500 Jahre Martin Luther Der Erfinder des Berufs

Heute vor 500 Jahren erschienen Martin Luthers 95 Thesen, die Europa umwälzten. Doch der Mönch hatte auch auf Wirtschaftsfragen wichtige Antworten. Wie Luther den „Beruf“ erfand und was er von Zinspolitik hielt.

Das Denkmal für den deutschen Reformator Martin Luther auf dem Marktplatz der Lutherstadt Wittenberg. Quelle: dpa

DüsseldorfWir gehen zur Schule, werden ausgebildet, erwerben vielleicht einen Universitätsabschluss. Dann finden wir einen tollen Job und arbeiten uns 40 Jahre lang immer weiter die Karriereleiter hinauf, bis die Rente ruft. Dieses Berufsbild schwindet. Der arbeitende Mensch muss sich ständig neu finden, weiterentwickeln, um den Anschluss nicht zu verlieren. Und es deutet eine Menge darauf hin, dass dies viele Menschen verunsichert.

Da trifft es sich gut, dass wir uns im Lutherjahr befinden, um kurz innezuhalten und einen Schritt zurückzutreten: Am 31. Oktober 1517 veröffentlichte Martin Luther seine 95 Thesen. Aus denen entstand die Reformation, die evangelische Kirche und ein neues Europa. Und so ganz nebenbei das, was wir heute “Beruf” nennen - oder neudeutsch “Job”. Diesen Begriff und auch die Idee dahinter gab es vorher in der Form nicht.

Aber der Reihe nach: In Gelddingen hatte bei den Luthers die Frau das sagen. Katharina von Bora führte den Haushalt autark und sorgte mit viel Geschick dafür, dass all die Gäste stets eine gedeckte Tafel vorfanden. Das heißt aber nicht, dass der Wittenberger Mönch keine Beziehung zu Wirtschaftsthemen hatte - im Gegenteil. Aber für ihn hat sich das christliche Leben in drei Bereichen zu bewähren, von denen die “Oeconomia” einer ist. Neben der “Ecclesia”, also der mit der Welt verschränkten Kirchengemeinde, und der “Politia”, dem politischen Handeln, ist die Wirtschaft die dritte Kraft.

Die Zeit, in der Luther lebte, war geprägt von einer erheblichen Zunahme der Bevölkerung. Die Menschen lebten permanent am Rande einer Wirtschaftskrise. Schon kleinste Ernteausfälle konnten Hungersnöte verursachen. Zudem heizte der Zustrom südamerikanischen Silbers die Inflation an. Luther äußerte sich entsprechend regelmäßig zur Wirtschaftsordnung, aber entsprechend dieser fundamentalen Probleme eher im Hinblick auf Grundlagen - eine Geldtheorie daraus abzuleiten wäre zu viel des Guten.

„Luther bezog sich stets auf konkrete und aktuelle Zusammenhänge, die er nicht im Rahmen einer systematischen Wirtschafts- oder Geldtheorie, sondern als Problem christlicher Lebensführung betrachtete”, schreibt der Historiker Heinz Schilling in seiner bahnbrechenden Biografie “Martin Luther”. Geiz und Wucher traten das evangelische Gebot der Nächstenliebe aus Luthers Sicht mit Füßen. Er leitete seine wirtschaftlichen Ratschläge von der Bibel ab.


Luther versus Fugger

In den Jahren 1519, 1520 und 1524 veröffentlichte Luther drei Traktate zum Zins und beteiligte sich damit an der immer heftiger aufwallenden Diskussion um das Zinsverbot. Grundsätzlich durfte nach dem kanonischen Recht kein Zins erhoben werden, aber es gab Ausnahmen. Zu Luthers Zeit wurde nun darüber gestritten, unter welchen Bedingungen das Verbot umgangen werden konnte - allein schon weil der Handelskapitalismus vor allem in Oberitalien stark zunahm.

Luther erkannte, dass sich die Rahmenbedingungen geändert hatten und sich „die differenzierte Realität des handelskapitalistischen Geldverkehrs nicht mehr durch die unveränderte Übernahme von Normen des Urchristentums regulieren ließ”, schreibt Schilling. Aber: Auch das wirtschaftliche Handeln habe sich an der Gerechtigkeit des christlichen Liebesgebot auszurichten.

1525 beantwortete Luther eine Anfrage des Danziger Rates mit den Worten: „Für das Handeln im weltlichen Regiment sind Zinsen möglich, ja nötig, müssen sich aber nach der Billigkeit richten.” Die Höhe des Zinses dürfe sich ergo nicht nach dem Markt richten, sondern müssen für beide Seiten gerecht sein. Der Danziger Rat gestand daraufhin dem Recht auf Zinsnahme zu und setzte eine Richtgröße von fünf Prozent an.

So trug Luther zur Überwindung der starren, von der Realität längst überholten Zinslehre des Mittelalters bei. Allerdings ließ eine Erhöhung des angepeilten Zinssatzes von fünf Prozent nicht lange auf sich warten - das 16. Jahrhundert war nun mal eine Ära der steigenden Preise. Als Luther hörte, dass der Kaiser in den Niederlanden bereits einen Zins von zwölf Prozent erlaubte, antwortete er: “Pfui dich mal an.”

Was sich aus heutiger Sicht selbstverständlich anhört, war in Luthers Zeiten dem Vorwurf der doppelten Moral ausgesetzt. Schließlich steht in der Bibel “Leihet ohne Wiedernehmen”. Doch für den Historiker Schilling ist Luthers Ansicht die geldwirtschaftliche Konsequenz der „Lehre von den zwei Regimentern und den zwei Reichen”: Für die Ordnung im weltlichen Reich ist die weltliche Obrigkeit zuständig und somit fallen auch Geldgeschäfte nicht in den Bereich der Kirche. Diese Logik unterschied Luther vom Papst. „Die notwendige Wirtschaftsreform war für ihn ein unverzichtbarer Teil der evangelischen Erneuerung von Kirche und Gesellschaft”, urteilt Schilling.


Wie die Berufung zum Beruf wird

Diese gewisse Offenheit in wirtschaftlichen Fragen bedeutete nicht, dass Luther es an Kritik fehlen ließ gegen kapitalistische Umtriebe reicher Familien - allen voran den Fuggern. Der Augsburger Clan schrieb horrende Gewinne in Fernhandel, Verlagswesen, Montanunternehmungen und Bankgeschäften. Luther sah hier die Ausbeutung der Menschen durch widergöttliche Monopolisten am Werk, die die ständische Gesellschaftsordnung zerstören würden. Und er warf der Regierung vor, dieses Unrecht nicht zu unterbinden. Zeit seines Lebens setzte sich der Wittenberger Mönch für eine grundlegende Verbesserung der Wirtschaftsmoral ein.

Hier darf man Luther durchaus vorwerfen, zu kurz zu springen: Für ihn gründeten sich ökonomische Krisen stets im unchristlichen Verhalten der Menschen und nicht im starken Anstieg der Bevölkerung oder wechselnden Konjunkturlagen. Seine pessimistische Weltsicht sorgte dafür, dass er Wirtschaftsvergehen für unausrottbar hielt. „Sich damit abzufinden, kommt ihm nicht in den Sinn”, schreibt Schilling.

Mit der drastisch steigenden Bedeutung des Handels und des Kapitalismus bildete sich eine neue Denkweise heraus: Das, was wir heute als “Beruf” oder “Job” bezeichnen, bekam erst durch Luther eine Bedeutung, die die europäische Neuzeit tief prägen sollte. Für ihn war der “Beruf” auch eine “Berufung”. Jeder treu erbrachte Dienst war für Luther eine Gottgefälligkeit. Was zählte, war dass der Mensch handelte und wie er handelte. Dabei zielte seine Arbeitslehre nicht auf Leistungssteigerung im modernen Sinne - das waren später die Calvinisten.

Luthers Sicht der Dinge war noch sehr konservativ - gerade im Hinblick auf die Randgruppen der Gesellschaft und sein Ständedenken: So sollten Arme „gottgefällig in Ehren arm bleiben, jedenfalls kein Kapital aufnehmen dürfen, um durch Handel und Wandel ihre ökonomische Lage zu verbessern” schreibt Schilling. Seine Ethik errichtete hohe Barrieren gegen den sozialen Aufstieg des Einzelnen. Dies änderte sich erst im Zuge der Reformation.

Zum Weiterlesen

Heinz Schilling
Martin Luther. Rebell in einer Zeit des Umbruchs
C.H. Beck Verlag, 728 Seiten
Lyndal Roper
Luther. Der Mensch Martin Luther
S. Fischer Verlag, 730 Seiten

Udo di Fabio, Johannes Schilling (Hrsg)
Die Weltwirkung der Reformation
C.H. Beck Verlag, 213 Seiten

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