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Gründerzeit-Interview „Der Gründungspartner muss zugleich der größte Kritiker sein“

Die Betriebswirtin entdeckte während eines Praktikums, dass viele Konflikte und Probleme im Arbeitsalltag stigmatisiert werden. Um den Betroffenen zu helfen, entwickelte sie zusammen mit einem Kommilitonen die Web-App Evermood.

Lara von Petersdorff-Campen unterstützt Führungskräfte und MitarbeiterInnnen in psychischen Belastungssituationen sowie bei Konflikten. Per Video-Wissendatenbank erhalten Abonnenten rund um die Uhr Expertenrat.

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Düsseldorf Lara von Petersdorff-Campen hat zusammen mit ihrem Kommilitonen Marvin Homburg direkt nach ihrem Betriebswirtschaftsstudium an der Universität Münster 2019 das Start up Evermood aufgebaut, das heute acht Mitarbeiter hat. Die heute 26Jährige ist zunächst nach Bielefeld, dann nach Berlin gezogen.

Die Web-App Evermood unterstützt Führungskräfte und MitarbeiterInnnen in psychischen Belastungssituationen sowie bei Konflikten. Per Video-Wissendatenbank erhalten Abonnenten rund um die Uhr Expertenrat und hilfreiche Tools zur eigenständigen Bewältigung von herausfordernden Situationen. Zudem lassen sich externe Telefon- und Chatberatungen buchen.

Die Betriebswirtin entdeckte während eines Praktikums, dass viele Konflikte und Probleme im Arbeitsalltag stigmatisiert werden. Um den Betroffenen zu helfen, entwickelte sie zusammen mit einem Kommilitonen die Web-App Evermood. Die Coronakrise wurde zur Herausforderung.

Sie haben mit Ihrem Gründungpartner vor drei Jahren einen digitalen Assistenten gegründet, der bei Konflikten im Berufsleben hilft. Sie selbst waren damals gerade 23 Jahre alt, am Ende Ihres Studiums und kannten den Arbeitsalltag bisher kaum. Wie sind Sie darauf gekommen?
Für das Thema Gründung haben mich an meiner Uni Münster bereits sogenannte Fallstudien begeistert. Dabei mussten wir als Team innerhalb eines Tages Aufgaben und Krisen lösen. Diese Arbeit im Team, das Präsentieren, der Umgang mit Feedback – das hat mir viel Spaß gemacht. Dabei habe ich auch meinen Mitgründer Marvin Homburg kennengelernt und gesehen, wie gut unsere Zusammenarbeit funktioniert.
Während eines Praktikums in einer Unternehmensberatung habe ich dann erlebt, wie sich eine Führungskraft mir und anderen Kolleginnen gegenüber sexistisch verhalten hat. Davon habe ich Marvin erzählt und wir haben uns gefragt, warum wird das am Arbeitsplatz stigmatisiert? Warum trauen sich die Mitarbeiter nicht, das anzusprechen? Je tiefer wir in diese Frage eingestiegen sind, desto mehr haben wir erkannt, dass das bei Suchtproblemen, bei Stress und Erkrankungen genauso ist. Wir haben dann nach digitalen Hilfen gesucht, die auch junge Leute ansprechen. Wir haben zunächst einen anonymen Weg gesucht, damit Menschen ihre Probleme ansprechen können. Denn der Griff zum Hörer ist doch eine riesige Hürde in so einer Situation. So sind wir mit einem anonymen Chat an den Start gegangen, der die Betroffenen mit externen Personen vernetzt, die helfen. Inzwischen haben wir den digitalen Assistenten zu einer Wep-App weiterentwickelt, die per Videowissensdatenbank Expertenwissen und Methoden zur Konfliktbewältigung vermittelt. Der Hilfesuchende soll sofort das richtige Wissen an die Hand bekommen, sowohl digital als auch persönlich.

In Umfragen und Gesprächen zeigt sich immer wieder, dass gerade junge Gründerinnen sich oft einen männlichen Partner dazu suchen. Meinen Sie, das liegt vielleicht daran, dass Frauen nicht ausreichend viel Mut zur Gründung haben?
Ich bin mir sicher, dass auch Frauen mutig genug sind, zu gründen. Das wichtigste ist, dass man jemanden findet, der komplementäre Kompetenzen einbringt, egal ob Frau oder Mann. Dass ich diesen Weg gemeinsam mit Marvin gegangen bin, liegt daran, dass wir uns bereits im Studium in unseren Stärken sehr gut ergänzt haben - und das spiegelt sich auch heute so wieder.

Wie hat sich in Ihrem Gründerteam die Arbeitsteilung entwickelt: Sind Sie der kreative Kopf, er der Analytiker und Entwickler?
Mein Herzensthema ist die inhaltliche Gestaltung und die Suche und Präsentation unserer externen Experten und Krisenberater. Mittlerweile verantworte ich bei uns den Vertrieb und die Kundenbetreuung, genau wie Personal- und Kulturthemen. Ich mag es, im nahen Kontakt zu den Kunden stehen. Es geht um sensible Themen. Das Feedback der Kunden trage ich dann ins Team, begeistere mich dafür. Die Themen Produktentwicklung, rechtliche Fragen und Marketing liegen bei Marvin. Auch für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist es wichtig, dass unsere Aufgabenteilung transparent ist.

Das klingt nach traditioneller Rollenverteilung: Die Frau ist empathisch, erspürt, was der Markt will. Und der Mann entwickelt die Technik….
Ich würde sagen: Wir nutzen unsere natürlichen Stärken. Dadurch sind ja auch diverse Teams erfolgreicher. Das heißt aber nicht, dass ich nicht analytisch und strukturiert bin, selbst wenn wir in klassischen Rollen arbeiten.

Und wieweit lassen Sie es zu, dass sich in Ihrer Arbeit Privates und Berufliches vermischt?
Wir waren und sind sehr gute Freunde und unternehmen auch privat Einiges. Das Wichtigste für mich ist, dass wir beide auch in der Krise, wie jetzt in der Coronazeit und bei Existenzängsten die gleichen Werte teilen und damit am gleichen Strang ziehen.

Können Sie diese Werte näher beschreiben?
Zunächst einmal herrscht zwischen uns das tiefe Vertrauen, dass der Partner im gemeinsamen Sinne handelt und den anderen nicht fallen lässt. Zudem sind wir radikal ehrlich. Und wir wollen die Toleranz haben, den anderen auch seine Entscheidungen treffen zu lassen.

Welchen Wert finden Sie am wichtigsten und würden ihn auch anderen Gründerteams empfehlen?
Für uns ist am wichtigsten die Ehrlichkeit, auch wenn einmal etwas nicht gut läuft. Wir gehen immer wieder in Retrospektiven, beleuchten dabei Gutes aber auch Schlechtes. Das hat uns in schwierigen Phasen geholfen, denn wir haben uns nichts vorgemacht. Der Gründungspartner muss der größte Kritiker sein und wir müssen diese Kritik auch aufnehmen, denn sie ist ja gut gemeint.

Wie ist Ihr Start-up gewachsen? Wann haben Sie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eingestellt?
Immer wenn wir in einem Bereich zu viel zu tun hatten, haben wir jemanden gesucht, der uns das abnimmt. Zunächst haben wir jemanden gesucht, der uns in Personal- und Buchhaltungsfragen unterstützt. Als ich den Vertrieb nicht mehr allein geschafft habe, habe ich zwei Leute im Vertrieb eingestellt. Marvin, der zu Beginn alles selbst entwickelt hat, sah dann, dass er da nicht mehr hinterherkommt und hat zwei Entwicklerinnen und Entwickler gesucht. Zurückblickend muss ich sagen, dass wir sehr organisch gewachsen sind.

Viele Gründerinnen haben Probleme, die passende Finanzierung für ihre Wachstum zu bekommen, gerade in Coronazeiten….
Da hatten wir Glück. Wir sind aus der Uni heraus mit einem nicht rückzahlbaren Gründerstipendium gestartet, mit dem wir sechs Monate lang überleben und unsere App frei entwickeln konnten. Danach haben wir eine Investitionsrunde aufgenommen, mit Mentoren und Business Angels und sind dann durch die Coronakrise gekommen. Jetzt sind wir auf dem Weg, profitabel zu werden. Allerdings mussten wir 2020 unser Team halbieren, sind in Kurzarbeit gegangen. Bei vielen Unternehmen, die unsere Software kaufen, gab es einen Budget-Stopp. Das brach genau dann über uns, als wir in die Wachstumsphase starteten, wir bewegten uns plötzlich wie auf Glatteis. Glücklicherweise haben wir in dieser Phase keinen Kunden verloren. Das Jahr 2021 ist sehr viel besser gestartet, im ersten Quartal haben wir unseren Umsatz verdoppelt. Jetzt sind wir wieder zehn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und nur noch teilweise in Kurzarbeit. Und ich bin froh, dass wir im vergangenen Sommer nicht aufgegeben haben. Denn es war unklar, wo uns die Krise hinführt.

Ihr Konzept müsste doch eigentlich vom Trend zur Digitalisierung profitieren. Zudem haben die Arbeit im Home Office und die Ängste in der Pandemie doch eigentlich gezeigt, wie wichtig der achtsame Umgang der Kollegen miteinander ist. Dürfte Ihr Thema durch Corona nicht noch mehr Aufmerksamkeit erreichen?
Das haben wir eigentlich von Anfang an in der Coronakrise erwartet. Aber zunächst herrschten sehr viele Ängste, waren Budgets blockiert. Erst allmählich werden Geschäftsführerinnen und Geschäftsführer sensibler dafür, dass sie ihre Beschäftigten bei psychischen Problemen unterstützen müssen. Auch Suchtproblematiken sind durch Corona präsenter geworden. Der Wunsch wächst jetzt, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Home Office mit externen Tools zu unterstützen. Das spielt uns in die Karten.

Sie haben durch Auslandsstudien in Südkorea und Kopenhagen andere Gründerstandorte kennengelernt, wie schätzen Sie Deutschland als Standort ein?
In den vergangenen zehn Jahren ist hier viel entstanden. Wir sind sehr dankbar für Stipendien, die Gründerinnen und Gründern helfen, sich selbst zu finanzieren, damit sie etwas entwickeln und testen können. Zudem sind einige Accelerator-Programme für Gründerinnen und Gründer und auch speziell für Frauen aufgelegt worden. Wir sind für solch ein Programm extra nach Bielefeld gezogen. Und wir haben dabei von dem Expertennetzwerk profitiert, viel Rat etwa bei Pitches bekommen, dadurch auch die Investitionsrunde geschafft. Besonders der emotionale Austausch mit anderen Gründern, gerade auch mit Gründerinnen, gibt mir ein gewisses Rückgrat.

Entsprechen die vielen Programme für Gründerinnen und Gründer auch den Bedürfnissen?
Vor allem das Netzwerken der Gründerinnen und Gründer untereinander sollte noch stärker gefördert werden. Denn eigentlich sind alle Gründerinnen und Gründer bereit, mit ihrem Wissen und ihren Erfahrungen auch anderen zu helfen. Und die Gründerprogramme, von denen ich profitiere, reichen leider noch lange nicht für alle Gründerinnen und Gründer aus.

Sie sind im Sommer 2019 nach Berlin, dem größten deutschen Standort für Start-ups in Deutschland gezogen. Hat Sie diese Umgebung gelockt?
Für uns ist und war Berlin eine lebenswerte und internationale Stadt, auch für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Zudem war für uns die gute Erreichbarkeit mit dem ICE wichtig und wir profitieren natürlich von den zahlreichen anderen Berliner Start-ups und Netzwerken, mit denen wir im engen Austausch sind.

Viele Gründerinnen und Gründer ziehen ihr erstes Start-up solange hoch, bis sie es gut verkaufen können und gründen dann das nächst Start-up. Haben Sie für Evermood schon genaue Pläne?
Erst einmal wollen wir Evermood und unser Thema groß herausbringen und als Team weiterwachsen und das Problem noch besser verstehen und lösen. Natürlich haben wir große Ambitionen. An Verkaufen denken wir momentan noch nicht.

Was würden Sie bei einem Neustart heute etwas anders machen?
Wir haben uns am Anfang zu stark auf den anonymen Chat als einzige Lösung für stigmatisierte Themen konzentriert. Durch unsere rosarote Brille haben wir nicht erkannt, dass wir damit anfangs noch nicht die perfekte Lösung für unser Problem gefunden hatten. Es ist wichtig, sich immer wieder auf das ursprüngliche Problem zu fokussieren. Erst durch die Ergänzung durch unsere Video-Wissensbank haben wir dann ein besseres Produkt geschaffen, das Belastungen und Konflikte präventiver und ganzheitlicher löst und beim Kunden auch besser ankommt.

Können Sie anderen Gründerinnen einen Rat mitgeben?
Unser Rat: Seht Eure Lösungsvorschläge nur als eine Hypothese an, die ihr immer wieder kritisch betrachten müsst. Aber zieht auch nicht den Stecker, wenn Ihr mal die Richtung ändern müsst!

Dieses Interview ist Teil der Reports „Gründerinnen-Nation Deutschland?“, den das Handelsblatt Research Institute in Kooperation mit Google for Startups erstellt hat.

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