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100 Jahre Schlacht um Verdun „So furchtbar kann nicht einmal die Hölle sein“

Heute vor 100 Jahren begann die Schlacht von Verdun, die längste aller Zeiten. Überflüssig im Hinblick auf die Ziele, gewaltig in der Wirkung: Verdun war der Wendepunkt des Krieges – und der Weltgeschichte.

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Ab Juni 2016 wendete sich das Blatt auf dem Schlachtfeld vor Verdun endgültig: Die Franzosen waren am Drücker. Quelle: AFP

Düsseldorf „Es war so gut wie unmöglich, alle Toten zu bestatten. Alle mussten mithelfen, die Toten wegzuschaffen und in Massengräbern mit reichlich Chlorkalk für die Desinfektion zu beerdigen. Kaum erreichten die Männer die Front, mussten sie mit ansehen, wie Artilleriefeuer die leblosen Überreste ihrer Kameraden aus der Erde riss und Körperteile und Fetzen von Uniformen wie Stoffpuppen ohne Inhalt durch die Luft schleudert.“ So fasst der Historiker Paul Jankowski die Berichte von Zeitzeugen der Schlacht von Verdun zusammen. Und der Leser fragt sich: Wie können Menschen sich derartiges antun?

„Verdun hat nicht nur Frankreich gerettet, sondern die ganze Menschheit“, sagte der damalige britische Premier David Lloyd George. Es war die längste Schlacht der Weltgeschichte. Sie wütete von Februar bis Dezember 1916. Nie wieder starben so viele Soldaten auf so engem Raum. Wie viele es genau waren, lässt sich bis heute nicht herausfinden. Seriöse Quellen nennen völlig unterschiedliche Zahlen, die zwischen 300.000 und 700.000 gefallenen Soldaten schwanken – in etwa zu gleichen Teilen Franzosen wie Deutsche. Bis zur letzten Offensive am 20. Dezember 1916 verschossen allein die Franzosen 23 Millionen Granaten - das sind durchschnittlich 300 pro Minute. Verdun sollte den Krieg für das Reich entscheiden, doch es wurde zum Fehlschlag, der alles veränderte.

Am 21. Februar um 7.12 Uhr morgens beginnt das Inferno – bei Sonnenschein und klarblauem Himmel: Aus 30 Kilometern Entfernung hagelt es 760-Kilo-Geschütze auf Verdun. Nach zwei Stunden kommen Minenwerfer dazu und sorgen in den französischen Stellungen für ein Inferno. So geht es bis 16 Uhr ohne Pause.

Dann greift die Infanterie an – geschützt von Fliegern. Einer der Piloten ist Hermann Göring – später die rechte Hand von Adolf Hitler und Chef der Luftwaffe bei den Nazis. Die Soldaten rennen aus ihren Stellungen über das zerbombte Gebiet auf die Stellungen der Franzosen zu. Die sind aber keineswegs komplett zerstört wie erhofft. Der Widerstand ist noch nicht gebrochen – Maschinengewehre verlangsamen das Vorrücken der deutschen.

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    So gerät der deutsche Angriff Anfang März ins Stocken und es stellt sich eine Pattsituation ein. Die Oberbefehlshaber könnten schon jetzt, spätestens aber in den Wochen darauf, den Kampf um Verdun zum Unentschieden erklären. Aber zwei Gründe sprechen dagegen. Erstens tappen beide Seiten in die „Prestigefalle“, wie es der Historiker Paul Jankowski in seinem Buch „Verdun“ beschreibt:

    Verdun wurde zum Symbol der Leistungsfähigkeit der Armeen stilisiert – angefacht von der Propaganda in der Heimat. Und zweitens: Wenn schon kein schneller Sieg mehr möglich ist, so Falkenhayns neues Kalkül, dann soll die französische Armee vor Verdun „ausbluten“. Am 6. April wird das Mittel zum Zweck zu einem Selbstzweck, Menschen zu „Material“: Falkenhayn nennt das „Ausbluten“ nun zum alleinigen Sinn der Schlacht.


    Der vermeintliche Sinn einer unsinnigen Schlacht

    Die Vorbereitungen für diese Materialschlacht, die die Welt so noch nicht gesehen hat, verlief so präzise wie weitgehend unentdeckt: Die Deutschen schafften über Züge und Drahtseilbahnen schier unglaubliche Mengen an Material an die Front: 18.000 Drahtscheren, über zwei Millionen Sandsäcke – aber vor allem 1225 Geschütze aller Kaliber verteilt auf zehn Kilometer Tiefe. Erst am 20. Februar, also einen Tag vor dem Angriff, ist sich Frankreichs Oberbefehlshaber Joseph Joffre sicher, dass hier ein großer Angriff bevorsteht.

    Die Idee für die Offensive auf Verdun stammt von Generalstabschef Erich von Falkenhayn: Ausgerechnet hier, wo die Verteidigung scheinbar am stärksten ist, soll sich das Kriegsglück entscheidend wenden. Wie groß die Chancen auf einen Durchbruch waren – darüber streiten bis heute die Historiker.

    Falkenhayn will die Wette eingehen, ist er doch getrieben von dem Wissen, dass den Deutschen die Zeit davonläuft: Ihren 2,4 Millionen Soldaten stehen an der Westfront 3,5 Millionen Franzosen und Briten gegenüber. Und wo das Reich kaum noch nachlegen kann, verfügt der Gegner „über die schier unerschöpflichen Mittel ihrer Kolonien“, wie der Historiker Olaf Jessen in seiner Arbeit „Verdun 1916“ konstatiert.

    Falkenhayn wollte mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen: Erstens die Franzosen demoralisieren, wenn ausgerechnet Verdun fällt. Und gleichzeitig die Briten drängen, weiter nördlich an der Somme anzugreifen – wohl wissend, dass die Chancen dort zu siegen noch gut sind angesichts des unvorbereiteten Gegners. Es gelingt ihm, Kaiser Wilhelm II. von seinem Plan zu überzeugen.

    Doch das erhoffte Überrennen der Franzosen gelingt nicht. Zwar gibt es in den ersten Wochen erhebliche Raumgewinne und vor allem die Erstürmung des Forts Douaumont. Doch die Franzosen machen sozusagen ihre Fehler vor der Schlacht durch intelligente Entscheidungen insbesondere bei der Logistik und eine zum Mythos stilisierte Kampfmoral wieder wett.

    Die Regierung weist an, dass jeder zurückweichende Offizier vor ein Kriegsgericht gestellt wird. Verdun müsse standhalten. Doch der Druck wäre gar nicht nötig gewesen: Die französischen Soldaten verteidigen ihr Land auch so um jeden Preis.


    Was die Wende brachte

    Ian Morris schreibt in seinem Standardwerk „Krieg: Wozu er da ist“, dass die militärischen Führer keine Alternativen parat hatten: „Verzweifelt gingen die Generäle  1916 dazu über,  die Menge der Todesopfer zum Selbstzweck zu machen.“ Auch die Bilanz des deutschen Historikers Jörg Friedrich weist auf die Bedeutung, aber auch den Irrsinn dieser Entscheidung hin: „Die Verlustkalkulation muss stimmen. Man mag dagegen einwenden, dass die 1,4 Millionen französischen Kriegstoten gegen die 1,8 Millionen deutschen nicht gewonnen haben.“

    Die Schlacht von Verdun zeigte wie überhaupt das Kriegsjahr 1916, wie eng die unterschiedlichen Kampfzonen inzwischen miteinander verflochten waren: Verdun, die Schlacht an der Somme, die russische Offensive im Osten, der Eintritt Rumänien in den Krieg: Strategische Prioritäten mussten immer wieder neu bestimmt werden. Und so kam es auch zur finalen Wende in der Schlacht um Verdun.

    Dass sich die Deutschen immer weniger behaupten konnten, hatte auch mit personellen Veränderungen auf beiden Seiten zu tun: Wilhelm II. ersetze Falkenhayn als Chef der Obersten Heeresleitung durch Erich Ludendorff und Paul von Hindenburg – den späteren Präsidenten der Weimarer Republik, also den Mann, der Hitler zum Kanzler ernennen wird. Bei den Franzosen wird der Oberbefehlshaber Joseph Joffre durch Robert Nivelle abgelöst. Nivelle galt durch seine Erfolge in der Schlacht als Held der Franzosen.

    Die Deutschen müssen die so hart erkämpften Hügel und Forts nach und nach wieder räumen. Die Franzosen könnten mit dem neuen Status Quo zufrieden sein, greifen unter erheblichen Blutzoll aber weiter an, ohne einen nennenswerten Vorteil davon zu bekommen. Für sie ist Verdun längst zum Mythos geworden: „Für die französische Öffentlichkeit wächst die Bedeutung der Schlacht ins Unermessliche“ urteil der Historiker Olaf Jessen.

    Aus wirtschaftlicher Sicht beschleunigte die Schlacht um Verdun einen Megatrend, der durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges losgetreten wurde: Das internationale Finanzwesen war nicht mehr eine rein privatwirtschaftliche Angelegenheit, sondern es entstand eine intensive Verquickung mit der Politik. Die ehemals finanzmächtigen Staaten Europas liehen sich Geld von den Amerikanern - und die Franzosen standen besonders unter Druck.


    Wie Verdun der Wirtschaft schadete

    Der Historiker Adam Tooze schreibt: „Aufgrund der gigantischen Kosten der Schlacht von Verdun hatte Frankreichs Kreditwürdigkeit im August 2016 einen so tiefen Stand erreicht, dass es London überlassen blieb, das gesamte Kreditgeschäft in New York gegenzuzeichnen. Es entstand eine massive Umstrukturierung der Vermögen und Verbindlichkeiten. Ende 1916 hatten die US-Geldgeber rund zwei Milliarden Dollar in die Entente-Mächte gesetzt.

    Entsprechend groß wurde das Interesse der eigentlich unparteiischen USA, dass den Krieg die richtige Seite gewinnt - um dann auch die Schulden zurückzahlen zu können. Der derzeit wohl renommierteste deutsche Historiker Heinrich August Winkler kommt zu dem Schluss: „Die Sorge um die Rückzahlung dieser Gelder dürfte einer der Gründe gewesen sein, weshalb Präsident Wilsons Entscheidung für den Kriegseintritt Amerikas innenpolitisch nicht besonders umstritten war.“

    Die langfristigen Folgen waren umso verheerender, denn durch die hohen Schulden und die nicht mehr stabilen Währung verlor die Politik an Glaubwürdigkeit: „Die Behörden wurden verantwortlich gemacht für Versorgungsmängel, Teuerung und Schleichhandel”, erklärt Winkler.

    „Enttäuschte Erwartungen schlugen 1916 immer öfter in die Glaubwürdigkeits- und Legitimationskrise der militärischen und politischen Führungen um“, ergänzt der Historiker Jörn Leonhard.  Insofern ebnete Verdun als mit Abstand teuerste aller Schlachten den Weg in den Zweiten Weltkrieg maßgeblich mit.

    Zu Weiterlesen:

    Jörg Friedrich
    14/18: Der Weg nach Versailles
    Propyläen Verlag, 1072 Seiten

    Adam Hochschild
    Der Große Krieg
    Klett Cotta Verlag, 523 Seiten

    Paul Jankowski
    Verdun: Die Jahrhundertschlacht
    S. Fischer Verlag, 427 Seiten

    Olaf Jessen
    Verdun 1916
    C.H. Beck Verlag, 496 Seiten

    Jörn Leonhard
    Die Büchse der Pandora
    C.H. Beck Verlag, 1157 Seiten

    Ian Morris
    Krieg - wozu er da ist
    Campus Verlag, 526 Seiten

    Adam Tooze
    Sintflut. Die Neuordnung der Welt 1916-1931
    Siedler Verlag, 719 Seiten

    Heinrich August Winkler
    Geschichte des Westens
    C.H. Beck Verlag, 1350 Seiten

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