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Gründerplattform-Chef „Geldgeil und angestaubt“

Dr. Jan Evers: „Die Erfolgschancen für eine Gründung waren nie besser.“ Quelle: PR

Das Unternehmertum hat ein Imageproblem, sagt der Geschäftsführer der Gründerplattform, Jan Evers. Im Interview verrät er, wie es sich verbessern lässt und warum die Pandemie der beste Zeitpunkt zum Gründen ist.

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Mit der Zusammenarbeit von Gründerzeit und Gründerplattform bündeln beide Initiativen ihre Kräfte zur Stärkung des Start-up-Standorts Deutschland. Gründerplattform ist eine Initiative des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie und der KfW-Bankgengruppe.

Herr Evers, welche drei Dinge treiben Gründer am meisten an?
Fachlichkeit, Unabhängigkeit, Purpose.

Das genügt?
Ich würde sagen, ja. Das sind alles starke Beweggründe, egal ob einzeln oder in Kombination. Die meisten Gründer gründen, weil sie etwas besonders gut kennen und können. Ich schätze, das ist in Deutschland bei acht von zehn Gründungen so. Dann gibt es noch die, die gründen, weil sie sich selbst die Strukturen schaffen wollen, die zu ihrem Leben passen. Und zum Schluss die, die mit ihrem Handeln einen anderen Zweck verfolgen als allein den, Geld zu verdienen.

Dabei ist Geld zu verdienen für ein Unternehmen keine schlechte Sache.
Das nicht, aber der Unternehmerbegriff ist für viele Menschen negativ besetzt: Unternehmer sind in ihren Augen angestaubt, geldgeil, auf sich bedacht. Das Fernsehen bedient dieses Bild sogar: In der Tatort-Reihe waren in den vergangenen 50 Jahren Unternehmer am häufigsten die Mörder, hat eine Untersuchung herausgefunden.

Und das ändert sich jetzt?
Unternehmer waren nie so eindimensional. Unternehmertum war schon immer ein Sammelbecken für Künstler, Erfinder, Querulanten, Schulabbrecher – ja und auch BWLer. Durch das Thema „Start-up“ und dem damit verbundenen coolen Image ist in den letzten Jahren auch in der Öffentlichkeit viel positives passiert. Der Purpose-Gedanke und das Thema Social Entrepreneurship bringt erneut Menschen mit einem anderen Hintergrund mit dem Unternehmertum in Verbindung. Es geht dabei um einen unternehmerischen Beitrag zugunsten der Allgemeinheit oder Umwelt. Unsere Wirtschaftswelt wird dadurch breiter aufgestellt und aus meiner Sicht auch besser. Das freut mich. Ich selbst wollte auch nie Unternehmer werden weil das konservativ und angepasst klang. Es ist aber das Gegenteil: frei und unabhängig.

Lässt sich diese Entwicklung beschleunigen?
Das Unternehmerdasein cool zu machen, lässt sich nicht anordnen. Das ist ein Prozess. Mit gruenderplattform.de, und auch in meinem Podcast Ideencouch, wollen wir deshalb ein möglichst buntes Bild vom Unternehmertum zeichnen: Wir sprechen mit und über weibliche und männliche Gründer, Social Entrepreneurship und krasse Profit- und Exit-Orientierung, Lösungen für die Nische oder eine breite Zielgruppe.

Dabei ist auch die aktuelle Situation immer wieder ein Thema. Inwiefern hat die Pandemie das Gründerdasein verändert?
Die Erfolgschancen für eine Gründung waren nie besser. Wenn Sie überlegen zu gründen, dann rate ich Ihnen dazu, das jetzt zu tun.

Wie passt das zu geschlossenen Innenstädten, stotternden Logistikketten und veränderten Konsumgewohnheiten?
Corona hat viele Märkte durcheinandergewirbelt. Wer den Luxus hat, sich als Unternehmen erst jetzt zu positionieren, der hat beste Chancen, weil er ohne finanziellen oder strukturellen Ballast unterwegs ist. Viele Förderbanken denken übrigens auch so und sind gewillt, flexible Ansätze zu sehr guten Konditionen zu unterstützen.

Die Gründerplattform ist eine Initiative von Bundeswirtschaftsministerium und KfW und soll allen Interessierten fundiertes Basiswissen für die eigene Gründung vermitteln. Ihr Start-up BusinessPilot betreibt die Webseite gruenderplattform.de. Sind Förderthemen gerade stärker gefragt als sonst?
Wir sind seit gut drei Jahren online, haben monatlich mehr als 200.000 Besucher und etwa 8000 Neuregistrierungen im Monat. Die Allermeisten interessieren sich für unser Businessplan-Tool, gefolgt von unserem digitalen Geschäftsmodell-Assistenten und dem Beratungsangebot, das mittlerweile 600 Partner umfasst. Das ist alles kostenlos. Förderthemen, zum Beispiel der Fördermittelfinder, der fast alle wichtigen und gängigen öffentlichen Förderungen abdeckt, kommen erst weiter hinten in der Nutzungsstatistik, was wir ändern müssen, weil das Tool genial ist: passend zum eigenen Businessplan oder zu Statusangaben wie „Nebenberufler“ werden die passenden Förderprogramme gematcht. Das kann sonst keiner.

Wie weit kommen User mit dem bereitgestellten Wissen innerhalb ihres Gründungsprozess?
Wir wollen Gründerinnen und Gründern die Basics für einen guten und einfachen Start mitgeben. Sie sollen darüber schnell ins Doing kommen. Alles ist auf „machen“ ausgerichtet – Kopfschmerzen wegen der richtigen Rechtsform oder Bürokratiefragen schaffen wir ab. Und wenn der Schritt der Gründung geschafft ist, werden ihre Anliegen meist spezieller. Deshalb bleiben User im Schnitt zweieinhalb Monate aktiv auf der Plattform.

Wer an Start-ups denkt, dem kommen zunächst Städte wie Berlin oder Hamburg in den Sinn. Ist Ihr Beratungsangebot dort am dichtesten?
Im Gegenteil! In den ländlichen Regionen sind die öffentlichen Wirtschaftsförderer viel engagierter. Dort gibt es keine privaten Inkubatoren, Acceleratoren oder andere trendige Einrichtungen für Start-ups in rauen Mengen und unsere digitalen Tools sind hoch willkommen. Wir haben 400 kostenlose Beratungspartner auf der Plattform – die meisten nicht aus den Metropolen. Postleitzahl eingeben und kostenloses Feedback oder Beratung auf Knopfdruck bekommen – das ist unser Versprechen.

Und wenn es keine Partner in der eigenen Region gibt?
Dann springen wir als Gründerplattform direkt ein. Wir lassen niemanden im Regen stehen.

Was passen die Gründerplattform und die Initiative Gründerzeit zusammen?
Die Dichte des Expertenwissens ist bei Gründerzeit höher und breiter, als sie öffentliche Beratungen in der Regel bieten. Hier sind Spezialisten für Venture Capital oder tiefe Brancheninsides Teil der Kampagne. Hinzu kommt die wissenschaftliche Seite mit den Insights über das Handelsblatt Research Institute. Das Zusammenbringen dieser Welten zu einem frischen, kampagnenfähigen Denken ist für mich der Kern von Gründerzeit. Das wird gebraucht, um Gründen noch attraktiver zu machen. Mit unserer Beteiligung als Gründerplattform wollen wir erreichen, dass alle, die motiviert sind dann direkt ins Tuen kommen. Gerne neben dem Job – einfach loslegen und eine sichere Gründung vorbereiten.

Worauf würden Sie gerne nach einem Jahr Gründerzeit zurückschauen?
Das sind zwei Dinge: Erstens, dass die Vielfältigkeit des Gründerdaseins viel mehr Menschen bekannt ist als einer kleinen Expertenblase. Das ist mir sehr wichtig. Zweitens, dass jeden Monat 100.000 Menschen bei uns auf der Gründerplattform an ihrer Gründung basteln. Ich möchte, dass mehr Menschen an ihre Ideen glauben und sich zutrauen, daraus ein Unternehmen wachsen zu lassen. Das wäre eine enorme Bereicherung für uns alle.

Zur Person:
Jan Evers, Jahrgang 1968, beschäftigt sich seit fast 30 Jahren mit Gründungen und Unternehmensfinanzierungen. Der promovierte Wirtschaftswissenschaftler und geschäftsführende Gesellschafter der EVEREST GmbH in Hamburg baut digitale Plattformen, die Menschen befähigen und Wirtschafts-Know-how demokratisieren. Dabei hilft ein über Jahre gewachsenes Netzwerk zu innovationsfreudigen Möglichmachern in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft. Evers ist auch einer von drei Geschäftsführern der BusinessPilot GmbH, einem Joint Venture von EVEREST und der Berliner Softwareschmiede individee, das die Entwicklung sowie den Betrieb von gruenderplattform.de sicherstellt.

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