Hans-Werner Sinn: Die Bringschuld der Ökonomen

ThemaÖkonomen

GastbeitragHans-Werner Sinn: Die Bringschuld der Ökonomen

Bild vergrößern

Hans-Werner Sinn, 68, war bis Frühjahr 2016 Präsident des ifo Instituts in München. Der streitbare Ökonom ist der WirtschaftsWoche seit langen Jahren als Kolumnist verbunden.

von Hans-Werner Sinn

Volkswirte haben eine wichtige gesellschaftliche und politische Funktion. Wie sollen sie ihre Arbeit verstehen, wie ihre Erkenntnisse kommunizieren? Ganz klar: als Sachwalter des Staates.

Mein wichtigster akademischer Lehrer hieß Herbert Timm. Timm war ein Finanzwissenschaftler an der Universität Münster, Keynesianer der ersten Stunde, Vorsitzender des finanzwissenschaftlichen Beirats, Theoretiker, Praktiker, Wehrmachtsoffizier, Kriegsverweigerer, gefühlter Sozialdemokrat. Die Ordoliberalen waren ihm suspekt, weil zu salbungsvoll, doch die mikroökonomische Allokationspolitik und die Verteilungstheorie waren fester Bestandteil seiner Lehre. Die Erdnähe, Politikrelevanz, theoretische Stringenz und Unbestechlichkeit seiner Analyse waren mir stets ein Vorbild. „Betreiben Sie keine Glasperlenspiele“ – so lautete das Motto, das er uns Studenten mitgab.

Der Volkswirt, wie Timm ihn verstand, arbeitet nicht in erster Linie als Philosoph, Mathematiker oder Ökonometriker, sondern als Sachwalter des Staates, ja des Volkes. Er soll dem Volk helfen, dafür erhält er ein aus Steuern bezahltes Gehalt. Herbert Giersch, langjähriger Präsident des Instituts für Weltwirtschaft, sprach davon, dass Volkswirte eine „Bringschuld“ gegenüber der Öffentlichkeit haben.

Anzeige

Als ich in jungen Jahren an meinen Theorien bastelte, hatte ich häufig ein schlechtes Gewissen, wenn ich an Timm dachte. Ich hoffe aber, dass ich seinem Motto in den späteren Jahren meiner beruflichen Karriere etwas mehr gerecht geworden bin. Gleichwohl verteidige ich das Recht junger Ökonomen, eben doch erst einmal die Theorie zu studieren – weil sie besser mathematisch denken können und die Theorie später als Kompass benötigen.

Zum Download 90 Jahre WirtschaftsWoche - Die Jubiläumsausgabe

90 Jahre WirtschaftsWoche – von der Fachzeitschrift „Der deutsche Volkswirt“ zum populären Marktführer. Das Jubiläumsheft zum Download.

Zum Download: 90 Jahre WirtschaftsWoche - Die Jubiläumsausgabe

Ein guter Volkswirt muss sich in seiner Karriere zunächst eine feste theoretische Basis erarbeiten, bevor er sich an die institutionelle Wirklichkeit und die Zahlen herantraut, die häufig einem Dschungel gleichen, in dem man sich ohne den Kompass leicht verirrt. Ökonomische Fragen, insbesondere solche, die im Zusammenhang mit neuen, wichtigen Ereignissen auftauchen, betreffen oft Wirkungszusammenhänge, die im Nebel liegen. Irgendetwas passiert, man hat Indizien und Begleitumstände des Geschehens, aber man bringt die Puzzleteile nicht zusammen.

Daten gibt es in der Regel nicht, weil Datensätze meistens im Hinblick auf konkrete Fragen erstellt werden, doch nicht im Vorfeld für Ereignisse, von denen man gar nicht weiß, dass sie auftreten können. Und selbst wenn empirisch forschenden Wissenschaftlern später Daten zur Verfügung stehen, erkennt man in ihnen nichts, wenn man nicht mit einer Theorie im Kopf nach Mustern zu suchen vermag.

Echte volkswirtschaftliche Forschung ist Detektivarbeit. Man entwickelt Hypothesen, verwirft sie und tastet sich allmählich an das Geschehen heran, bis man es verstanden hat und in der Lage ist, seine Erkenntnisse anderen widerspruchsfrei mitzuteilen. Schafft man das nicht, hat man den Sachverhalt meist selbst noch nicht richtig verstanden. Erst wenn Ökonomen einen Sachverhalt durchdrungen und die Wirkungszusammenhänge entschlüsselt haben, sollten sie Politikempfehlungen abgeben. Der Volkswirt soll sich öffentlich äußern, aber seine Meinung ist unnütz, wenn er zu dem jeweiligen Phänomen nicht geforscht oder gelehrt hat.

In diesem Fall äußert er sich bestenfalls als Staatsbürger, so wie es jeder andere auch könnte. Wer sich zu vielen Themen öffentlich äußert, sollte auch über viele Themen in seinem akademischen Leben geforscht oder zumindest gelehrt haben. Eine Handvoll Publikationen in Fachjournalen allein ist noch kein Nachweis für einen verantwortlichen Umgang mit dem Vertrauen, das ihm die Öffentlichkeit entgegenbringt.

Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%