Zukunft der Luftfahrt: Mit Überschall nach Paris

Zukunft der Luftfahrt: Mit Überschall nach Paris

, aktualisiert 15. Juni 2017, 10:25 Uhr
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Mehrere Unternehmen arbeiten an einer Neuauflage der Concorde. Tickets könnten dann um die 2.500 Dollar kosten.

von Jens KoenenQuelle:Handelsblatt Online

Die US-Firma Boom stellt auf der Paris Air Show ihre Pläne für ein neues Überschallflugzeug vor – 17 Jahre nach dem Absturz einer Concorde an fast demselben Ort. Der Unfall leitete damals das Ende des Überschalljets ein.

Paris17 Jahre ist es her, dass eine Concorde kurz nach dem Start am Pariser Flughafen abstürzte und alle Passagiere sowie die Besatzung mit in den Tod riss. Ein zuvor von einem anderen Flugzeug verlorenes Teil auf der Startbahn war hochgeschleudert worden und hatte den Tank zerstört. Der legendäre aber auch umstrittene Überschalljet war damit dem Tode geweiht, 2003 wurde der Betrieb der „Königin der Lüfte“ eingestellt.

Nun kehrt das Thema Überschall im Passagierverkehr zurück an den Ort des Unglücks. Auf der Paris Air Show am Pariser Flughafen Le Bourget stellen Vertreter des US-Startups Boom und des 3D-Druck-Spezialisten Stratasys ihren Plan vor, ein neues Überschallflugzeug für den Passagiertransport zu entwickeln. Zwar geht es vordergründig um das Thema 3D-Druck und die Möglichkeiten, diesen in der Flugzeugfertigung einzusetzen. Die Firma Boom setzt in der geplanten Lieferkette für ihren superschnellen Jet stark auf diese neue Technologie. Aber noch spannender ist natürlich die Frage, ob ein neuer Überschalljet überhaupt eine Chance in der heutigen Luftfahrt haben wird.

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Blake Scholl, der Gründer von Boom, ist fest davon überzeugt, dass dem so ist. Ab 2020 will er Fluggäste wieder mit Überschallgeschwindigkeit transportieren. „Wir werden zunächst mit Privatjets für etwa 45 Personen beginnen, doch dann wird sehr schnell die Diskussion beginnen, ob es nicht effizienter ist, auch mehr Passagiere zu befördern“, stellte Scholl seine Pläne im März auf der Musik- und Internetkonferenz „South by Southwest“ in Austin im US-Bundesstaat Texas vor.

Aus technologischer Sicht mögen solche Pläne keine unlösbare Aufgabe sein. Die eigentliche Herausforderung ist die Politik. Seit mehr als vier Jahrzehnten sind Flüge von zivilen Überschalljets in den USA verboten – wegen der Lärmbelästigung.

Scholl, selbst Pilot und Gründer der mittlerweile an Groupon verkauften Mobiltechnologiefirma Kima Labs, hält das aber von seinem Plan nicht ab. Der Chef von Boom Technology in Denver glaubt, dass die Regulierer angesichts der Effizienzvorteile der ultraschnellen Flüge ihre früheren Vorgaben lockern werden. Die seien sowieso völlig veraltet.

Mit dieser Meinung steht Scholl nicht alleine da. Eli Dourado vom Mercatus Center der George Mason Universität, ein Spezialist für Drohnen, Überschallflugzeuge und fliegende Autos, plädiert vehement dafür, die Vorgaben zu lockern. „Es ist doch enttäuschend, dass Überschallflugzeuge heute kaum schneller fliegen als die Concorde der 60er-Jahre“, sagt er. Der Grund in seinen Augen: Wegen des Banns dieser Flugzeuge gebe es kaum Unternehmer, die sich mit der Weiterentwicklung der Technologie beschäftigten. „Wir müssen diese Stagnation in der Geschwindigkeit beenden. Denn Geschwindigkeit verändert die Welt.“


2.500 Dollar pro Ticket

Scholl ist nicht der einzige, der die Überschalljets wiederbeleben will. Die US-Raumfahrtbehörde Nasa arbeitet seit längerem an einer Neuauflage der Concorde. Das Ziel: Durch ein spezielles Design soll der mit dem Durchbrechen der Schallmauer verbundene Knall in seiner Lautstärke deutlich reduziert werden.

Wegen dieses Lärms war es der Concorde seinerzeit verboten gewesen, ihre maximale Geschwindigkeit über Land zu erreichen. Nur über dem Ozean war das erlaubt. Das Überschallgeräusch tritt auf, wenn das Flugzeug schneller fliegt als der Schall in seiner Umgebung. Der dabei entstehende Verdichtungsstoß äußert sich in Form eines Knalls. Die Schallgeschwindigkeit ist dabei von vielen Faktoren abhängig, etwa von der Temperatur und der Luftdichte. In etwa elf Kilometern Höhe – eine typische Flughöhe – liegt sie bei rund 1060 Stundenkilometern.

Die Nasa hatte im vergangenen Jahr den Flugzeughersteller Lookheed Martin damit beauftragt, das Design für ein Modell eines solchen Überschalljets zu entwickeln. Das Modell ist seit Jahresbeginn fertig, Ende Februar begannen Testversuche in einem Windkanal. Die Nasa-Techniker glauben, dass man mit dem Quiet Supersonic Technology (QueSST) genannten Design in der Lage sein wird, den Lärm des Knalls soweit zu reduzieren, dass er auf der Erde gar nicht mehr zu hören sein wird. Die spezielle Form des Flugzeugs soll, so die Idee, den Verdichtungsstoß und dessen Ausbreitung voneinander trennen.

Damit könnten die Überschalljets sofort nach dem Start in den Überschallmodus gehen, was die Reisezeit gegenüber der Concorde nochmals verkürzen würde. Die schaffte die Strecke von Paris nach New York in dreieinhalb Stunden, flog dabei in einer Höhe von 18 Kilometern.

Auch das Verbrauchsproblem glaubt die Nasa mit dem neuen Design in den Griff bekommen zu können. In den Windkanal-Tests wollen die Ingenieure anhand des Modells, dass etwas weniger als ein Zehntel der Größe des geplanten Originals besitzt, wichtige Erkenntnisse erhalten, wie und ob das ehrgeizige Ziel zu erreichen ist.

Bis der erste Supersonic-Jet abheben wird, dürfte es allerdings noch dauern. Denn es sollen erst zahlreiche weitere Test auch mit anderen Modellen folgen. 2020, so der aktuelle Plan, soll das Flugzeug einsatzbereit sein.

Auch wenn Scholl und Dourado beide wenig von der Initiative der Nasa halten, weil sich solche staatlichen Projekte ihrer Meinung immer viel zu lange verzögern, will auch Scholl mit seiner Firma Boom ein wesentlich effizienteres Flugzeug bauen, als es die Concorde war.

„Wir sind in der Triebwerkstechnik heute so weit, dass wir keine Nachbrenner mehr wie die Concorde brauchen, um Überschall zu erreichen“, nennt er einen Grund für seine Zuversicht. Außerdem sei der Knall auf der Erde kaum lauter als etwa ein Zug. Und in der Kabine sei das Durchbrechen der Schallmauer sowieso kein Problem. „In der Concorde haben sie das Erreichen der Schallgeschwindigkeit angezeigt und dann Champagner ausgeschenkt. Sonst hätten es die Passagiere gar nicht mitbekommen“, so Scholl.

Spätestens im kommenden Jahr soll der Prototyp der Firma – ein Model mit dem Namen XB 1 oder intern auch Baby-Boom genannt – zu Testflügen abheben. Die Vision des Optimisten Scholl: Ein Flug von New York nach London in dreieinviertel statt in sieben Stunden – und das für 2.500 Dollar je Ticket. Zum Vergleich: Bei der Concorde kostete ein solches Ticket einst 18.000 Dollar.

Quelle:  Handelsblatt Online
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