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Gründerzeit-Interview „Viele Wege führen nach Rom - das gilt auch für Gründerinnen und Gründer“

Das Start Startup Localyze von Hanna Asmussen möchte die Internationalisierung von Arbeitsmärkten vorantreiben Quelle: Handelsblatt Research Institute

Die Wirtschaftsingenieurin Hanna Asmussen weiß genau, wie komplex und bürokratisch ein Jobwechsel oder ein Umzug in ein anderes Land sein kann. Daher gründete sie 2018 mit Lisa Dahlke und Franziska Löw die App Localyze.

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Gründerin Hanna Asmussen (Mitte) weiß aus eigener Erfahrung, wie es sich anfühlt, sich in einem fremden Land einzuleben. Quelle: Handelsblatt Research Institute

Düsseldorf Die Wirtschaftsingenieurin Hanna Asmussen hat bei ihren vielzähligen Auslandsaufenthalten selbst erfahren, wie komplex und bürokratisch ein Jobwechsel oder ein Umzug in ein anderes Land sein kann. Nach ihrem Master nahm sie 2016 zunächst einen Job bei der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) an. 2018 gründete sie mit ihren langjährigen Freundinnen Lisa Dahlke und Franziska Löw die App Localyze. Das Unternehmen hat neben den drei Gründerinnen 22 MitarbeiterInnen.

Diese hat eine Global-Mobility-Software für Unternehmen und ihre internationalen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entwickelt und ermöglicht dadurch eine Arbeitswelt über internationale Grenzen hinweg. Die Unternehmen werden von Localyze unter anderem bei der Beantragung von Arbeitsgenehmigungen, Aufenthaltstiteln und von Visa unterstützt.

Außerdem übernimmt Localyze die Kommunikation mit den neuen internationalen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, sorgt für deren Relocation nach Deutschland und bietet Unterstützung bei internationalen Geschäftsreisen und "Remote Work" auf internationaler Ebene.

Ihr Startup Localyze möchte die Internationalisierung von Arbeitsmärkten vorantreiben und Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern den Start in einem neuen Land erleichtern. Wie hat sich das von der Idee zur Umsetzung entwickelt?
Das war ein weiter Weg. Die ursprüngliche Idee entstand bereits während des Studiums. Wir waren alle drei viel im Ausland unterwegs und dachten uns, es muss einfacher sein, im Ausland zu leben und zu arbeiten. Wir müssen Chancen zugänglicher machen, über Grenzen hinweg.
Die Idee war ursprünglich auf den B2C-Bereich ausgerichtet. Meine Mitgründerin Lisa hat für eine große Gaming-Firma gearbeitet und erkannt, wie viele Talente – vor allem im Tech-Bereich – in Deutschland fehlen. Es gibt in Deutschland und auch in vielen anderen Ländern einen großen Bedarf an Fachkräften. Und so haben wir beide Seiten zusammengebracht. Unser Service richtet sich an Unternehmen und deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, somit bieten wir schlussendlich eine Lösung für beide Seiten.

Sie haben selbst viel Erfahrung im Ausland gesammelt und dort gelebt. Sie wissen aus eigener Erfahrung, wie es sich anfühlt, sich in einem fremden Land einzuleben. Ist eigene Erfahrung mit dem Problemfeld für eine Gründung notwendig?
Ja und nein - Ich glaube, Erfahrung benötigt es nicht unbedingt, aber man muss das Problem, was man lösen will, gut kennen und eine wirkliche Passion für das Thema zu haben. Wenn man erfolgreich gründen möchte, muss man sehr schnell sehr tief in das Thema eintauchen, man muss es verstehen, sich mit den Leuten auseinandersetzen. Da ist es wesentlich einfacher, wenn man Lust und Leidenschaft für dieses Thema besitzt.

Sie waren zuvor bei Boston Consulting Group fest angestellt und haben während ihrer Zeit dort angefangen, an der Idee zu arbeiten. Ging es Ihnen um die Sicherheit des Jobs?
Bei mir war es nicht primär die Sicherheit des Jobs, es war viel mehr eine Sache des Timings und des Teams. Von dem Moment, an dem man anfängt, sich mit einer Idee auseinanderzusetzen bis zu dem Zeitpunkt, an dem dann drei Menschen so weit überzeugt sind, dass sie gemeinsam den Sprung wagen, dauert es manchmal ein wenig. Besonders wenn man keine persönlichen Connections im Startup-Bereich hat, ist es schwer vorstellbar, worauf man sich einlässt.
Ich kenne meine zwei Mitgründerinnen sehr, sehr lange, aber es war nicht so, dass wir uns zusammengesetzt haben mit der Motivation “Wir verbringen so gerne Zeit zusammen, dass wir jetzt etwas gemeinsam gründen, um noch mehr Zeit zusammen zu verbringen”. Wir kamen durch die geteilte Leidenschaft für ein Problem zusammen, haben uns überlegt was es für Lösungswege gibt, und uns eigentlich erst dann überlegt, was es bedeutet so ein Startup zu gründen. Wir haben uns während meiner Zeit bei BCG dann um das EXIST-Stipendium beworben, was eine Herausforderung war und viele Wochenenden gekostet hat. Aber als die Zusage kam, war das der finale Anstoß, um zu springen und zu sagen: Das machen wir jetzt.


War diese Zweigleisigkeit ein Vorteil oder eher hinderlich?
Aus dem Job heraus zu gründen ist eine gute Möglichkeit, um ein gewisses Maß an Sicherheit zu Beginn einer Gründung zu behalten. Dieses Sicherheitsbedürfnis ist meiner Meinung nach auch ein deutsches Phänomen. In den USA bekommen Startups weniger staatliche Förderung. Sie gehen schnell aus dem Job raus und haben anschließend wenige Monate Zeit, um eine Finanzierung zu erhalten. Dadurch hat man natürlich mehr Druck. Durch das Stipendium hatten wir ein Jahr Zeit, um Anschlussfinanzierung zu finden. Das war deutlich mehr Komfort, und vielleicht ist mehr Druck manchmal nicht das schlechteste. Es kommt aber auch auf die individuelle Situation an. Man muss immer die richtige Balance finden. Und das ist teilweise mit der deutschen Mentalität nicht ganz einfach. Aber wenn man es wirklich will und es vom Timing her passt, dann findet man auch einen Weg.

Sie sind ein rein weibliches Gründerinnen-Team. In Deutschland gründen im Tech-Bereich nur 4 Prozent mit einem rein weiblichen Team. Hatten Sie es leichter oder schwerer als ein gemischtes oder ein rein männliches Gründer-Team?
Das ist schwer zu beurteilen, da ich noch nie anders gegründet habe. Wir bekommen viel PR, da wir in unserem Bereich – im B2B-Bereich in der Tech-Branche – außergewöhnlicher sind. Ich habe es nie offen als negativ empfunden. Es gab aber natürlich Situationen, in denen wir z.B. gefragt wurden „Interessant, aber wer coded denn bei euch?”. Das waren allerdings Einzelfälle.

Wie stellen Sie sicher, dass Sie auch als rein weibliches Team vielfältig aufgestellt seid?
Wir sind bei uns sehr divers aufgestellt. Franzi kommt aus dem akademischen Bereich und hat in Data Science promoviert. Lisa kommt aus dem HR-Bereich und hat bereits im B2B-Bereich gearbeitet. Ich komme aus der Beratung. Wir bringen alle viele verschiedene Einflussfaktoren und Erfahrungen mit. Das hilft uns, Probleme gemeinsam und mit unterschiedlichen Perspektiven zu lösen.
Auch beim Aufbau unseres Teams achten wir auf Diversität und Komplementarität - wir versuchen Diversität in allen Bereichen zu fördern, sei es beispielsweise Geschlecht, Herkunft oder Alter. Und wir versuchen, Menschen einzustellen, die uns ergänzen. Natürlich bekommen wir als weibliches Gründerteam proportional gesehen mehr weibliche Bewerbungen. Dass wir dadurch auch immer noch mehr Frauen als Männer im Team haben, finde ich aber unkritisch. Es gibt ja auch genügend Beispiele mit dem umgekehrten Bild.


Sie sind Wirtschaftsingenieurin. Würden Sie sagen, Frauen haben es auch deshalb schwerer, weil sie häufig keinen technischen Hintergrund haben?
Ein technischer Hintergrund hilft auf alle Fälle, vor allem, wenn man etwas im Software-Bereich machen möchte. Man hat dann ein Verständnis dafür: Wie kann ich Probleme technisch lösen, wie kann ich da rangehen, wie funktioniert die grundsätzliche Softwarearchitektur? Auch wenn ich selbst nicht coden kann, verstehe ich, wie die Logik dahinter funktioniert. So habe ich die ersten zwei Jahre auch das Produktmanagement übernommen. Die Kombination zwischen Gründung und Tech-Bereich ist in Deutschland noch einmal schlechter besetzt als andere Gründungen. Darum finde ich es besonders spannend, mehr Frauen mit MINT-Hintergrund für das Thema zu begeistern.

Und haben Sie auch Investorinnen für die Ideen gewinnen können?

 Ja, wir haben beispielsweise Auxxo, einen rein weiblichen Investorinnenfond, für uns gewinnen können. Wir haben auch zwei Advisorinnen gefunden, die uns extrem weitergeholfen haben auf unserem Weg bisher. Aber generell ist das Investorinnen- Feld noch dünn besetzt, daher hat man dort nicht viel Auswahl. In weiteren Finanzierungsrunden werden wir uns jedoch um weibliche Investorinnen bemühen. Wir sind der Meinung, dass es einen Unterschied macht. Er ist schwer greifbar, aber Frauen bringen oft noch eine andere Perspektive mit und genau dieser Mix macht es am Ende aus.

Was waren neben den finanziellen Problemen die größten Herausforderungen bei der Gründung?
Es war der Zugang zu Wissen und zu Netzwerken. Wenn ich mir im Nachhinein die ersten zwei Jahre anschaue, dann hätten wir sehr viel Zeit sparen können, wenn wir jemanden an unserer Seite gehabt hätten, der Erfahrung in dem Bereich hat und schon einmal gegründet hat. Da geht es manchmal auch um Kleinigkeiten wie Vertragsvorlagen, Best Practices von Salesprozessen etc. Ohne diesen Zugang muss man sich jeden einzelnen Schritt hart erkämpfen. Wir haben am Anfang viel selbst ausprobiert und das hat uns Zeit gekostet.
Die Herausforderungen sind auch: Wie kommt man in das Netzwerk rein, wie kann man sich den Zugang aufbauen? Inzwischen haben wir sehr gute Beziehungen zu Startups von der Kundenseite, haben uns ein Netzwerk aufgebaut und sind in dem Bereich angekommen, aber das hat schon ein bis zwei Jahre gedauert.


Ihr Startup ist sehr international ausgerichtet. Wie sehr trifft Sie die Corona-Krise?
Das letzte Jahr war nicht einfach. Die Umsätze sind im ersten Halbjahr runtergegangen. Mittlerweile merken wir, dass wir langfristig davon profitieren werden. Vor der Corona-Krise haben Unternehmen primär ausländische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in die EU geholt. Mittlerweile diversifiziert sich die Art der internationalen Mitarbeitermobilität stark. Da Unternehmen nun viel häufiger dezentral und remote arbeiten, bauen Unternehmen schneller internationale Standorte auf und bieten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die Chance dort zu arbeiten, nicht nur langfristig sondern auch temporär. Dadurch arbeiten nicht nur die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die man aus dem Ausland nach Deutschland relocated hat, außerhalb ihres Heimatlandes. Langfristig wird ein Großteil der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer einen Teil der Arbeitszeit im Ausland verbringen, zumindest im Tech-Bereich. Das wird eine interessante Entwicklung für uns und wir bekommen aktuell die ersten Auswirkungen davon zu spüren - trotz geschlossener Grenzen.

Was ist für den Erfolg beim Gründen Ihrer Erfahrung nach am wichtigsten?
Mein wichtigster Rat ist: einfach machen und ausprobieren! Frauen neigen manchmal dazu, sich zu sehr zu hinterfragen. Wir hatten am Anfang praktisch keine Erfahrung in der Softwareentwicklung. Meine Mitgründerin hat sich um die statistische Programmierung gekümmert und am Anfang eine Sprache genutzt, die vermutlich niemand für Softwareentwicklung nutzen würde. Wir haben am Anfang auch noch einige Sachen gemacht, über die ich heute den Kopf schütteln würde. Aber am Ende funktioniert alles. Man darf einfach keine Angst davor haben.
Und ebenfalls wichtig ist, sich möglichst schnell ein Netzwerk aufzubauen, einen Fuß in die Tür zu bekommen und nicht zu scheu zu sein. Die meisten Menschen – auch Advisor oder bereits erfolgreiche Gründerinnen und Gründer – sind viel offener, als man denkt und sehr bereit, zu helfen. Man muss sich nur trauen, zu fragen.



Dieses Interview ist Teil der Reports „Gründerinnen-Nation Deutschland?“, den das Handelsblatt Research Institute in Kooperation mit Google for Startups erstellt hat.

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