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Personalmangel Knappes Angebot

Für die Fertigung von Wanderschuhen qualifiziertes Personal zu bekommen und zu halten, wird in Deutschlands östlichen Nachbarländern immer schwieriger. Quelle: IMAGO

Für mittelständische Sportfirmen wird es immer schwieriger, in Osteuropa zu produzieren. Die Autoindustrie macht ihnen auf dem Jobmarkt Konkurrenz.

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Dieser Text ist zuerst im Handelsblatt erschienen.

Was Adolf und Rudolf Dassler in Herzogenaurach, das waren Hans und Lorenz Wagner in Jetzendorf. Die einen gründeten einst im Fränkischen die Turnschuh-Firmen Adidas und Puma, die anderen nördlich von München die Wanderschuh-Fabriken Hanwag und Lowa.

Adidas und Puma kämpfen bis heute erbittert um die Konsumenten, Hanwag und Lowa auch. Inzwischen sieht sich Hanwag-Chef Thomas Gröger aber noch mit ganz anderen und völlig unerwarteten Konkurrenten konfrontiert: „Unsere Mitbewerber sind Industriekonzerne wie BMW“, ärgert sich der Manager.

BMW verkauft natürlich keine Bergstiefel. Aber der Münchner Autokonzern baut ein neues Werk in Debrecen, jener ungarischen Metropole, in der Hanwag mit 150 Beschäftigten seit Jahren einen bedeutenden Teil seiner Schuhe fertigt. 1000 neue Jobs will der Autokonzern selbst schaffen, viele andere werden um die Fabrik herum entstehen.

Gröger fürchtet, dass es damit künftig noch schwieriger wird, Mitarbeiter zu finden. „Wir bekommen schon heute kaum noch Leute, die bereit sind, an der Nähmaschine zu arbeiten“, klagt Gröger.

So wie Hanwag fehlen vielen mittelständischen Sportfirmen zunehmend die Arbeitskräfte. Im Gegensatz zu Konzernen wie Adidas und Puma haben sie die Produktion in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts nicht nach Asien verlegt, sondern sind in Deutschland geblieben. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs bauten die Firmen dann zusätzlich Werke in Osteuropa auf, nach dem Ende des Balkankriegs auch in den Staaten des ehemaligen Jugoslawien.

Eine Strategie, die lange hervorragend funktioniert hat. Die Mittelständler profitierten von niedrigen Löhnen in Ländern wie Ungarn, Tschechien oder Kroatien und den gegenüber Fernost kurzen Lieferzeiten. Zudem behielten sie die Kontrolle über ihre Produktion und mussten sich nicht auf weit entfernte Partner verlassen.

Das Modell ist jetzt aber in Gefahr. Denn es investiert ja nicht nur BMW in Ungarn. Im vergangenen Sommer hat Daimler entschieden, in dem Land ein zweites Werk zu errichten. Im Gefolge expandieren Zulieferer wie Bosch.

Viele Aufträge, wenig Personal

Daher werde es in dem für die Branche so wichtigen Land immer schwieriger, das nötige Personal zu bekommen, ärgert sich auch Lukas Meindl. Dabei würde der Chef und Eigentümer der traditionsreichen Wanderschuh-Marke Meindl liebend gerne mehr produzieren; sowohl in Ungarn, als auch am Stammsitz im bayerischen Kirchanschöring.

Die mehr als 300 Jahre alte Firma kommt schon lange nicht mehr hinterher, alle Aufträge fristgerecht abzuarbeiten. Doch an beiden Standorten gelinge es nicht, ausreichend Personal zu bekommen.

Das ist noch nicht alles. Die Autokonzerne haben zuletzt in Ungarn üppige Lohnerhöhungen zugesagt. Audi versprach nach einem Streik im Januar, 18 Prozent mehr zu zahlen. Damit setzen die Autobauer auch die mittelständischen Sportfirmen massiv unter Druck.

Denn Firmen wie Hanwag, Meindl oder Lowa sind darauf angewiesen, ihre Mitarbeiter über Jahre hinweg zu halten. Die Schuhproduktion ist komplex, es lasse sich wenig automatisieren, sagt Gröger. Und es dauere etliche Monate, die Leute anzulernen.

„Wir sind auf die Mitarbeiter angewiesen.“ Gröger reist daher alle zwei, drei Wochen nach Debrecen, um vor Ort präsent zu sein. Seinen Beschäftigten überweise er einen Essenszuschuss, zahle Urlaubs- und Weihnachtsgeld, und Hanwag-Schuhe habe auch jeder bekommen.

Nicht nur die Schuh-Produzenten stehen unter Druck. Beispiel Leki: In unmittelbarer Nachbarschaft zum Werk des schwäbischen Ski- und Wanderstockproduzenten im tschechischen Tachov haben sich inzwischen zwei deutsche Autozulieferer niedergelassen, KDK Automotive aus dem hessischen Wächtersbach und der börsennotierte bayerische Konzern Grammer.

Zwei Mal im Monat fährt Eigentümerin Waltraud Lenhart vom Stammsitz im schwäbischen Kirchheim in ihr Werk. In der tschechischen Gemeinde unweit der bayerischen Grenze produziert die Marke seit zwei Jahrzehnten. Mehr als eine Million Paar Stöcke stellen ihre Mitarbeiter jedes Jahr her, es ist das Herz von Leki und die einzige Produktionsstätte. Daher muss sich Lenhart um ihre Leute kümmern, wenn ihre Firma überleben will.

Start eines dualen Ausbildungsgangs

Im Unterschied zu Leki haben die Schuhmarken Hanwag, Lowa und Meindl ihre Produktion aufgeteilt. In Deutschland entstehen die hochwertigen Bergstiefel, zudem sind sie neben Ungarn in Kroatien oder Slowenien vertreten, auch in Bosnien, der Slowakei und Italien fertigen sie, häufig gemeinsam mit Partnern. Das macht die Mittelständler ein wenig flexibler.

Die Produktion in der Heimat auszubauen, ist hingegen keine Option, zumindest nicht kurzfristig und in größerem Stil. Mit den hohen Löhnen hat das nichts zu tun. Hierzulande findet sich kaum jemand, der in der Schuhproduktion arbeiten will.

„Vor vier Jahren hatten wir die letzte Auszubildende als Schuhmacherin“, erinnert sich Gröger. Nächstes Jahr will er daher gemeinsam mit dem ISC in Pirmasens, dem deutschen Schuh-Kompetenzzentrum, einen dualen Ausbildungsgang starten. Das Handwerk sollen die jungen Leute am Stammsitz von Hanwag im oberbayerischen Vierkirchen erlernen, moderne und weltweit verbreitete Technologien in der Schule in Pirmasens.

Vaude-Chefin Antje von Dewitz geht einen ganz anderen Weg. In ihrer Manufaktur für Fahrrad-Taschen in der Nähe des Bodensees gibt die Outdoor-Unternehmerin Flüchtlingen eine Chance. Vaude-Konkurrent Ortlieb wiederum baut traditionell sämtliche Maschinen selbst und hat es so in der Hand, stärker zu automatisieren.

Das Familienunternehmen produziert seine wasserdichten Radtaschen und Rucksäcke ausschließlich im Großraum Nürnberg, einer Region, in der es bei Siemens, Adidas, Puma oder Schäffler Jobs en Masse gibt.

Es sei schwierig, Mitarbeiter zu finden, sagt Geschäftsführer Jürgen Siegwarth. Für ihn ist es ein Muss, ein angenehmes Arbeitsumfeld zu schaffen, zum Beispiel durch Firmenfahrräder. Offenbar mit Erfolg: „Wer einmal dabei ist, der bleibt lange“, sagt Siegwarth. Im Schnitt seien die Beschäftigten zehn Jahre bei Ortlieb.

Auf Glück angewiesen

Mitunter hilft es auch, einfach am rechten Ort zu sein. So wie Tecnica im österreichischen Mittersill. In der Berggemeinde unweit von Kitzbühel produziert das italienische Familienunternehmen Skier seiner Marken Blizzard und Nordica.

Die Jobs seien begehrt, sagt Entwicklungsleiter Manfred Reitsamer, weil die Leute geregelte Arbeitszeiten hätten. Denn die Alternative in der Urlaubsregion sei die Gastronomie, also Skihütten oder Hotels, mit der eher ungeliebten Abend- und Wochenendarbeit.

Es sind allerdings nicht nur die Produzenten, die um die Arbeitskräfte kämpfen müssen. Auch der Sporthandel ist gezwungen, sich etwas einfallen lassen. Philipp Simon ist Geschäftsführer von Bike Components und arbeitet mit einem Dienstleister zusammen, der Familien aus Osteuropa nach Aachen holt. Dort können die Menschen nicht nur bei dem Radversender arbeiten, sie bekommen gleich auch noch die Unterkunft gestellt.

Damit seien sie einerseits schnell einsatzbereit, andererseits zufriedener als wenn sie alleine im Ausland leben müssten. Der Online-Händler mit rund 80 Millionen Euro Umsatz sucht händeringend Personal fürs Logistikzentrum.

Hanwag-Chef Gröger wähnte sich jüngst schon mehr als glücklich, als ein begabter Schuster bei ihm in Vierkirchen anfing. Doch es sollte nicht sein. Der Mann kam aus Ghana, war Asylbewerber und wurde abgeschoben.

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