Wirtschaftskriminalität: Der Psychopath in meinem Unternehmen

Wirtschaftskriminalität: Der Psychopath in meinem Unternehmen

, aktualisiert 06. August 2017, 17:17 Uhr
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Menschen mit psychopathischen Charaktereigenschaften stimmen laut einer Studie kriminellen Handlungen wie Insiderhandel oder Bilanzmanipulation eher zu als andere.

von Lisa OenningQuelle:Handelsblatt Online

Ob Insiderhandel oder Bilanzbetrug: Vor allem Menschen mit psychopathischen Zügen treiben wirtschaftskriminelle Handlungen in Konzernen voran, zeigt eine Studie. Wie Unternehmen dem vorbeugen können.

DüsseldorfZur Jahrtausendwende war Enron eines der größten Unternehmen in den USA. In Veröffentlichungen bezeichnete sich der Energiekonzern gerne selbst als „die großartigste Firma der Welt“. Nur ein Jahr später folgte überraschend die Pleite: Aktionäre, Banken und Pensionsfonds verloren 60 Milliarden Dollar, mehr als 20.000 Mitarbeiter ihre Jobs.

Hinter dem Debakel steht ein Bilanzbetrug, der wohl einer der größten der US-Geschichte ist: Um die Aktien nach oben zu treiben, hatte der Vorstand über Jahre die Bilanz des Konzerns künstlich aufgepumpt – mit Hilfe von mehr als 2.000 Partnerunternehmen, über die Enron quasi mit sich selbst Geschäfte machte. Sogar als alle Fakten gegen sie sprachen, bestritten die dafür verantwortlichen Manager in den Medien, von der Manipulation gewusst zu haben.

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Dieser Skandal ist nur ein Beispiel dafür, dass Psychopathen für die Wirtschaft eine existenzielle Gefahr darstellen können. Er ist gleichzeitig der Ausgangspunkt einer Studie von Forschern der Technischen Universität (TU) Kaiserslautern, die nun untersucht haben, wie hoch die Bereitschaft unter Managern ist, Bilanzen zu manipulieren und Insiderhandel zu betreiben.

Das Ergebnis: Menschen, die spezifische Charakterzüge eines Psychopathen aufweisen, stimmen in Unternehmen verstärkt wirtschaftskriminellen Handlungen zu. Laut Volker Lingnau, Leiter des Lehrstuhls Unternehmensrechnung und Controlling an der TU, ist es das erste Mal, dass solch ein Zusammenhang empirisch aufgezeigt worden ist.

Einer Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG zufolge war zwischen 2014 und 2016 fast die Hälfte der großen Unternehmen in Deutschland von wirtschaftskriminellen Handlungen im eigenen Haus betroffen. Der geschätzte Schaden: etwa 100 Milliarden Euro pro Jahr.

Mit ihrem hochgradig egoistischen, skrupellosen, manipulativen und kaltherzigen Verhalten sind die Psychopathen in Nadelstreifen also in der Lage, Unternehmen nachhaltig zu schaden – und sogar in den Ruin zu treiben. Sie entsprechen keinesfalls dem Klischeebild eines Psychopathen wie Jack the Ripper oder Hannibal Lecter. Der Unternehmenspsychopath weiß sich stets zu tarnen: „Psychopathen bleiben oftmals unerkannt, weil sie zielstrebig und intelligent sind, charmant auftreten sowie in der Lage sind, andere für sich zu begeistern“, sagt Lingnau.


Gesellschaft kann von Psychopathie auch profitieren

Von dieser Seite einer psychopathisch veranlagten Person kann die Gesellschaft allerdings auch profitieren, meint der Organisationspsychologe Marc-Stephan Daniel, der in seinem Buch „Tough Talk“ die Verhaltensweisen von Narzissten, Egoisten und Psychopathen thematisiert. „Es mag überraschen, aber nicht alle psychopathisch veranlagten Charaktere sind zwangsläufig kriminell.“ Es gebe viele, die höchst erfolgreich seien als Chirurgen, Anwälte, Schauspieler, Piloten oder bei der Polizei.

Denn: Solche Menschen seien in der Lage, sich in Ausnahmesituationen ganz auf das Jetzt zu fokussieren. „Dadurch bleiben sie in Situationen, in denen andere kurz vor dem Nervenzusammenbruch stehen, [...] im höchsten Maße ruhig, konzentriert und handlungsfähig“, schreibt Daniel.

Und sie haben laut dem Experten einen weiteren entscheidenden Vorteil: Sie können andere extrem gut lesen. Psychopathen erkennen auf einen Blick die Schwächen des Gegenübers. „Sie antizipieren mit äußerster Präzision, was andere erwarten, und bedienen diese Erwartungen mit Charme und einer gelungenen schauspielerischen Inszenierung.“ Auch Lingnau ist der Ansicht, dass Eigenschaften wie diese von Vorteil im Job sein können, aber: „Die Frage ist, ab welchem Punkt das Verhalten krankhaft ist.“

Denn Psychopathie kann nicht so einfach diagnostiziert werden wie beispielsweise ein Armbruch oder ein Magengeschwür. Sie ist angeboren und nicht therapierbar. Mehrere Symptome treten gleichzeitig auf, aus denen Ärzte einen Punktwert berechnen. Ab einem gewissen Wert sprechen sie davon, dass ein Patient psychopathisch gestört ist. Das Problem laut Lingnau: Die Skala ist nicht zu 100 Prozent objektiv. Die Folge: Psychopathen bleiben unentdeckt.

Zwar können eine vergleichsweise hohe Fluktuation, Zahl an Krankmeldungen in einer Abteilung und Mobbing ein Signal dafür sein, dass ein Psychopath sein Unwesen im Unternehmen treibt. Mitarbeiter haben allerdings beispielsweise so gut wie keine Chance, den Chef als solchen zu entlarven – „schließlich kann die Führungskraft auch einfach nur ein schlechter Vorgesetzter sein“, sagt Lingnau.

Unternehmen sind aus diesem Grund aus Sicht des Experten gut beraten, wenn Personaler versuchen, Psychopathen erst gar nicht anzulocken. Zum Beispiel, indem sie im persönlichen Gespräch betonen, dass das Unternehmen Wert auf Teamarbeit legt und auch das Entlohnungssystem an der Zusammenarbeit ausgerichtet ist. „Das macht Stellen für Psychopathen eher unattraktiv, weil sie oftmals Egoisten sind, die mit Teamarbeit überhaupt nichts anfangen können.“ Um Unternehmen Empfehlungen zu geben, wie sie Psychopathen am besten vorbeugen, sei es aber noch ein weiter Weg – gerade weil Psychopathie nur schwer zu diagnostizieren ist.

Quelle:  Handelsblatt Online
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