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Bitcoin-Technologie Unternehmen gehen auf Tuchfühlung mit Blockchain

Die Blockchain soll die nächste digitale Revolution bringen. Quelle: Fotolia

Unzählige neue Geschäftsideen könnten mit der Bitcoin-Technologie Blockchain entstehen. Doch wie können etablierte Konzerne diese für sich nutzen? Innogy und eine Initiative aus der Versicherungswirtschaft zeigen es.

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Künftig brauche es keine Banken mehr, keine Versicherungen oder Energiekonzerne – all diese Mittelsmänner seien überflüssig, wenn sich die Blockchain einmal etabliert habe. Diese Vision zeichnet Don Tapscott, Professor für Management an der Joseph L. Rotman School of Management an der University of Toronto und Autor des Buches „Blockchain Revolution“. Jeder Wert, ob Geld, Musik oder Aktien, könnte mit der neuen Technologie künftig verwaltet, getauscht und verkauft werden – ohne solch mächtige Konzerne, die alles kontrollieren. Wenn man Don Tapscott im TED-Talk so reden hört, versteht man, wieso es diese Technologie ist, die heute zahlreiche Unternehmen umtreibt.

Blockchain wurde zuerst für die Kryptowährung Bitcoin erfunden. Mit der Technologie soll die nächste digitale Revolution beginnen: Beratungsunternehmen versprechen Einsparmöglichkeiten in Milliardenhöhe. „Blockchain hat das Potenzial unsere Wirtschaft und gar unsere Gesellschaft zu verändern“, sagt Peter Roßbach. Er ist Professor für Wirtschaftsinformatik und forscht an der Frankfurt School of Finance & Management zu Blockchain-Technologien. Jedes wichtige Dokument – vom Unizeugnis, über die Überweisung bis zum Vertrag für den Hauskauf – könne bald über die Blockchain abgewickelt werden. So bestehe etwa in der Finanz- und Versicherungsbranche nach wie vor eine große Abhängigkeit von physischen Dokumenten, die wenig effizient und fehleranfällig seien. Genau dort liege das Potenzial der Blockchain. Aber erst im Jahr 2020 soll die Blockchain-Technologie voll einsatzfähig sein. Die ersten Firmen loten jetzt die Einsatzmöglichkeiten aus.

Wo die Blockchain genutzt wird

Mit dem Energieunternehmen Innogy und einem Zusammenschluss von Versicherungsunternehmen unter dem Namen B3i arbeiten ausgerechnet jene Unternehmen verstärkt mit der jungen Technologie, denen der Kanadier Don Tabscott den Untergang prophezeit. Ihre Arbeit zeigt, wie der Wandel funktionieren kann – und welche Hürden es dabei zu überwinden gilt.

Innogy, die Ökostrom-Tochter des Energiekonzerns RWE, arbeitet schon seit 2015 daran, die Blockchain für sich zu nutzen. Der Ansatz: Wer mit seinem Elektroauto von München nach Hamburg fährt, kann beim Stromtanken mal mit EC-Karte, mal mit Kreditkarte zahlen. An einigen Ladesäulen kann er mitunter sogar gar nicht tanken, weil hier regionale Anbieter Strom nur an Kunden abgeben, die eine Mitgliedschaft abgeschlossen haben. Gemeinsam mit dem sächsischen Start-up Slock.it möchte Innogy dieses Durcheinander abschaffen. Unter dem Namen „Share & Charge“ sind bereits über 1000 Ladesäulen so aufgerüstet worden, dass Anbieter von Ladestationen und E-Auto-Besitzer über eine App miteinander ins Geschäft kommen können. Die Transaktion findet im Rahmen eines sogenannten Smart Contract auf der Ethereum-Blockchain statt. Kleine Computerprogramme können solche Verträge an eine bestimmte Logik binden: Sind die Vertragsbedingungen erfüllt, löst sich der Contract selbst ein. Vereinfacht gesagt: Hat der Kunde bezahlt, bekommt er Strom.


Dabei machen sich die Entwickler zunutze, dass mit der Blockchain zum Beispiel Kaufvorgänge über einen Verbund an Computern abgewickelt werden können. Die Rechner speichern die Transaktionen in digitalen Blöcken, die laufend aktualisiert werden. Bei jedem Geschäft werden die Daten auf alle Computer übertragen. Dieses System, das aus einem vernetzten und dezentralen Register besteht, soll sicher vor Manipulationen sein.

Die Idee der Entwickler bei Innogy: „Es soll ein großes Nutzer-zu-Nutzer-Netzwerk für Ladestationen entstehen. Wer eine Ladesäule hat, soll seinen Strom auch an andere E-Auto-Fahrer verkaufen können“, sagt Carsten Stöcker, Blockchain-Experte und Projektleiter im innogy-Innovation Hub. Dort entwickeln er und seine Kollegen Ideen, was die Blockchain noch ermöglichen könnte. „Wir sind bewusst auch räumlich vom Konzern abgekoppelt“, sagt Stöcker, „so können wir uns unvoreingenommen damit auseinandersetzen, was die Technologie für unser Geschäftsmodell bedeuten könnte.“ Neben Share & Charge arbeiten die Essener etwa daran, nicht nur Strom sondern gar feste Maschinen wie 3D-Drucker über Smart Contracts im Sinne der Sharing-Economy teilen zu können. Auch Besitzer von Solaranlagen könnten ihren überflüssigen Strom so künftig an ihre Nachbarn verkaufen.


Auch für die Versicherungsbranche bietet die Blockchain große Chancen, um effizienter zu werden. Die Unternehmensberatung Capgemini hat für die Studie „Smart Contracts in Financial Services: Getting from Hype to Reality“ berechnet, dass weltweit 21 Milliarden US-Dollar alleine im Bereich der KFZ-Versicherungen eingespart werden könnten.

In der Branche haben sich seit Oktober des vergangenen Jahres 15 Versicherer und Rückversicherer zur Initiative B3i (Blockchain Insurance Industry Initiative) zusammengeschlossen. „Vor zwei Jahren hieß es, dass auch Versicherungen bald überflüssig sein könnten“, erklärt Oliver Volk, Blockchain-Experte bei Allianz Re. Er selbst glaube vielmehr, dass die Blockchain die Versicherungswirtschaft schneller, transparenter und sicherer machen wird. Neben der Allianz sind auch die Munich Re, Zurich und Swiss Re Teil der Initiative.

„Vor zwei Jahren hieß es, dass auch Versicherungen bald überflüssig sein könnten.“  


Auch Oliver Volk und sein Team testen Smart Contracts. Sogenannte Nat-Cat-Bonds etwa könnten deutlich schneller gezahlt werden. Für diese Katastrophenanleihen, die Versicherungsunternehmen oder Rückversicherer ausgeben, um die Risiken für das eigene Unternehmen im Falle von Tornados, Überschwemmungen oder Erdbeben zu reduzieren, bekommen sie bei einer Naturkatastrophe eine Entschädigung. „Bislang mussten dann erst umfangreiche Daten manuell abgeglichen werden, die sich wieder von Unternehmen zu Unternehmen unterscheiden konnten“, erklärt Volk. „Mit Smart Contracts könnten Zahlungen automatisiert erfolgen, wenn etwa ein bestimmter Wert auf der Richterskala überschritten wird.“ So könne der Zahlungsfluss von mehreren Wochen oder Monaten – wie bisher – auf wenige Stunden oder Tage reduziert werden. „Das ist ein enormer Effizienzgewinn.“

Ideen wie diese werden im Impact Hub Munich entwickelt. Mit diesem Coworking-Space im Münchner Stadtviertel Sendling kooperiert der Rückversicherer Munich Re. Eine feste Gruppe aus zehn Mitarbeitern erarbeitet hier, wie sie die Blockchain in der Versicherungsindustrie nutzen können. Immer wieder würden andere Experten aus den verschiedenen Unternehmen für einige Zeit hinzugezogen. „Das Wichtigste ist dabei, dass wir hier viel ausprobieren können – und nicht jeden Schritt mit dem Management abstimmen müssen“, sagt Volk. So sei es möglich auch über jene Ideen nachzudenken, die mitunter auch die Geschäftsmodelle ihrer Arbeitgeber infrage stellen könnten.

Tabscotts These, Unternehmen wie B3i und Innogy könnten dank Blockchain einmal überflüssig werden, sieht Peter Roßbach von der Frankfurt School  kritisch: „Intermediäre erbringen nicht nur Vertrauensleistungen“, sagt er. Das Aufkommen der Blockchain-Technologie bedeute also nicht, dass solche Konzerne fortan zwangsläufig überflüssig seien.

Carsten Stöcker von Innogy sieht die Risiken für Unternehmen vielmehr darin, sich nicht frühzeitig mit der Technologie auseinanderzusetzen: „Wir befinden uns in einem sehr intensiven Wettbewerb mit Chinesen und Japanern, die Milliarden in die Erforschung stecken“, erklärt er. Da müsse man sich schon jetzt jetzt mit der Blockchain beschäftigen – und selbst Möglichkeiten finden, sie für sich zu nutzen.

Es gebe zahlreiche unentdeckte Möglichkeiten die Blockchain zu nutzen, sagt auch Professor Peter Roßbach. Der einzige Weg für Firmen, dieses Potenzial für sich zu nutzen? „Frühzeitig ausprobieren“, erklärt der Frankfurter. Auch für den Forscher Wolfgang Prinz vom Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik (Fraunhofer FIT) ist dies der richtige Ansatz mit der Technologie umzugehen. Gemeinsam mit seinen Kollegen vom Fraunhofer FIT gibt er in Unternehmen Workshops, um all jene Prozesse zu identifizieren, die mit der Blockchain optimiert werden könnten. „Am Ende muss kein fertiges Produkt dabei rauskommen“, sagt Prinz, „es geht vielmehr darum, die Möglichkeiten der Blockchain zu erproben, um somit eine Entscheidungsgrundlage für deren zukünftige Anwendung und Einsatz zu erhalten.“

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