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Digitalisierung aus der eigenen Mitte Corporate Start-ups im Mittelstand

Das Team von Ioniq, der ersten Unternehmungsgründung des Corporate Start-ups „freiraum“ der Wagner Group in Markdorf. Quelle: PR

Frische Ideen, neue Ansätze: Mancher Mittelständler tut sich schwer, Innovationen im Unternehmen zu entwickeln. Corporate-Start-ups können helfen, das gesamte Unternehmen für die Zukunft fit zu machen.

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Wenn Valentin Langen auf Dienstreise geht, um seine Arbeit auf einer Bühne vorzustellen, dann hat er meist eine Deo-Dose dabei. Die nimmt er während seines Vortrags, zieht den Ärmel hoch und sprüht im Scheinwerferlicht darauf. Das Publikum sieht, wie die Tropfen den Raum füllen und an ihrem Ziel, dem Arm, vorbeischwirren und nutzlos davonschweben. Es sind dumme Tropfen. Langen arbeitet an intelligenten Tropfen. Welche, die ihren Weg auf die Haut finden, selbst wenn sie schon am Arm vorbei sind. Die Haut würde sie wie ein Magnet anziehen. Möglich macht das ein Gerät namens IONIQ. Die Tropfen des IONIQ Sprühers sind ein Sonnenschutzmittel, das sich dank der Größe der Tropfen gründlich in die Falten der Epidermis legen und einen optimalen Schutz bieten sollen.

Das ist eine Beschichtungstechnik. Eine, wie sie angewendet wird bei Felgen für Autos oder beim Auftragen von Wandfarben. Und für so ein Unternehmen arbeitet Langen. Es ist die Wagner Group aus Markdorf am Bodensee. Der Sprung von Lacken für Felgen zu Sonnenschutz ist auf den ersten Blick erstaunlich. Und doch nachvollziehbar, sobald das verbindende Element, die Sprühtechnik, klar ist. „Wir wollen bis 2025 das innovativste Unternehmen in unserer Branche sein“, sagt Guido Bergman, Geschäftsführer der Wagner Group, und formuliert damit keinen kleinen Anspruch für den Anlagenbauer mit seinen weltweit 1700 Mitarbeitern und rund 410 Millionen Euro Umsatz.

Auf einen Blick: Corporate Start-ups

Doch wie wird man innovativ in einem Stiftungsunternehmen mit langjährigen Mitarbeitern, etablierten Prozessen und einem klaren Portfolio? Valentin Langen kennt die Hürden und Mauern, über die man hinüber steigen muss oder gegen die man läuft, wenn sich innerhalb des Unternehmens eine auf den ersten Blick ungewöhnliche Idee entfalten will. Und sei es mit banalen Dingen. „Für einen Test benötigten wir 60 Kilogramm Zahnpasta. Das hat der Einkauf gar nicht verstanden“, sagt Langen.

Digitallabor, Innovations-Hub, Discovery-Room – das sind Begriffe für die Überraschungseier der Ideen innerhalb von Konzernen. Rund 230 solcher Einheiten betreiben deutsche Konzerne, darunter DAX-Unternehmen wie Lufthansa mit dem Innovations-Hub oder Daimler mit Lab 1886 oder Henkels X, aber auch jüngere Unternehmen wie der Biotech-Spezialist Qiagen mit seinem Digital Lab aus Hilden bei Düsseldorf. Die Idee ist grundsätzlich stets ähnlich: einem kleinen Team die Chance bieten, ungehindert von Einschränkungen und Vorgaben, (meist) digitale Geschäftsmodelle zu entwerfen. Zwischen drei und fast 200 Mitarbeitern haben diese Abteilungen.

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    Die Lufthansa hat zum Beispiel aus dem Innovations-Hub heraus das Portal AirlineCheckins.com entwickelt, das dem Nutzer das Einchecken bei mehr als 200 Fluglinien erleichtert. Viessmanns Labor Wattx verließen verschiedene Unternehmen rund um Blockchain oder Artificial Intelligence. Je digitaler, desto Corporate Start-up, scheint es.

    Das funktioniert auch im Mittelstand. „freiraum“ heißt bei der Wagner Group der Ort, an dem sich ein Team von vier Mitarbeitern bemüht, die bislang ungehobenen Schätze des Unternehmens in eine digitale Zukunft zu führen. Auch IONIQ arbeitet mit einer App. Sie ermöglicht es, dass verschiedene Hauttypen je nach aktueller Sonneneinstrahlung immer die passende Menge Sonnenschutzmittel bekommen. Es geht um mehr, als ein weiteres Produkt zu finden, fit machen für eine digitalisierte Welt ist der Antrieb der Digitallabore. Aus deren Gedanken-Experimenten im besten Fall eigenständige Unternehmen zu entwickeln.

    Für Thomas Sindemann von der Strategieberatung Infront Consulting sind Corporate Start-ups nicht auf Konzerne beschränkt. „Es gibt ganz praktische Chancen, als mittelständisches Unternehmen auch mit überschaubaren Mitteln aktiv zu werden und mehr zu machen, als nur die eigene Basis-IT schrittweise zu modernisieren“, schreibt Sindermann in einem Gastbeitrag in der „Badischen Zeitung“.

    Bei beschränkten Mitteln ist es in Markdorf nicht geblieben. Mit der neuen Tochter IONIQ wagt der Anlagenbauer den Schritt in ein Marktsegment, in dem er nicht zuhause ist, der Hautpflege und -schutz. Im Unternehmen ein Gespür dafür zu wecken, dass solche im wahrsten Sinne des Wortes Unternehmungen keine Abenteuer sind, ist keine leichte Aufgabe. Die Sorge, dass an einer Stelle des Unternehmens das Geld verbrannt wird, das vielleicht andernorts gebraucht wird, muss der Belegschaft genommen werden.

    Der „freiraum“ ist zwar nicht im Unternehmenssitz, sondern in der Zeppelin-Universität in Friedrichshafen angesiedelt. Start-up, Digital – das bedeutet meist Berlin. IONIQ ist aber aus dem „freiraum“ nicht ausgezogen, um in Berlin die Zelte aufzuschlagen, sondern zurück ins „Mutterschiff“ gegangen, wie Langen es nennt. Dort trifft die jüngste Unternehmenstochter auf die etablierten Strukturen und profitiert davon. „Die Geschäftsführung hat die Tochter IONIQ mit der Entwicklungsabteilung der Mutter in einer auferzwungenen Schnittstelle verheiratet. Diese hat andauernde Sprengkraft. Die Tochter hat ein anderes Tempo, Risiko und Visionsbild. Auf der anderen Seite, ist die Tochter aber auch Change-Motor für die Mutter über diese besondere Schnittsellen“, sagt Langen. Dieses Modell funktioniert aber nicht mit einer Trennung über große Entfernungen.

    Die Ausgliederung IONIQ ist somit sichtbar und präsent im Unternehmen verankert. Ein Erfolg ist erwünscht, erwartet und geplant, das Risiko zu scheitern am Ende dennoch einkalkuliert. „Wir haben verschiedene Entwicklungen im „freiraum“ in der Planung, die alle einen Bezug haben zu unserem Kerngeschäft. Was wir mit IONIQ gestern gelernt haben, können wir bei diesen Projekten heute schon anwenden“, sagt Guido Bergman. Gearbeitet wird unter anderem an Beschichtungen zur Steuerung von Produkten im Smart Home oder smarten Straßenmarkierungen für die Steuerung von autonom fahrenden Fahrzeugen.

    Wichtig für ein Unternehmen wie die Wagner Group sei es, dass die Ideen mit der Expertise des Unternehmens in Zusammenhang stünden, in diesem Falle alles, was man beschichten kann. „Es hat keinen Sinn, dass wir zum Beispiel darüber nachdenken würden, ein Auto zu bauen oder eine Restaurantkette zu eröffnen“, sagt Bergman.

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