Wirtschaftsstimmen zum Brexit: Schock, Schmerzen und Sorgen

Wirtschaftsstimmen zum Brexit: Schock, Schmerzen und Sorgen

, aktualisiert 24. Juni 2016, 15:19 Uhr
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Co-chairman of Germany's biggest lender Deutsche Bank John Cryan speaks during the company's annual shareholders' meeting in Frankfurt am Main, western Germany, on May 19, 2016. / AFP PHOTO / DANIEL ROLAND

von Thomas Tuma und Kirsten LudowigQuelle:Handelsblatt Online

Nach dem Sieg der EU-Skeptiker auf der Insel ist die Stimmung unter Deutschlands Top-Managern gedrückt. Der Brexit schwächt die Wirtschaft Großbritanniens und Europas, da sind sich fast alle einig. Was wird aus der EU?

LondonDie Briten wollen raus aus der Europäischen Union – und Deutschlands Top-Manager sind besorgt. Folgen nun weitere EU-Länder dem Beispiel Großbritanniens und treten aus der Staatengemeinschaft aus? Ausgeschlossen ist das nicht, befürchten prominente Wirtschaftslenker. Zwar lässt sich noch nicht viel über die Folgen des Leave-Votums für die Wirtschaft sagen. Vieles hängt davon ab, auf welche Bedingungen für den Ausstieg sich die Briten mit der EU verständigen. Klar aber ist: Es ist ein historischer Einschnitt, der die Europäische Union schwächt.

Allianz-Chef Oliver Bäte war einer der ersten, die am Morgen nach dem Brexit-Schock ihre Sprache wiederfanden: „Das ist mehr als ein Weckruf“, ließ er twittern. „Die EU muss sich nun schneller reformieren. Sonst wird das ein schwarzer Tag für Europa.“ Aber anders als seine Aktien-und Währungsmärkte, die sofort und weltweit mit teils drastischen Kursstürzen auf den Abschied der Briten reagierten, wirkten viele internationale Konzerne zunächst mal wie paralysiert.

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„Jeder für sich“, das entspreche nicht der Gründungsidee der Europäischen Union, ist Elmar Degenhart überzeugt. Für den Chef des weltweit zweitgrößten Automobilzulieferers Continental wiegt „der Zweifel an der europäischen Idee“ besonders schwer. „Gerade in diesen Tagen erleben wir, wie schwer es fällt, Frieden, Freiheit und Wohlstand zu verteidigen“, sagte der Top-Manager dem Handelsblatt. „Es scheint, als würden die ursprünglichen, gemeinsamen Absichten der EU-Mitglieder zunehmend in Vergessenheit geraten. Wir dürfen das nicht zulassen!“

„Ich bin schockiert, dass sich die britischen Wähler entschieden haben, die EU zu verlassen“, gibt Peter Terium, Chef des Energiekonzerns RWE, offen zu. Mit dem Votum stehe das gesamte europäische Projekt in Frage, das 70 Jahre lang für Frieden und wachsenden Wohlstand gesorgt habe. Von einem solchen Schritt gehe das Signal aus, dass die Europäer untereinander uneins seien. „Damit schwindet ihr politischer Einfluss auf den Rest der Welt in Sicherheitsfragen, in grundlegenden Fragen der wirtschaftlichen Zusammenarbeit und des Klimaschutzes.“

Der Europäische Wirtschaftsverband Businesseurope warnte davor, dass der bevorstehende Austritt Großbritanniens die Wirtschaft dauerhaft belasten könnte. „Der Brexit birgt Faktoren von Unsicherheit“, erklärte Verbandschefin Emma Marcegaglia. Die politische EU-Führung müsse nun ein ganz starkes Signal ausgeben: „für den Binnenmarkt, für die gemeinsame Handelspolitik und für den Euro.“ Nötig seien außerdem „kluge Lösungen für einen geordneten britischen Ausstiegsprozess“. Die EU müsse „kühlen Kopf bewahren“, forderte die Präsidentin des Verbandes, dem auch der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) angehört.

Andere wurden deutlicher: „Dieses Ergebnis kennt nur Verlierer: Großbritannien wie Europa“, sagte Tom Enders, Vorstandschef der Airbus Group. Dennoch werde sich die Welt weiterdrehen. Enders glaubt zwar, dass die Briten „leiden werden“, zeigte sich aber auch zuversichtlich, dass sich das Land nun sogar noch mehr auf den Wettbewerb ihrer Ökonomie mit der EU und dem Rest der Welt fokussieren würde. Zugleich machte Enders klar: „Auch wir werden unsere Investmentstrategie für Großbritannien überprüfen... wie jeder andere das auch tun wird.“

Was das bedeutet, ließ sich am Freitag noch nicht abschätzen. Anders als Börsen und Banken haben Unternehmen und Branchen weltweit nun einen längeren Zeitraum vor sich, um sich sortieren zu können. Allein die Scheidungsverhandlungen mit Brüssel werden bis 2018 dauern. Was der Brexit für jede Firma bedeuten wird, muss sich zeigen. Wo immer es konkret wird, regiert indes bislang skeptischer Optimismus. So sprach Karen Hækkerup, Chefin der Vereinigung des dänischen Lebensmittelproduzenten von großer Unsicherheit für viele dänische Unternehmen. Als größter Schweinefleischproduzent Europas habe man enge wirtschaftliche Verbindungen mit Großbritannien. „Wir wissen, dass die Briten unseren Bacon lieben, und wir werden ihn natürlich weiterhin nach Großbritannien liefern“.

Pragmatismus hat Priorität: „Obwohl Shell einen Verbleib in der Europäischen Union bevorzugt hätte, respektieren wir die Entscheidung einer Mehrheit des britischen Volkes, welche sich für einen Austritt entschieden haben“, sagte ein Sprecher des Ölkonzerns am Freitag in London. Shells erste Priorität sei es, seine Kunden in Europa und Großbritannien zuverlässig mit bezahlbarer Energie zu versorgen. Das britisch-niederländische Unternehmen mit Sitz in London ist einer der größten Konzerne auf der Insel.


„Business as usual“

Ähnlich äußerte sich Lufthansa-Chef Carsten Spohr. Die Folgen des Austritts Großbritanniens aus der EU seien überschaubar. „Für uns als größter europäischer Luftfahrtkonzern sind die Auswirkungen mit einem Anteil von fünf Prozent am Gesamtumsatz beherrschbar.“ Als Europäer sei er aber enttäuscht, so Spohr.

Jaguar Land Rover, britische Tochter des indischen Konzernriesen Tata Motors, teilte sogar mit, am Freitag sei für das Unternehmen „Business as usual“ angesagt. Man bekenne sich trotz des Ausgangs des Referendums zu allen Werken und Niederlassungen in Großbritannien und wolle zusammen mit der Regierung daran arbeiten, dass die britische Autoindustrie wettbewerbsfähig bleibt.

Solche Stimmen können nicht darüber hinwegtäuschen, dass Unternehmen ähnlich wie Buchmacher, Wettbüros, Meinungsforscher und letztlich auch die Finanzmärkte vom Ausgang des Referendums kalt erwischt wurden: „Das hatte ich nicht so erwartet“, sagt Jürgen Maier, Siemens-Chef für Großbritannien. In den Wochen zuvor hatte der Manager und überzeugte Europäer für einen Verbleib des Landes in der EU geworben – und jetzt das. „Als es sich um vier Uhr morgens der Austritt abzeichnete, war mein erster Gedanke: Was heißt das jetzt?“, sagte Maier dem Handelsblatt.

Für den schon lange in Großbritannien lebenden Österreicher mit Manchester-Akzent geht es vor allem jetzt darum, der grassiereden Unsicherheit entgegenzutreten, die seit den frühen Morgenstunden das Land im Griff hat: „Heute wird ein schwerer Tag“, sagt Maier, „dann kommt das Wochenende und am Montag werden wir aufwachen und feststellen, dass das Leben weitergeht.“ Das gilt auch für Siemens, das in dem Land 13 Produktions- und Forschungs-Standorte unterhält und gerade im nordenglischen Hull für 430 Millionen Euro ein neues Werk zum Bau von Windturbinen errichtet. „Siemens ist schon seit 170 Jahren hier im Land“, sagt Maier. „Langfristig werden wir schon einen Weg finden.“ Er fordert von der Regierung in London möglichst schnell einen Plan, wie es nun weiter gehen soll. Dabei geht es vor allem um Forschungs- und Entwicklungsprogramme zwischen Großbritannien und anderen Ländern wie Deutschland und Frankreich, die von der EU finanziell gefördert werden. „Hier brauchen wir schnelle Antworten“, sagt der Manager. London könne damit nicht warten, bis sich eine neue Regierung im September gebildet habe.

Am Ende bleibt, was John Cryan, britischer Chef der Deutschen Bank, am Freitag als Fazit zog: „Das ist kein guter Tag für Europa. Die Konsequenzen lassen sich noch nicht vollständig absehen. Sie werden aber für alle Seiten negativ sein. Sicherlich sind wir als Bank mit Sitz in Deutschland und einem starken Geschäft in Großbritannien gut darauf vorbereitet, die Folgen des Austritts zu mildern. Lassen Sie mich als Brite und Europäer aber noch eines hinzufügen: Ich bin ein überzeugter Anhänger der europäischen Idee. Diese hat uns mehr als 50 Jahre Frieden und Wohlstand gebracht“, so Cryan. „Deshalb schmerzt es mich, dass Europa für viele meiner Landsleute offenbar an Attraktivität verloren hat. Das ist ein klares Signal an die Europäische Union, wieder näher an die Menschen zu rücken und die Demokratie zu stärken.“

Marijn Dekkers, bis April Chef des Pharmakonzerns Bayer und nun Präsident des Verbands Chemischer Industrie (VCI), forderte: „Wir alle brauchen ein politisch geeintes und wirtschaftlich starkes Europa.“ Nach den Differenzen über die richtige Flüchtlingspolitik sei das EU-Referendum in Großbritannien der zweite Rückschlag in diesem Jahr für das historische Projekt der europäischen Einigung. Von einem „schweren Rückschlag für Europa“ sprach auch Dekkers Nachfolger bei Bayer, Werner Baumann. Die EU und ihre Mitgliedstaaten sollten den skeptischen Blick vieler EU-Bürger auf die Brüsseler Institutionen sehr ernst nehmen.

„Das Votum ist eine immense Herausforderung – wirtschaftlich, aber mehr noch politisch“, sagte Eon-Chef Johannes Teyssen. Die europäischen Entscheidungsträger müssten nun überzeugende Wege finden, wie die Staatengemeinschaft wieder zu einem Anliegen der Menschen werde – „auch wenn wir uns daran gewöhnt haben, viele Jahrzehnte in wachsendem Wohlstand und Frieden zu leben“. Man dürfe das nie für eine Selbstverständlichkeit halten.

„Wir bedauern die Entscheidung für einen Ausstieg Großbritanniens aus dem größten Binnenmarkt der Welt sehr – nicht nur aus wirtschaftlicher Sicht“, fasste Bosch-Chef Volkmar Denner zusammen, was viele äußerten.


„Die Welt wird nicht stillstehen“

Eine weitere Belastungsprobe für die Europäische Union wäre es, wenn nun nach Großbritannien auch andere EU-Länder ihre Bürger über eine EU-Mitgliedschaft abstimmen lassen würden. RWE-Chef Terium glaubt durchaus, dass weitere Mitgliedstaaten dem britischen Beispiel folgen könnten. Das bereitet ihm „für die Zukunft Europas und der EU einige Sorgen“, sagte er dem Handelsblatt. Eon-Chef Teyssen mag weitere EU-Referenden ebenfalls nicht ausschließen, denn auch in anderen Staaten gebe es Skepsis gegenüber Europa. „Europa wird sich neu erfinden müssen, sonst verliert es weiter an Rückhalt in der Bevölkerung.“

Das Votum habe eine „fatale Signalwirkung für alle EU-Gegner in den anderen Mitgliedstaaten“ und bedeute eine erhebliche Schwächung der EU, erklärte auch Rewe-Chef Alain Caparros. Der Franzose mit deutschem Pass, Chef von Deutschlands Nummer zwei im Lebensmittelhandel, erwartet nach der Out-Entscheidung der Briten neue Instabilität und Unruhe in Europa.

Bertelsmann-Chef Rabe dagegen findet es voreilig, aus der Entscheidung der Briten auf andere Länder zu schließen. „Die Europaskepsis beziehungsweise die EU-Skepsis ist leider in einigen Ländern verbreitet.“ Trotzdem glaube er, dass sich die europäische Idee durchsetzen und von der Mehrheit der Bevölkerung auch getragen werde. VCI-Geschäftsführer Utz Tillmann erwartet ebenfalls nicht, dass andere Mitgliedstaaten der EU den Rücken zukehren wollen. Er hofft, „dass die wirtschaftlichen Konsequenzen, die die britische Volkswirtschaft nun wohl zu spüren bekommt, andere davon abhalten werden, in eine solche Richtung zu denken“.

Natürlich beschäftigen die CEOs auch die Auswirkungen des Brexit auf das eigene Geschäft. Viele möchten sich dazu noch nicht äußern, haben sich aber im Vorfeld – etwa gegen Währungsschwankungen durch Hedging – abgesichert und prüfen nun die Auswirkungen. Die deutsche Industrie rechnet nach der Brexit-Entscheidung mit „harten und unmittelbaren“ Einschnitten im Handel mit Großbritannien. „Wir erwarten in den kommenden Monaten einen deutlichen Rückgang des Geschäfts mit den Briten. Neue deutsche Direktinvestitionen auf der Insel sind kaum zu erwarten“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), Markus Kerber. Fast 400.000 Menschen arbeiten im Vereinigten Königreich in Niederlassungen deutscher Unternehmen. „Die Beschäftigten stehen vor unsicheren Zeiten“, sagte Kerber. Besonders betroffen vom Brexit seien wohl die Branchen Auto, Energie, Telekom, Elektronik, Metall, Einzelhandel und Finanzen.

Großbritannien drohe „eine Rezession, langfristig schwächeres Wirtschaftswachstum und der Verlust von Arbeitsplätzen“, glaubt VCI-Geschäftsführer Utz Tillmann. Eine Rezession in Großbritannien könne auf die EU ausstrahlen. Für das Geschäft der Chemischen Industrie in Deutschland bedeute das Votum „nichts Gutes“. Tillmann erwartet eine Abschwächung der Exporte der Branche nach Großbritannien und einen Rückgang der Direktinvestitionen beiderseits des Ärmelkanals.

Airbus-Chef Tom Enders dagegen mahnte zur Ruhe: „Durch dieses Resultat verlieren beide, Großbritannien und Europa. Die Welt und auch Europa werden aber nicht stillstehen“, sagte er.

Was jetzt zählt, sind die Verhandlungen zwischen Großbritannien und der Europäischen Union über den EU-Austritt, heißt es unisono von Deutschlands Top-Managern. „Die Entscheidung hat Unsicherheit für Märkte, Unternehmen und Haushalte zur Folge“, sagte BASF-Chef Kurt Bock. „Es sollte daher im Interesse beider Seiten liegen, möglichst schnell zu klären, in welcher Form die Europäische Union und das Vereinigte Königreich in Zukunft zusammenarbeiten werden.“ Bayer-Chef Baumann wird noch deutlicher: „Die EU und Großbritannien müssen den Austritt so gestalten, dass die negativen ökonomischen und gesellschaftlichen Auswirkungen so gering wie möglich gehalten werden.“

Friedrich Joussen, Chef vom weltgrößten Touristikkonzern Tui Group, ist zuversichtlich: „Die britische Regierung hat unser Vertrauen, dass sie die notwendigen Schritte einleiten wird, um die wirtschaftliche und politische Stabilität zu gewährleisten. Bleibt nur zu hoffen, findet Rewe-Chef Caparros, „dass die Institutionen der EU in Brüssel jetzt nicht über Monate nur von der Beschäftigung mit der technischen Abwicklung des Austritts der Briten lahmgelegt werden“.

Quelle:  Handelsblatt Online
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