Zinssenkung: Wenn Notenbankern die Ideen ausgehen

Zinssenkung: Wenn Notenbankern die Ideen ausgehen

, aktualisiert 18. März 2016, 14:47 Uhr
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Ratlose Notenbanker: EZB-Chef Mario Draghi und sein Vize, Vitor Constancio

Quelle:Handelsblatt Online

Die Kapitalmärkte stehen Kopf – zumindest in Norwegen. Trotz der jüngsten Leitzinssenkung der Zentralbank wertete die Norwegische Krone auf statt ab. Es ist nicht die einzige Notenbank, deren Werkzeuge kaum noch wirken.

DüsseldorfSo hatte sich das Øystein Olsen sicher nicht vorgestellt. Der Chef der norwegischen Zentralbank (Norges Bank) hat am Donnerstag den Leitzins auf das Rekordtief von 0,5 Prozent gesenkt. Das Kalkül der Notenbanker: Ein noch niedrigerer Leitzins schwächt die heimische Währung - und das hilft der vom gesunkenen Ölpreis gebeutelten Wirtschaft des Landes, am Weltmarkt wettbewerbsfähiger zu werden. Schließlich würde der in fremde Währungen umgerechnete Preis ihrer Waren günstiger werden.

Normalerweise können sich die Notenbanker auf ihre Werkzeuge verlassen. Senken sie den Leitzins, schwächt dies der reinen Lehre zufolge unmittelbar die heimische Währung. Der Grund: Niedrigere Zinsen machen Kapitalanlagen sowohl für Investoren aus dem In- als auch dem Ausland weniger attraktiv. Also sinkt die Nachfrage nach der Inlandswährung und mit ihr der Kurs gegenüber stärker nachgefragten Fremdwährungen. Soweit die Theorie.

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Bei der Norwegischen Krone hakte dieser Mechanismus gestern. Statt abzuwerten, verteuerte sich die Krone gegenüber dem Euro, und zwar gleich um ein Prozent. Das ist ein für den Devisenhandel hoher Wert. Für einen Euro bekommt man am Freitag 9,3787 norwegische Kronen. Vor der Notenbankentscheidung waren es noch 9,4908 Kronen. Da half es auch nichts, dass der Zentralbankchef weitere geldpolitische Lockerungen in Aussicht stellte.

Der Notenbankchef gibt sich ratlos: „Ich weiß nicht, warum die Krone aufgewertet hat“, wunderte sich Olsen in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Bloomberg. Vermutlich aber sei die insgesamt angespannte Marktlage verantwortlich: „Die Finanzmärkte reagieren einfach nervös auf Nachrichten.“

Die unmittelbare Reaktion an den Devisenmärkten kann sich auch Kristoffer Kjær Lomholt nicht erklären. Dass sich die Krone verteuerte, ergebe „keinen Sinn“. Es sei einfach „seltsam“ sagt der Analyst der Danske Bank.

Die Aufwertung der Krone kommt für die Währungshüter ungelegen. Denn obwohl die die Norges Bank ihren Auftrag derzeit übererfüllt – ihr Ziel ist eine Inflation von 2,5 Prozent, tatsächlich lag sie im Februar allerdings bei 3,4 Prozent – stagniert die norwegische Wirtschaft. So hat sich das Wachstum im zweiten Halbjahr 2015, die Ölindustrie herausgerechnet, kaum von der Stelle bewegt. Norwegen will weg von der Ölabhängigkeit – und dazu ist eine starke Krone ein Hindernis.

Das Beispiel Norwegens zeigt die Hilflosigkeit, vor der Notenbanker nach einer Phase lang anhaltender Niedrigzinsen stehen. Das bekommen auch die Japaner zu spüren. Die dortige Notenbank hat die Zinsen Anfang des Jahres in den Negativbereich gedrückt, mit unerwarteten Konsequenzen. Statt ab- hat der Yen seit Jahresbeginn gegenüber dem Dollar acht Prozent aufgewertet und ist gegenüber der US-Währung so stark wie seit Oktober 2014 nicht mehr.

Die Frage, die dieses Gegenspiel aufwirft ist: Wo bleibt der Spielraum für den eigenen Staat, wenn Notenbanken rund um die Welt sich mit ihren Leitzinsen unterbieten? Für die Märkte könnte der lockere Kurs der Notenbanken mehr Volatilität bedeuten. Auch für das Wachstum der Weltwirtschaft könnte sich der geöffnete Geldhahn als ungünstig erweisen: Wenn nur eine Notenbank die Leitzinsen senkt und eine Währungsabwertung erreicht, ist das erst einmal gut für die Exportprodukte ihrer Wirtschaft. Tun aber mehrere Banken dasselbe, ebbt der positive Effekt ab. „Es ist zunehmend beunruhigend, dass die Zentralbanken die Grenzen ihrer Möglichkeiten austesten“, sagt der Devisenstratege Brian Dainerfield von RBS Securities dem Wall Street Journal. „Mit jedem neuen Werkzeug, das sie sich nehmen, leert sich der Werkzeugkasten“, sagt Dainerfield.


EZB-Chefvolkswirt kann sich weitere Zinssenkungen vorstellen

Und der Werkzeugkasten insgesamt wird immer ausgefallener. So hatte sich EZB-Chef Mario Draghi auf einer Pressekonferenz in dieser Woche zum Thema „Helikopter-Geld” geäußert. Das Konzept sei zwar interessant, seine Umsetzung aber wegen der Bürokratie etwas schwierig, so der Tenor des Notenbankchefs. Gemeint ist damit das Modell der Volkswirte, gleichmäßig Geld über alle Euro-Staaten abzuwerfen, so den Konsum anzukurbeln und entsprechend die Inflation zu steigern. Die Idee gilt als extrem ungewöhnlich und dass Draghi sie nicht explizit von sich weist, könnte für das Maß der Hilflosigkeit der Notenbanker herhalten.

Allerdings sehen einige von ihnen ihren geldpolitischen Spielraum noch lange nicht ausgeschöpft. Laut EZB-Chefvolkswirts Peter Praet hat die EZB die Grenzen der Geldpolitik im Kampf gegen die schwache Wirtschaft und eine zu niedrige Inflation noch nicht erreicht. Sollten negative Schocks den konjunkturellen Ausblick verschlechtern und die Inflationserwartungen weiter schwach bleiben, gehöre eine nochmalige Zinssenkung weiterhin zum verfügbaren Arsenal, versicherte Praet in einem am Freitag veröffentlichten Interview in der italienischen Zeitung „La Repubblica“. Eine solche Äußerung legt nahe, dass negative Zinsen demnächst nicht nur für Banken, sondern auch für Kleinsparer Realität werden könnten.

In der vergangenen Woche hatte die EZB die Märkte mit einer erneuten Leitzinssenkung überrascht. Der Hauptrefinanzierungssatz liegt seitdem bei null Prozent, und der Zinssatz für sehr kurzfristige Einlagen der Geschäftsbanken bei der EZB wurde von minus 0,3 auf minus 0,4 Prozent gesenkt. Praet geht derzeit davon aus, dass die zuletzt ergriffenen Maßnahmen reichen werden, um dem anvisierten Inflationsziel von knapp zwei Prozent bis 2018 nahezukommen.

Ob sinkende Zinsen tatsächlich das beste Mittel für die Ankurbelung der Konjunktur sind, ist jedoch fraglich. Bislang haben nur zwei Länder in Europa Erfahrungen damit gemacht: die Schweiz und Dänemark. Beide Länder verfolgten mit der Zinssenkung ganz andere Ziele als die Euro-Zone. Beide wollten an einem bestimmten Währungsregime festhalten und Spekulanten den Anreiz nehmen, Staatsanleihen der Länder zu horten.

Die EZB-Banker dagegen wollen durch die Niedrigzinsen die Kreditvergabe der Banken an die europäischen Unternehmen ankurbeln. Doch die Finanzinstitute reagieren nicht unbedingt mit einer Lockerung der Kreditvergabe. Stattdessen fürchten sie den Margendruck, den immer weiter sinkenden Zinsen verursachen. Die Erträge der Institute geraten unter Druck, was wiederum sogar dazu führen könnte, dass Banken ihre Zinsen erhöhen, um ihre Kosten zu decken. Damit würden Mario Draghi und seine EZB-Kollegen genau das Gegenteil dessen erreichen, was sie eigentlich wollen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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