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Gründergeist-Interview mit Lanxess „Wir müssen als Großunternehmen schneller entscheiden“

Quelle: Handelsblatt Research Institute

Die Vision von Jörg Hellwig für den Chemiekonzern Lanxess: Eine Organisation, die auf Daten basierend bessere und schnellere Geschäftsentscheidungen trifft. Jeder Mitarbeitende soll die für ihn relevanten Daten bekommen.

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Wieviel Gründergeist braucht man, um ein Startup in einem Großkonzern zu gründen?

Mut ist wichtig und die Bereitschaft, neue Wege zu gehen. Wir wollen eine Lücke füllen, die wir erkannt haben. Der Chemieindustrie fehlt eine übergreifende Handelsplattform, die das heutige Arbeiten mit Faxgeräten, Email und Telefon optimiert. Das war der Auslöser, CheMondis zu gründen.

Was zeichnet dieses Startup aus?

Wir haben CheMondis gegründet, mit chemischem Wissen ausgestattet, investieren in die Plattform, halten sie aber organisatorisch vom Konzern getrennt, auch weil es eine Softwarefirma ist. Wir wollten keinen verlängerten Webshop, sondern etwas Eigenständiges für die Industrie. Das war mutig und erforderte Weitblick, und es war neu für Lanxess, in fundamental neuen Geschäftsmodellen zu denken.

Gründergeist-Report: Fakten über Startups

Unsere Frage lautete: Was braucht der Markt? Wir haben somit sehr viel Gründergeist aus der Flasche geholt und schnell Erfolg gehabt: Die Ausgründung haben wir Mitte 2018 vollzogen – mit mir als Geschäftsführer. Es folgten die ersten Programmierungen, noch als Auftragsarbeit. Dann die ersten Einstellungen, der MVP ging raus Ende des Jahres. Richtig live gegangen ist CheMondis dann im ersten Quartal 2019.

Nach nur zwei Jahren ist es heute der wichtigste Marktplatz in der chemischen Industrie der westlichen Welt – mit mehr als 50 Mitarbeitenden. Den Erfolg verdanken wir dabei dem Team bei CheMondis und insbesondere meinem Nachfolger als Managing Director, Sebastian Brenner.

Was hat CheMondis innerhalb von Lanxess bewirkt?

Die Verantwortlichen bei Lanxess verstehen jetzt besser, dass wir uns ändern müssen, weil der Markt sich verändert. Im Konzern müssen wir agiler arbeiten und ständig „online“ und mit dem Ohr bei den Kunden sein. Wenn wir als Konzern einen globalen sich verändernden Markt bedienen wollen, müssen wir unsere Prozesse an die Kunden anpassen. Wir müssen flexibel sein. Und darin steckt auch eine große Portion Gründergeist.

Wie haben Sie bei Lanxess Gründergeist entfacht?

Wir haben intern das Tempo der Veränderungen beschleunigt. Es werden Entscheidungen schneller getroffen und Unternehmergeist wird gefördert. Daten werden demokratisiert, so dass Geschäftsentscheidungen schneller und besser auf Basis von Daten getroffen werden können.

Viele denken nun noch serviceorientierter, also über das reine Kerngeschäft der Produktion und des Verkaufs hinaus. Wir erkennen, dass wir skalierbare Dienstleistungen anbieten können, die über das reine Produkt hinausgehen. Und wir gehen mit anderen Fragen an die Kunden heran: Was brauchen sie noch? Wie können wir helfen?

Technologie wird nun mit mehr Offenheit eingesetzt. In der Produktentwicklung nutzen wir heute auf Algorithmen basierte Systeme, die uns viel effektiver auf Kundenwünsche reagieren lassen – und uns erlauben, schneller Produkte in den Markt zu bringen. Dies erhöht wiederum die Akzeptanz neuer Technologien und beflügelt den Gründergeist bei den Anwendern.

Sie haben inzwischen ein Team von Datenspezialisten, die fast alle erst in den letzten zwei Jahren eingestellt wurden. Welchen Gründergeist löst diese Truppe aus?

Wir bringen diese Mitarbeitenden sehr schnell in die operativen Bereiche. Digitalisierung funktioniert doch immer so: Problem erkennen, Hypothese aufstellen, Datensammlung, Analyse. Überall da, wo wir reingehen, haben wir auch Erfolg, weil wir Innovation mit Erfahrung kombinieren.

Data Scientists treffen auf Chemiker und Ingenieure, die seit vielen Jahren eine Anlage betreiben und den Wert der Digitalisierung für sich schnell erkennen können. Je stärker wir dieses Prinzip in der Firma implementieren, desto mehr Gründergeist entwickelt sich dadurch.

Wie haben Sie diesen Veränderungsprozess gesteuert?

Damit es funktioniert, ist viel Kommunikation, Aktivierung und Befähigung nötig. Erfolgreiche Betriebsleiter, Chemiker oder Ingenieure dürfen nicht den Eindruck bekommen, dass die Neulinge sie verdrängen wollen oder können. Sie sollen in der Digitalisierung ihre Chance erkennen: Datentechnologie kann ihre Anlage besser machen, die Maschinen übernehmen die langweiligen Aufgaben, und sie haben mehr Zeit, ihr Wissen und ihre Kreativität einzusetzen.

Was haben Sie gelernt für den Konzern?

Es gibt keine Software zu kaufen, die uns dann die fertige Lösung auf den Drucker legt. Wir brauchen immer die Kombination aus Domain-Wissen, also Chemiker, Ingenieure, Geschäftsverantwortliche – und dem Know-how von Daten- und Technologie-Spezialisten. Wenn alle zusammenarbeiten, dann werden aus 1 und 1 nicht nur zwei, sondern fünf oder zehn, vielleicht auch mal hundert.

Wie arbeitet Lanxess mit anderen Unternehmen zusammen, um Gründergeist zu entwickeln?

Wir brauchen Impulse von draußen. Dafür müssen wir aber eine neue Atmosphäre schaffen, weil eine große Firma und eine kleine Startup-Company oftmals nicht so richtig kompatibel sind. Beide Seiten müssen aufeinander zugehen. Als Firma müssen wir offener sein. Und einer Startup-Company müssen wir helfen, indem wir sie auf Unternehmensregeln einstimmen.

Wenn wir etwa ein Startup im Produktionsbereich einsetzen, dann muss das Thema Arbeitssicherheit im Fokus sein. Schließlich können sie nicht einfach unsere Reaktoren irgendwo anbohren, um da Sensoren zu befestigen.

In der Chemie müssen wir 100 Prozent sicher arbeiten, da können wir nicht mal eben auf 95 Prozent gehen, um eine „coole“ Technologie einzusetzen. Wenn diese Hausaufgaben gemacht sind, hat man ein Eintrittstor für beide Seiten.

Was hat Lanxess von digitalen Startups gelernt?

Geschwindigkeit ist wichtig. Wir müssen als Großunternehmen schneller entscheiden. Die Kompetenzen sind auf allen Ebenen vorhanden. Gründergeist kann sich entfalten, wenn das Topmanagement gewisse Entscheidungskompetenzen delegiert und Entscheidungen auch sofort auf der Arbeitsebene getroffen werden dürfen.

Wie arbeitet Lanxess mit Universitäten zusammen?

Wir suchen gezielt Datenspezialisten und nutzen dafür auch die Netzwerke von Universitäten. Wenn es einem Datenspezialisten bei uns gefällt, verbreitet sich das ganz schnell in diesem Personenkreis – und es kommen weitere, fast wie von selbst. Das zweite ist: Wir arbeiten mit Universitäten gezielt zusammen, um neue Kompetenzen zu fördern.

Wir brauchen heute Chemiker, die sich mit Digitalisierung auskennen. Deshalb haben wir solche Lerneinheiten an der TU Berlin in das Curriculum von Chemie-Studenten gebracht – einzigartig in Deutschland.

Unsere Datenspezialisten dozieren dort, was für beide Seiten Mehrwert und Spaß bringt. Hier liegt auch eine Verantwortung der Industrie, selbst aktiv näher an die Universitäten ran zu gehen.

Was ist die Vision?

Wir wollen eine Organisation werden, die auf Daten basierend bessere und schnellere Geschäftsentscheidungen trifft. Jeder Mitarbeitende bei Lanxess soll die für ihn relevanten Daten zur Verfügung gestellt bekommen.

Wir wollen effizienter und kreativer zusammenarbeiten, indem wir Datenpunkte besser miteinander verbinden. Darüber hinaus eröffnet das Möglichkeiten, erweiterte Geschäftsmodelle, vielleicht ganz neue Geschäftskonzepte zu entwickeln, um zukünftige Bedürfnisse von Märkten und Kunden bedienen zu können.

Zur Person und zum Unternehmen

Jörg Hellwig ist Chief Digital Officer von Lanxess. Er leitet die digitale Transformation des Unternehmens. Vor allem kümmert er sich um die Digitalisierung der Produktion, die Einführung neuer Tools und Systeme entlang der gesamten Supply Chain sowie die Förderung von Daten als wertstiftendes Asset.

Das Spezialchemie-Unternehmen Lanxess ging im Jahr 2005 an die Börse, nachdem es im Jahr zuvor von der Bayer AG im Zuge einer Konzernrestrukturierung und Bündelung der Chemieaktivitäten ausgegründet worden war.

Mit 14.200 Mitarbeiter:innen in 33 Ländern erwirtschaftete Lanxess 2020 einen Jahresumsatz von 6,1 Milliarden Euro.

Ein Unternehmen, das ohne externe Unterstützung an den Start gegangen ist, ist die Ausgründung CheMondis der Kölner Lanxess AG. Das 2018 ausgegründete Startup ist eine offene, hersteller- und händlerübergreifende B2B-Handelsplattform für Chemikalien.

CheMondis ist zwar eine 100-prozentige Lanxess-Tochter, operativ jedoch unabhängig: mit eigenen Mitarbeitern, eigenen IT-Systemen, einem eigenen Markenauftritt und einem linksrheinischen Firmensitz in der Kölner Innenstadt – das Lanxess Headquarters ist auf der rechten Rheinseite angesiedelt.


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