Zerstobene Hoffnungen in Afrika: Die Party ist vorbei

Zerstobene Hoffnungen in Afrika: Die Party ist vorbei

, aktualisiert 21. Mai 2016, 16:56 Uhr
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Afrikas Volkswirtschaften haben ihre Abhängigkeit von Rohstoffen nicht verringern können. Das rächt sich nun.

von Wolfgang DrechslerQuelle:Handelsblatt Online

Afrikas Volkswirtschaften haben ihre Abhängigkeit von Rohstoffen nicht verringern können - das rächt sich nun. Diese Misere und der Abzug der Chinesen belasten das Land. Jetzt bricht selbst der Konsum weg.

KapstadtWie eine offene Wunde klafft das riesige Loch in der Steppe von Botswana, aufgerissen von Baggern groß wie ein mehrstöckiges Haus. Fast 400 Meter tief ist die im Tagebau betriebene Diamantenmine von Jwaneng, 120 Kilometer westlich der Hauptstadt Gabarone. Über zehn Millionen Karat werden hier jedes Jahr aus dem rotbraunen Boden der Kalahari gekratzt – mehr als aus jeder anderen Diamantenmine. Doch das Geschäft läuft schlecht.

Früher gingen die Kumpel nach dem Schichtwechsel oft in eine der umliegenden Bars, um dort mit einem eiskalten Castle Lager oder anderen Markenbier ihren Durst zu löschen. Doch die Kneipen sind heute oft verwaist. Stattdessen trinken viele vor den Stufen lokale Billigmischungen, die in einfachen Pappkartons verkauft werden. Die Rückkehr vieler Afrikaner zum Selbstgebrauten ist ein Zeichen für den eingebrochenen Konsum auf dem Kontinent. Gerade schluckt der weltweit größte Brauer Anheuser-Busch Inbev für mehr als 100 Milliarden Dollar seinen südafrikanisch-britischen Erzrivalen SAB Miller, um Zugriff auf dessen potenziell lukratives Afrikageschäft zu bekommen. Doch zeitgleich werden eben solche Hoffnungen von einer schweren Wirtschaftsflaute unterminiert.

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Statt wie in den vergangenen Jahren um bis zu acht Prozent soll Afrika nach Schätzungen des Internationalen Währungsfonds in diesem Jahr allenfalls noch um drei Prozent wachsen. Damit kompensiert der Kontinent nicht einmal sein hohes Bevölkerungswachstum. Noch vor zwei Jahren galten viele afrikanischen Volkswirtschaften vor allem unter Unternehmensberatern als Wachstumswunder. Viele wähnten den Kontinent bereits auf den Fußspuren Asiens. US-Präsident Barack Obama zeigte sich auf einer Stippvisite 2013 fest davon überzeugt, dass Afrika „die nächste große Erfolgsstory der Welt“ schreiben werde.


Teurer Trugschluss

Grundlage der Hoffnung waren die vom Rohstoffboom befeuerten hohen Wachstumsraten einiger Länder und die Aussicht auf das Aufkommen einer konsumfreudigen Mittelschicht. Genau dies scheint sich nun jedoch als teurer Trugschluss zu entpuppen.

„The party is over“ überschrieb Südafrikas führende Wirtschaftszeitung „Business Day“ kürzlich einen Leitartikel. Denn der wichtigste Partygast, China, mag angesichts der Konjunktursorgen im eigenen Land nicht mehr mitfeiern. Die Exporte Afrikas nach China sind im vergangenen Jahr um fast 40 Prozent auf 67 Milliarden Dollar eingebrochen. Genauso stark fiel in den ersten sechs Monaten 2015 der Rückgang der chinesischen Direktinvestitionen in Afrika.

Jetzt rächt sich, dass Afrika in den vergangenen Jahren fast nur auf die chinesische Karte gesetzt und darüber die historisch engen Bande zu den traditionellen Handelspartnern im Westen vernachlässigt hat. Niemand weiß, wer nun all die geplanten Infrastrukturprojekte finanzieren soll. „Chinas Metamorphose von einer rohstoffhungrigen zu einer stärker auf den Konsum ausgerichteten Volkswirtschaft könnte zur Folge haben, dass sich die für Afrika so wichtigen Metallpreise für lange Zeit nicht mehr durchgreifend erholen werden“, befürchtet der südafrikanische Wirtschaftskommentator und Anlageexperte David Shapiro vom Johannesburger Vermögensberater Sasfin.

Keinen trifft der Absturz der Rohstoffpreise härter als Afrika, dessen 48 Volkswirtschaften auch fast 60 Jahre nach Beginn der Unabhängigkeit fast alle noch auf dem Export jeweils eines einzigen Rohstoffs fußen. Das schlägt jetzt auf den Konsum durch. Unter dem herben Wachstumseinbruch im Ölstaat Angola etwa leidet inzwischen der südafrikanische Spirituosenhersteller Distell – dabei gilt der Brausektor als praktisch rezessionsresistent.

Für Nic Norman Smith von der Vermögensberatung Lentus ein Indiz dafür, dass die Expansion in Afrika sich gerade für südafrikanische Unternehmen, die einen großen teil ihres Umsatzes in Südafrika machen, als „ausgesprochen schwierig“ entpuppen dürfte. Und in ihrer Heimat am Kap leiden die südafrikanischen Unternehmen unter einem auf unter ein Prozent abgestürzten Wirtschaftswachstum.


Den Boom verpasst

Wie der Ölstaat Nigeria, Afrikas größte Volkswirtschaft, hat auch Angola den Umbau seiner Wirtschaft im „Boom“ der vergangenen Jahre verpasst. „Mit dem Einbruch der Staatseinnahmen um 60 Prozent werden die Versäumnisse nun schonungslos offengelegt“, schreibt Ricardo Soares de Oliveira, Afrikaexperte an der Universität Oxford. „Die Gehälter der Staatsbeamten bleiben unbezahlt, während die Preise für die fast ausschließlich importierten Lebensmittel, aber auch die Transportkosten explodieren.“

In vielen Firmenetagen ist die Skepsis über das vermeintlich grenzenlose Wachstumspotenzial Afrikas inzwischen gestiegen. Die britische Bank Barclays hat den Verkauf ihrer Afrikatochter beschlossen. Konsumgüterkonzerne wie Procter & Gamble oder Unilever, Nutznießer von erhofften Millionen neuer Konsumenten, haben es zunehmend schwer. Süßwarenhersteller Cadbury und Coca-Cola haben in Kenia bereits Fabriken geschlossen. „Wir dachten, dass Afrika das nächste Asien wäre“ sagt Cornel Krummenacher, Chef der Zentralafrika-Region von Nestlé. „Aber wir haben gesehen, dass die Mittelklasse in unserer Region extrem klein ist und nicht wirklich wächst.“

Trotz ihrer hohen Bedeutung für die Demokratie- und Wirtschaftsentwicklung gibt es kaum verlässliche Zahlen zur Mittelschicht in Afrika. Sicher ist nur, dass sie fast überall erheblich kleiner als ursprünglich vermutet ist. Nimmt man einen Verdienst von 10 bis 20 Dollar am Tag als Grundlage zeigen Daten der Beratergruppe EIU Canback nur eine leichte Zunahme von 4,4 auf knapp sechs Prozent der Bevölkerung in den vergangenen zehn Jahren. Über 90 Prozent aller Afrikaner fallen noch immer unter die Schwelle von 10 Dollar am Tag.

„Viele Hoffnungen haben sich zerschlagen, etwa jene südafrikanischer Einzelhändler schon in zwei oder drei Jahren die Hälfte ihres Geschäfts in Afrika abzuwickeln“, sagt Doug Murray, Chef der südafrikanischen Modegruppe Foschini. Auch die südafrikanische Supermarktkette Shoprite hat der neuen Realität Tribut gezollt: Statt der geplanten 600 bis 700 Läden allein in Nigeria sind es bislang ganze zwölf. Entsprechend vorsichtig gibt sich Murray: „Afrikas Wachstumsgeschichte wird allenfalls wohl eine sehr langfristige sein.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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