WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Anzeige: Sämtliche Inhalte dieser Seite sind ein Angebot von Capgemini. Für den Inhalt ist Capgemini verantwortlich.

Dietmar Harhoff im Interview „Start-ups tun sich leichter – wenn sie nicht scheitern“

Dietmar Harhoff ist Direktor am Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb. Quelle: David Ausserhofer

Ist die deutsche Ingenieurskultur in der digital vernetzten Welt nicht mehr zeitgemäß? Was machen Start-ups besser als etablierte Unternehmen? Dietmar Harhoff, Direktor am Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb, spricht im Interview über disruptive Prozesse.

Der rasante digitale Wandel zwingt etablierte Unternehmen immer stärker dazu, sich selber zu überdenken und neu zu erfinden. Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft werden vor neue Herausforderungen gestellt.  Dietmar Harhoff ist Direktor am Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb und bereits seit 2007 Vorsitzender der Expertenkommission der Bundesregierung zur Situation von Forschung und Innovation in Deutschland. In dieser Rolle legt er Kanzlerin Angela Merkel Jahr für Jahr ein Gutachten zu Forschung, Innovation und technologischer Leistungs­fähig­keit Deutschlands vor. Im Interview erklärt er, wie durch disruptive Innovationen die Karten neu verteilt werden und wann den Deutschen ihre Wertarbeit im Wege stehen könnte.

Herr Professor Harhoff, Sie sind Experte für Innovationen, in deren Zusammenhang derzeit vielfach der Begriff „disruptiv“ auftaucht. Was ist gemeint?
Als disruptive Geschäftsmodelle und Technologien werden Innovationen bezeichnet, die bestehende Technologien, Produkte oder Dienstleistungen verdrängen. Häufig führen sie zur Entstehung gänzlich neuer Märkte.
Für einen Innovationsforscher ist der Begriff der Disruption übrigens gar nicht so neu – er taucht sinngemäß schon in den 1960er Jahren auf. Wir wissen aus vielen Analysen, dass gerade etablierte Unternehmen oft zu spät reagieren, wenn sie von einer disruptiven Innovation erfasst werden. Ihre Wettbewerbsvorteile greifen plötzlich nicht mehr, die Karten werden neu gemischt. Beispiele dafür sind der Fahr-Vermittlungsdienst Uber, der die Taxibranche bedroht, oder die Online-Plattform Airbnb, über die Privatpersonen Unterkünfte vermieten können. Auch besonders wichtige digitale Technologien wie Big Data und Cloud Computing entfalten eine disruptive Wirkung.

Wie bei Uber und AirBnB gehen disruptive Innovationen häufig von Start-ups aus. Was machen die jungen Unternehmen besser?
Start-ups tun sich vielfach leichter als Großunternehmen, neue Technologien und Geschäftsmodelle zu entwickeln oder zu adaptieren – sofern sie nicht an mangelndem Geld oder aus anderen Gründen scheitern. Start-ups sind nicht an bestehende Produkte oder Kunden gebunden. Sie können die Welt sozusagen ganz neu denken und sind auf die Themen Digitalisierung und Vernetzung hervorragend eingestellt. Das betrifft gerade Start-ups aus dem FinTech- oder dem Industriebereich. Sie haben schon deswegen keine Schwierigkeiten im Umgang mit neuen Technologien, weil ihr Wachstum dadurch getrieben wird. Für die etablierten Unternehmen gilt das nicht – sie sind mit den nun „alten“ Technologien groß und erfolgreich geworden – da fällt es schwer, sich von gedanklichen Modellen und Annahmen zu verabschieden. An dieser Herausforderung scheitern viele Unternehmen.

Wie reagieren Großunternehmen auf die agileren jungen Unternehmen?
In einer ersten Phase fast immer mit Ablehnung. Stellen Sie sich einfach eine Forschungsabteilung mit mehreren Hundert dort arbeitenden Expertinnen und Experten vor, denen plötzlich gesagt wird, sie würden den Anschluss verpassen. Erwarten wir im Ernst, dass dann ganz rational geprüft wird, ob das stimmen könnte? Die dann ablaufenden Prozesse sind besser mit psychologischer als mit ökonomischer Theorie beschreibbar.
Irgendwann kommt natürlich die Einsicht, dass die Welt sich ändert. Mittlerweile haben nahezu alle der großen Dax-30-Unternehmen Raum für Start-up-Aktivitäten, insbesondere im Bereich digitaler Technologien, geschaffen. Dieses sogenannte „Corporate Venturing“ soll im Konzern das Beste dieser zwei Welten – also das verlässliche, effiziente Großunternehmen auf der einen und das innovative, unternehmerisch ausgerichtete Start-up auf der anderen Seite – verbinden. Die internen Forschungs- und Entwicklungsabteilungen dieser großen Unternehmen reichen schlicht nicht mehr aus, um ausreichend viele Impulse für Innovation und Produktivität zu liefern.

„Die Finanzierungssituation für Start-ups in den USA war und ist deutlich besser.“  

Was müsste getan werden, um Start-ups besser zu fördern?
Im Bereich der Frühphasenfinanzierung hat sich die Lage in Deutschland mittlerweile leicht verbessert. Jedoch ist die Wachstumsfinanzierung für Start-ups noch immer unzulänglich.
Für viele der jungen Unternehmen ist Eigenkapital wichtiger als Fremdkapital. Sie haben in der Regel kein oder kaum Anlagevermögen, sondern eher Werte wie Prozesswissen, die Marke an sich, vielleicht das ein oder andere Patent. All das sind Dinge, die nicht ihrem eigentlichen Wert entsprechend bilanziert oder zur Besicherung benutzt werden können. Um wachsen zu können, nehmen sie Wagniskapital auf. Grundsätzlich wäre es also wichtig, die Anreize für private Investoren am deutschen Wagniskapitalmarkt zu verbessern und ein Börsensegment für erfolgreiche Start-ups mit hohem Wachstumspotenzial einzurichten. Außerdem könnte man die Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten bei kleinen Unternehmen stärker fördern, indem man etwa proportional zu den F&E-Aktivitäten einen Nachlass auf die Steuerlast gewährt.

Was kann Deutschland in diesem Kontext von den USA lernen?
Die Finanzierungssituation für Start-ups in den USA war und ist deutlich besser. Außerdem erfahren Gründer nach wie vor in den USA größere gesellschaftliche Akzeptanz als in Deutschland. Die deutsche Ingenieurskultur, die auf perfekte Produktgestaltung und Serviceleistungen abzielt, ist auch nicht unbedingt dienlich, wenn es beispielsweise um die schnelle Entwicklung neuer Softwarelösungen oder Geschäftsmodelle geht.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?