroth, an dreidimensionalen Brillen, mit deren Hilfe die Montage oder die Wartung deutlich vereinfacht wird. Pilotland für das gerade marktreif gewordene System sind die USA. "Wegen der großen Entfernungen macht es hier am meisten Sinn", sagt Steffen Haack, Mitglied des Bereichsvorstands und zuständig für Industrie-Anwendungen und Vertrieb. "Außerdem gibt es hier eine hohe IT-Affinität. Das macht es leichter, Kunden zu überzeugen."

Das Prinzip klingt einfach, ist aber technisch komplex und ein gutes Beispiel für "Augmented Reality", die computergestützte Erweiterung der menschlichen Wahrnehmung. Gibt es irgendwo auf der Welt ein technisches Problem in einem Getriebe oder einem elektrischen Antrieb von Bosch Rexroth und kann es der Monteur vor Ort nicht lösen, setzt er sich die Brille auf und bekommt Assistenz von einem Experten, der Tausende Kilometer entfernt in seinem Büro sitzen kann. Der Vorteil für den Kunden: Experten müssen nicht stundenlang im Flugzeug sitzen, die Kosten sind gering, die Ausfallzeit verkürzt sich. Der Vorteil für Bosch Rexroth: "Je besser der Service, desto mehr Kunden entscheiden sich für uns", sagt Haack verschmitzt.

Der Einbezug der virtuellen Welt, die Vernetzung von Mensch und Maschine, die Analyse von riesigen Datenmengen - bei der Umsetzung helfen die unterschiedlichen Erfahrungen aus Europa und der US-Tochter, die in North Carolina sitzt. "Die Europäer kommen von der Maschinenbasis, die Amerikaner von der IT- und Datenseite", sagt Haack. Beides zu kombinieren, sei ideal: "Jeder braucht das Wissen des anderen." Furcht vor der vielfach beschworenen Dominanz amerikanischer IT-und Softwaregiganten hat Haack nicht. "Der beste Schutz ist die tiefe Kenntnis der Produkte. Da können andere mit den Daten gar nichts anfangen."

EBM-Papst, Pennsylvania Auch Rainer Hundsdörfer ist nicht bange um die Konkurrenzfähigkeit der deutschen Industrie: "Wir sind zwar nicht die, die die Software entwickeln", sagt der Chef des weltgrößten Ventilatorenherstellers EBM-Papst aus dem schwäbischen Mulfingen. "Aber in der Umsetzung sind wir besser."

Das klingt bewusst selbstbewusst. Hundsdörfer weiß, wovon er spricht. Er kennt den US-Markt und dessen Kunden schon lange. Fünf Jahre lang war er in den 90er-Jahren Geschäftsführer des schwäbischen Laserspezialisten Trumpf in den USA. Der hat sein Fabrikgebäude nur einen Steinwurf entfernt vom EBM-Papst-Stützpunkt in Farmington, zweieinhalb Stunden nordwestlich von New York. 200 Millionen Umsatz macht der schwäbische Mittelständler mit seinen US-Kunden. "Da ist noch viel Luft nach oben", sagt der EBM-Papst-Chef. So liegt der Marktanteil in den USA je nach Produktgruppe zwischen zehn und 15 Prozent, in Europa in manchen Marktsegmenten aber über 50 Prozent.


Eine Krise ist immer auch eine Chance

Was den US-Markt besonders macht? "Die Amerikaner sind Billigheimer", bemerkt Hundsdörfer. "Nehmen Sie die Energieeffizienz. Das Bewusstsein, dass sie was tun müssen, wächst nur langsam." Wer in US-Hotels an Lüftungsanlagen und Klimaanlagen vorbeigeht, kennt die unterschiedlichen Standards an Stromverbrauch und Lärmentwicklung zwischen Europa und den USA.

Die Konsequenz daraus: "Die USA sind ein eigenständiger Markt mit eigenen Regeln", sagt Hundsdörfer. Die Logistik sei eine Herausforderung, zumal kein Amerikaner auf eine Lieferung warten möchte. Vor allem aber: "Sie müssen marktgerechte Produkte anbieten." Die seien oft simpler, größer und verbrauchten mehr Energie, als technisch machbar wäre. "Good enough" - also der Mindeststandard - reiche in den USA häufig aus, erklärt Hundsdörfer. Das sei mit der deutschen Mentalität oft nicht vereinbar, sagt der EBM-Papst-Chef. "Sie brauchen Entwicklungsingenieure in den USA, um Kundenwünsche zu erfüllen."

Siemens, Texas Schon der Blick aus dem Flugzeugfenster zeigt, worum es hier geht: Öltanks reihen sich an Öltanks, noch bevor die Skyline von Houston am Horizont auftaucht. In Texas dreht sich alles um den schwarzen Schmierstoff, der die US-Wirtschaft in den letzten Jahren so richtig in Schwung gebracht hat. Der Bundesstaat ganz im Süden der USA hat prächtig davon profitiert: Die Autos sind ein Modell größer, die Highways mindestens eine Spur breiter als im Rest der nicht unbescheidenen Weltmacht. Auch deutsche Firmen konzentrieren sich hier auf das Geschäft rund um Öl und Gas. Siemens hat gleich seine ganze Energiesparte mir gut 30 Milliarden Euro Umsatz nach Texas verlagert.

Vorstandsfrau Lisa Davis schwärmt von den vielen Möglichkeiten für Siemens, auch wenn das Geschäft mit den US-Energiefirmen wegen der stark gefallenen Öl- und Gaspreise derzeit eher mau daherkommt. Typisch Amerika: Eine Krise ist immer auch eine "opportunity", wie Davis mehrfach betont - eine Chance, was daraus zu machen. "Das Geschäftsmodell ändert sich", sagt sie. "Wenn Sie weniger Aufträge wegen der niedrigen Energiepreise bekommen, gewinnen der Service und die Verbesserung der Effizienz an Bedeutung."

Trotz der Konkurrenz wie durch den US-Giganten General Electric sieht sie den deutschen Konzern in einer guten Position. "Die Energiefirmen müssen auf die niedrigen Preise reagieren und suchen nach Lösungen", sagt sie. In den Boomzeiten habe sich kaum jemand mit Themen wie Standardisierung, Automatisierung und Digitalisierung beschäftigt. Jetzt gehe es darum, die Produktionskosten damit zu senken: "Hier können wir unsere Expertise einbringen", sagt Davis. "Für die Investitionen brauchen sie nicht viele Millionen Dollar. Aber sie machen sich schnell bezahlt."


Die Bereitschaft, neue Wege zu gehen

ABB, Texas Wenn Greg Scheu über den US-Markt und dessen Vorteile nachdenkt, fallen ihm gleich ein paar Unterschiede zu Europa ein: "Es ist eine optimistische Gesellschaft", sagt Scheu, der deutsche und italienische Vorfahren hat. "Die Bereitschaft, neue Wege zu gehen und auch mal zu scheitern, ist viel stärker ausgeprägt als in Europa."

Motto: "Es muss nicht alles perfekt sein, lass es uns tun!" Das gehe bis hin zur Bereitschaft, Geschäftsmodelle notfalls auch zu zerstören. Scheu ist Amerika-Chef des schwedisch-schweizerischen Siemens-Konkurrenten ABB. Die USA sind für den Energie- und Automatisierungskonzern mit starkem deutschen Standbein inzwischen der am schnellsten wachsende Einzelmarkt. Fast ein Drittel seines Umsatzes macht ABB in den USA. Produktionsteuerung, Prozessautomatisierung, Produktivität und Energieeffizienz - das seien für die Kunden hier die treibenden Themen, sagt er.

Entspannt steht Scheu im "Automation and Power Center", das ABB in Houston für seine US-Kunden eingerichtet hat. Die können dort ganz lebensnah anhand dreidimensionaler Darstellung auf wandgroßen Bildschirmen in das Innenleben moderner Fabrikanlagen, Bohrinseln und Raffinerien schauen. Aber der Infrastrukturanbieter gibt sich auch mit kleinen technischen Lösungen ab, die große Wirkung entfalten können. Wie dem Smart Sensor, eine 15 x10 Zentimeter große Platte, vollgestopft mit Sensoren und Elektronik, die einfach auf gängige Elektromotoren aufgepappt wird. Diese Antriebe stecken millionenfach in den Fabrikanlagen der Welt und halten die Produktion auf Trab - allein ABB baut täglich 1.000 davon.

Doch viele, die schon seit Jahren brav ihren Dienst versehen, sind nicht für die moderne Zeit gerüstet - sie produzieren keine Daten. Das übernimmt der Smart Sensor, den ABB in Indien und den USA gerade zur Marktreife entwickelt hat. Er misst Temperatur, Vibrationen, Druck und Lärm, und aus den Daten lässt sich schnell ersehen, wann der Motor einer Reparatur bedarf. Hier rechtzeitig einzugreifen, bringt für die Kunden enorme Vorteile, weil die Produktion nicht unterbrochen werden muss.

Amerikaner und Deutsche arbeiten bei ABB schon lange eng zusammen. Trotz des wachsenden Einflusses von Informationstechnik (IT) und Software ringen beide Seiten mit Problemen von vorgestern. Die Gewöhnung an die unterschiedlichen Längenmaße ist so ein Fall: Meter und Zentimeter auf der einen, Yard und Inch auf der anderen Seite. "Sie glauben nicht, für wie viele Missverständnisse das immer noch sorgt", sagt Scheu und lacht. "Es ist nach wie vor ein großes Thema."

Quelle:  Handelsblatt Online
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