Zinsprognose und die EZB: „Die Luft für Bundesanleihen wird dünn“

Zinsprognose und die EZB: „Die Luft für Bundesanleihen wird dünn“

, aktualisiert 09. März 2016, 16:40 Uhr
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Öffentliche Banken erwarten keine Kurssteigerungen bei Bundesanleihen.

von Andrea CünnenQuelle:Handelsblatt Online

Wenn die EZB am Donnerstag ihre Geldpolitik weiter lockert, könnte die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe ins Minus rutschen. Allerdings nur kurz, meinen Experten. Wie es in der Minus-Welt weitergeht.

Frankfurt am MainDie Welt der Zinsen steht auf dem Kopf. Seit die Europäische Zentralbank (EZB) den Einlagensatz erstmals im vergangenen Juni in den negativen Bereich gesenkt hat, verzinsen sich auch immer mehr Anleihen im Minus. Im Euro-Raum sind es rund 45 Prozent aller Staatspapiere, in Deutschland mittlerweile fast 80 Prozent. Auch viele Pfandbriefe und selbst Unternehmensanleihen von soliden Schuldnern rentieren leicht im Minus. Und in dieser Woche gelang es der Hypothekenbank Berlin Hyp als erster Bank einen Pfandbrief mit negativer Rendite zu platzieren. Für Anleger verschärft sich die Misere. Auch längerfristige Papiere wie achtjährige Bundesanleihen rentieren derzeit im negativen Bereich. Dabei gelten Staatsanleihen eigentlich als sichere Geldanlage. Doch statt ihr Geld nun dank Zinsen zu mehren, zahlen Anleger nun für ihre Investition drauf.

Auslöser dessen war die EZB. Dort müssen Banken für Übernachteinlagen bei der EZB einen Strafzins von 0,3 Prozent bezahlen. Und es könnte noch tiefer ins Minus gehen. Investoren rechnen fest damit, dass die EZB den Einlagensatz am morgigen Donnerstag auf minus 0,4 oder sogar minus 0,5 Prozent senken wird. Dazu könnte sie ihr Anleihekaufprogramm ausweiten. Die große Frage, die Experten großer öffentlicher Banken bei der halbjährlichen Zinsprognose-Pressekonferenz des Bundesverbands Öffentlicher Banken Deutschlands (VÖB) am Tag vor der EZB-Sitzung beschäftigt, ist, ob auch viel beachtete deutsche Bundesanleihe mit zehn Jahren Laufzeit in den Minus-Bereich drücken wird.

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Aktuell rentiert die zehnjährige Bundesanleihe mit 0,23 Prozent, Ende Februar war sie unter 0,1 Prozentpunkt gerutscht und im vergangenen April erreichte sie mit 0,07 Prozent ein historisches Tief – um danach binnen kurzer Zeit wieder auf über ein Prozent zu steigen.

„Grundsätzlich würde eine negative Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe nicht viel ändern, wir haben ja schon sehr viele Negativ-Zinsen“, meint dazu Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank. Es wäre aber ein „historischer Schritt“, und de la Rubia kann sich vorstellen, dass wir diesen nach der EZB-Sitzung sehen werden. Jens Kramer, Leiter Volkswirtschaft und Strategie bei der NordLB, will den Fall unter null Prozent zumindest nicht ausschließen. Er hält es jedoch genauso möglich, dass die EZB morgen die Märkte nicht in euphorische Stimmung versetzt, eben weil schon so lange weitere Schritte der Notenbank erwartet werden.


Was die Banken konkret erwarten

Auf etwas längere Sicht erwarten die öffentlichen Banker aber zumindest wieder leicht steigende Renditen bei der zehnjährigen Bundesanleihe. Die Prognosen reichen von 0,35 Prozent in sechs Monaten (HSH Nordbank) bis 0,55 Prozent (Bayern LB). In zwölf Monaten dürfte die Rendite dann zwischen 0,5 Prozent (NordLB) und 0,8 Prozent (BayernLB, Helaba und LBBW) liegen. Vielleicht steckt dahinter auch ein bisschen Wunschdenken: Wenn sich die Minus-Welt so fortsetzt und wir in einem halben Jahr auch bei der zehnjährigen Bundesanleihe ein Minus vor dem Komma steht, „haben wir ein Problem“, meint Ulf Krauss, Anleihestratege bei der Helaba.

Für Alexander Aldinger, leitender Analyst für Staatsanleihen bei der BayernLB, wird die Luft für weiter steigende Kurse und damit fallende Renditen der Bundesanleihen, dünner. Schwindelgefühle drohten allerdings nicht – auch in einem Jahr würden die Renditen noch niedrig sein. Die EZB kann nach einhelliger Meinung der Experten zwar das „kurze Ende“ also kurzlaufende Staatsanleihen beeinflussen, bei langlaufenden Anleihen werde dies aber zunehmend schwerer.

Ein Grund dafür ist auch die US-Notenbank. Hier erwarten alle vom VÖB eingeladenen Experten noch mindestens eine, wenn nicht sogar zwei Zinserhöhungen in diesem Jahr. „Stabilisiert sich die Entwicklung in den Schwellenländern und kommt es nicht zu einem weiteren Rückgang der Ölpreise, wird die US-Notenbank an ihrem Zinserhöhungzyklus festhalten, wenn auch in moderater Form“, ist Jan Holthusen, Leiter des Anleihe-Researchs bei der DZ Bank, überzeugt.

Dies werde die Renditen zehnjähriger US-Staatsanleihen in einem halben Jahr von derzeit knapp 1,9 Prozent auf 2,1 und in einem Jahr auf 2,5 Prozent hoch treiben, meint Holthusen. Die anderen Experten sehen das ähnlich – und meinen unisono, dass der Renditeanstieg in den USA auch die Renditen der Bundesanleihen zumindest etwas mit nach oben ziehen wird. Dazu kommt: „Wenn der Ölpreis steigt und sich bei über 45 Dollar etabliert, dürfte das die Inflationserwartungen deutlich steigern.“ Und das würde dann noch deutlichere Anstiege der zehnjährigen Bundesanleihe zur Folge haben. In dieser Woche hat der Preis für ein Barrel (159 Liter) Brent-Öl zumindest wieder den Sprung über die Marke von 40 Dollar geschafft, nachdem er Anfang des Jahres auf 27 Dollar abgerutscht war.


„Die Notenbanker können nicht mehr viel ausrichten“

„Die Inflationserwartungen hängen deutlich am Ölpreis – und den kann die EZB nicht beeinflussen“, meint Holthusen: „Deshalb kämpft die EZB gegen Windmühlen“, meint Holthusen. Auch andere Banken zweifeln daran, dass die EZB mit ihrer Geldpolitik noch viel ausrichten kann. „Die Geldpolitik stößt an ihre Grenzen oder ist vielleicht schon darüber hinausgegangen“, sagt Krauss von der Helaba. Die Negativzinsen würden Investoren verunsichern, auch weil sie die Auswirkungen kaum abschätzen könnten. Auch Kramer von der NordLB fürchtet, dass die EZB viel an Glaubwürdigkeit eingebüßt hat.

„Die EZB hat den Märkten Zeit geschaffen und die Unsicherheit genommen, dass die Euro-Zone auseinanderbricht“, meint Uwe Burkert, Chefvolkswirt der EZB. Inzwischen helfe sie den Märkten aber nicht mehr, sondern verunsichere sie. „Mit den Negatizinsen ist die EZB zu weit gegangen“, ist Burkert überzeugt. Inzwischen sei der Punkt erreicht, an dem der Negativzins gerade den Banken massiv schade. „Anders als noch bei der Bewältigung der Finanzkrise und der Euro-Staatsschuldenkrise können die Notenbanker nicht mehr viel ausrichten“, meint auch Christian Melzer, Volkswirt bei der Dekabank. Die Notenbanken könnten die Märkte nicht mehr so ruhig halten.

Abseits der öffentlichen Banken hagelt es noch härtere Kritik an der EZB und ihrer Minus-Politik „Die negativen Zinsen könnten für europäische Banken ruinös sein“, schimpft Patrick O'Donnell, Investmentstratege bei Aberdeen Asset Management. Nichts von den EZB-Maßnahmen werde der europäischen Wirtschaft weiterhelfen und das Anleihekaufprogramm veranlasse die Banken nicht dazu, mehr Kredite zu vergeben. Die ganze Politik sei „nur Flickwerk“. Die europäischen Politiker sollten deshalb laut O’Donnell damit aufhören, Mario Draghi zu drängen, „Kaninchen aus dem Hut zu zaubern, und damit beginnen, die Wirtschaft des Kontinents zu reformieren.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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