Zukunftsforscher Yuval Noah Harari: „Die meisten Menschen sind für die Wirtschaft überflüssig“

Zukunftsforscher Yuval Noah Harari: „Die meisten Menschen sind für die Wirtschaft überflüssig“

, aktualisiert 22. März 2017, 12:19 Uhr
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Weltgeschichte der Zukunft Yuval Noah Harari, Jahrgang 1976, promovierte an der University of Oxford und ist Professor für Weltgeschichte an der Hebräischen Universität in Jerusalem. In diesen Tagen stellt er auf einer Lesereise in Deutschland sein neues Buch "Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen" vor.

von Pierre HeumannQuelle:Handelsblatt Online

Der Zukunftsforscher Yuval Noah Harari sagt: „Das Problem wird sein, dem Leben der Menschen künftig einen Sinn zu geben.“ Ein Gespräch über Cyborgs, die Zukunft der Arbeit, Computerspiele, Religion und nutzlose Menschen.

Die Digitalisierung der Welt macht den Menschen überflüssig: Das schreibt der israelische Zukunftsforscher Yuval Noah Harari in seinem neuen Buch „Homo Deus“. Er sieht sein provokatives Buch über den gottähnlichen Menschen als einen Anstoß, um "fantasievoller als bisher über unsere Zukunft nachzudenken". Damit wir nicht schockiert in einer Welt aufwachen, in der der Homo sapiens die Kontrolle verloren hat. Harari lebt in einem abgelegenen Dorf zwischen Tel Aviv und Jerusalem.

Herr Harari, auf der Fahrt zu Ihnen stellte ich plötzlich fest, dass ich meinen Führerschein vergessen habe, und ich fragte mich: Können wir uns künftig Mikrochips einpflanzen lassen, um Gedächtnisschwächen zu überwinden?
Daran arbeitet man bereits. Es wird eine direkte Schnittstelle zwischen dem Gehirn und dem Computer geben.

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Wann wird ein besserer Sapiens Wirklichkeit?
In 20 bis 50 Jahren wird es möglich sein, dass Gehirn und Computer fast nahtlos miteinander kommunizieren. Man hat ja heute schon bionische Arme, die durch das Signal im Gehirn bewegt werden können. Prothesen sind heute zwar noch ziemlich primitiv. Aber in 50 Jahren könnten sie besser sein als natürliche Körperteile.

Also wird es keine Körperbehinderungen mehr geben?
Mehr als das. Neue Rekorde werden künftig bei den Paralympischen Spielen aufgestellt werden. Dort wird es viel schnellere Fortschritte geben als bei Olympiaden. Sie werden interessanter sein als die Olympischen Spiele.

Würden Sie die Leistungen von künstlich verbesserten Menschen noch als Sport bezeichnen?
Letztlich geht es bei dieser Frage darum, was wir am Athleten bewundern. Heute nehmen wir an, dass wir die von der Natur gesetzten Grenzen des menschlichen Körpers und des menschlichen Geistes an deren Limit sehen wollen. Aber es muss immer noch natürlich sein. Wenn bekannt wird, dass ein Spitzensportler Aufputschmittel verwendet, um seine Leistung zu steigern, sagen wir entrüstet: "Das ist nicht fair." Die Trennlinie zwischen naturgegebenen und künstlich verbesserten Kräften ist allerdings nicht klar.

Wer gewinnt, wenn zwei Cyborgs gegeneinander antreten?
Das kommt auf die Fähigkeiten der Programmierer und der Maschinen an.

Können Cyborgs Humor haben?
Es ist durchaus möglich, dass sie mehr Witz haben als der Durchschnittsmensch. Auch hier kommt es darauf an, wie sie programmiert sind.

Google-Chefentwickler Ray Kurzweil spricht vom Ende des Todes und des Leidens. 2030 soll es so weit sein. Ist das aus Ihrer Sicht realistisch?
Kurzweil hat ein paar sehr gute Argumente. Aber er übertreibt mit der Erwartung, dass es 2030 so weit sein wird. Das ist viel zu früh. Mit Hilfe der Biotechnologie und künstlicher Intelligenz den Tod herauszuschieben wird erst in 80 oder 100 Jahren möglich sein. Diejenigen, die heute auf die Welt kommen, haben daher gute Chancen, dass sie ihr Leben unbeschränkt verlängern können.

Unbeschränkt?
Sagen wir vorsichtshalber bis zu ihrem 150. oder 200. Geburtstag.

Ein alter Traum würde wahr: der Jungbrunnen.
Wenn man den Mechanismus des Altwerdens versteht, kann man etwas dagegen unternehmen. Dann kann man beschädigtes Gewebe ersetzen oder jüngere Zellen einimpfen. Alternativ lassen sich mit Hilfe von Robotern und Rechnern organische Körperteile durch anorganische ergänzen. Man wird auch ein bionisches Immunsystem haben. Wissenschaftler arbeiten daran ...

... klingt nach Science-Fiction.
Die Forschung ist noch in einem sehr frühen Stadium. Millionen von Nanorobotern, die etwa so groß sind wie weiße Blutzellen, sollen im Körper aufpassen. Sie sollen zum Beispiel Alarm schlagen, wenn sie Krebszellen entdecken, oder diese gleich vernichten. Wenn ein bionisches Immunsystem eingesetzt wird, werden Krebszellen, Bakterien oder Viren hilflos sein. In der Evolution wurden sie nämlich nicht darauf vorbereitet, kleine Roboter zu besiegen.


Ab wann künstliche Intelligenz besser ist als der Mensch

Einige wollen sich einfrieren lassen, um später von der neuen Medizin profitieren zu können.
Es gibt bereits eine ganze Branche, die diese Kryogenik offeriert.

Denken Sie daran, davon Gebrauch zu machen?
Nein. Ich glaube nicht, dass es funktioniert. Die Tieftemperaturtechnik ist zu wenig ausgereift. Beim Auftauen des Körpers gibt es Probleme.

Wann wird es so weit sein, dass künstliche Intelligenz mehr kann als der Mensch?
Auf der Evolutionsskala sind wir schon fast so weit. In 200 Jahren, vielleicht etwas früher, werden Maschinen intelligenter sein als Sapiens. Auch das ist keine Science-Fiction, sondern nur noch eine Frage der Zeit.

Dann wird uns eine Maschine sagen, was wir zu tun haben?
Diese Epoche hat eigentlich bereits begonnen. Wie haben Sie den Weg zu mir gefunden?

Mit Hilfe des Navigationssystems Waze.
Dadurch überließen Sie den Entscheid, den besten Weg zu finden, einem Algorithmus. Und vermutlich vertrauen Sie diesem Algorithmus mehr als Ihrem Orientierungssinn. Mehr und mehr Lebensbereiche sind bereits oder werden bald von Algorithmen erfasst. Wen soll man heiraten? Man fragt Google oder Facebook. Man sucht einen Job? Man konsultiert Google. Wenn Sie in den USA einen Kredit beantragen, wird Ihr Gesuch vermutlich nicht von einem Banker bearbeitet, sondern mit einem Algorithmus entschieden.

Was bleibt Sapiens übrig, wenn Roboter immer mehr Arbeiten und Funktionen übernehmen?
Die meisten Menschen wird man für die Wirtschaft nicht mehr brauchen können. Sie sind überflüssig. Von der Versorgung her dürfte das keine Schwierigkeiten bereiten, da man noch kapitalintensiver produzieren wird - ich denke etwa an Nahrungsmittel, Kleider oder Transporte.

Mit Verlaub: Ihr Begriff "überflüssige Menschen" ist provokativ.
Ich meine das natürlich nicht aus Sicht der Familie, sondern aus Sicht des ökonomischen und politischen Systems. Im 20. Jahrhundert haben die Regime teure Systeme für die Erziehung, die Gesundheitsversorgung und den Wohlfahrtsstaat aufgebaut, weil sie die Massen brauchten. Weil die meisten Menschen im 21. Jahrhundert nicht mehr benötigt werden, verliert das System den Anreiz. Das wird besonders die Länder der Dritten Welt hart treffen. In den reichen Staaten ist die Tradition des Wohlfahrtsstaates genügend stark verankert, so dass er auch für "nutzlose" Menschen sorgen wird. Das Militär ist übrigens ein gutes Beispiel dafür, dass wegen Hightech immer weniger Menschen gebraucht werden.

Wie denn?
Die besten Armeen verzichten heute auf eine Rekrutierung der Massen. Wenn ein Krieg ausbricht, macht es, anders als im letzten Jahrhundert, keinen Sinn mehr, alle Diensttauglichen aufzubieten. Die besten Armeen verlassen sich heute auf eine relativ kleine Zahl von professionellen Soldaten, die in Spezialeinheiten eingesetzt werden, zunehmend auch in raffinierten Tech-Einheiten, zum Beispiel für die Bedienung von Drohnen oder Lenkflugkörpern.


Religionen als virtuelle Games im Kopf

Wie sicher sind Sie sich, dass Ihr Szenarium vom Homo Deus unsere Welt prägen wird?
Ich will keine Prognosen stellen. Ich verstehe mein Buch vielmehr als Anstoß für eine Diskussion über unsere künftigen Wahlmöglichkeiten. Heute können wir immer noch entscheiden - aber leider findet in der Öffentlichkeit keine grundlegende Debatte darüber statt.

Auch früher sind alte Berufe verschwunden und neue entstanden. Sie warnen, dass das künftig ein größeres Problem sein werde als bisher.
Im Zuge der Automatisierung tauschten früher Arbeitnehmer Jobs mit geringen Anforderungen mit neuen Jobs, die ebenfalls geringe Anforderungen stellten. Bauern aus Pennsylvania etwa fanden einen Job in Detroits Fabriken. Mit der jüngsten Automatisierung ist es aber nicht mehr möglich, einfache Jobs durch ebenfalls einfache Jobs zu ersetzen. Denn jetzt braucht es Softwareingenieure und Biologen, was höhere Anforderungen an die Ausbildung stellt. Jemand, der 30 Jahre an der Kasse stand, schafft den Übergang nicht.

Sind die Lerninhalte an den Schulen noch relevant, wenn immer mehr künstliche Intelligenz und Cyborgs in den Alltag eindringen?
Das meiste, das den Schülern heute beigebracht wird, wird völlig irrelevant sein. Das eigentliche Problem wird sein, dem Leben der Menschen künftig einen Sinn zu geben.

Viele definieren sich heute über ihren Beruf oder arbeiten, um Geld zu verdienen. Was aber sollen die Menschen künftig tun?
Sie werden sich in virtuellen Realitäten tummeln, sich mit 3D-Computerspielen unterhalten. Die virtuelle Realität wird bei ihnen mehr emotionales Engagement auslösen, als das heute im Arbeitsalltag oft der Fall ist.

Das klingt schon etwas zynisch.
Das sehe ich anders. Schon heute verbringen Kinder viele Stunden vor ihren zweidimensionalen Bildschirmen und spielen. Diese Tätigkeit sorgt bei ihnen für eine immense Aufregung. Neu ist das nicht: Sapiens hat während vieler Jahrhunderte in virtuellen Realitäten gelebt.

Noch vor dem Computerzeitalter?
Diese virtuellen Realitätsspiele nannte man bisher Religion. Man lebte in einer realen Welt, bis einer kam, der eine neue Scheinwelt schuf und diese über die Realität stülpte. Er erfand neue Spielregeln. Wenn du als Moslem fünfmal am Tag betest, gibt es Punkte, wenn du als Jude Schweinefleisch konsumierst, gibt es Strafpunkte. Nur wer genügend Punkte sammelt, gelangt nach dem Tod auf den nächsten Level des Spiels. Diese virtuellen Games, die ausschließlich in unseren Köpfen stattfinden und mit der Realität nichts zu tun haben, werden seit Jahrtausenden gespielt. Und ich sehe keinen grundlegenden Unterschied zwischen Religionen und Bildschirmen.

Herr Harari, vielen Dank für das Interview.

Quelle:  Handelsblatt Online
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