WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Wie heizen wir morgen? Alternative flüssige Brennstoffe für die Wärmewende

Die Senkung der Treibhausgasemissionen und die Umstellung auf eine nachhaltige Energieversorgung gehören zu den wichtigsten energiepolitischen Zielen. Welche Rolle können flüssige Brennstoffe im Energiemix der Zukunft spielen?

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
© AdobeStock/yanlev

Die Bundesregierung sieht in ihrem „Klimaschutzplan“ vor, den Ausstoß von Treibhausgasen bis 2050 im Vergleich zum Jahr 1990 um 80 bis 95 Prozent zu senken. Langfristig sollen die Bereiche Industrie, Verkehr und Gebäude ihren Energiebedarf weitgehend mit Strom aus erneuerbaren Quellen decken. Den Anteil der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energieträgern will die Regierung bis 2030 auf mindestens 50 Prozent steigern – doch ist das Konzept wirklich zu Ende gedacht?

Energiemix für mehr Effizienz und Nachhaltigkeit

Viele Vertreter aus Industrie und Politik sehen eine Komplett-Elektrifizierung der Energieversorgung des Verkehr- und Wärmesektors skeptisch: Zu unüberschaubar sind die Kosten, gefährdet ist die Versorgungssicherheit, zu gering der Ertrag. Die Infrastruktur der erneuerbaren Energielieferanten ist noch längst nicht bereit: Es fehlen nach wie vor massentaugliche Lösungen, wie die stark fluktuierende Stromproduktion aus Wind und Sonne mit dem Strombedarf in Einklang gebracht werden kann. Dies macht einerseits einen teuren Stand-by-Betrieb an fossilen Reserve-Kraftwerken notwendig oder führt andererseits in erzeugungsstarken Zeiten sogar zu Strom-Überproduktion. Kann der Strom nicht in das Netz integriert werden – also über entsprechende Leitungen in benachbarten Regionen oder Länder transportiert und dort verbraucht werden – muss die Stromeinspeisung zeitweise abgeregelt werden. Verfügbarer erneuerbarer Strom bleibt dann ungenutzt. Der nicht produzierte Strom sorgt dennoch für Kosten, die über die Netzentgelte von den Verbrauchern gezahlt werden müssen: Allein im Jahr 2015 waren dies 480 Millionen Euro.

Wärmemarkt profitiert von alternativen flüssigen Brennstoffen

Für den Wärmemarkt bieten alternative flüssige Brennstoffe daher eine attraktive Perspektive. Denn die Emission von Treibhausgasen kann nicht nur durch hocheffiziente Heiztechnik oder eine angepasste Gebäudedämmung reduziert werden. Eine Treibhausgasminderung kann auch brennstoffseitig erfolgen. So gibt es zum Beispiel bereits heute Bio-Heizöl, dem flüssige Komponenten aus nachwachsenden Rohstoffen beigemischt sind.

Für die Zukunft wird an Prozessen gearbeitet, mit denen neue synthetische Brennstoffe erzeugt werden können. Wenn das Angebot erneuerbaren Stroms weiter wächst, könnten künftig zum Beispiel auch erneuerbar erzeugter Wasserstoff und Kohlendioxid zur Brennstoff-Herstellung genutzt werden. Dieses Verfahren nennt man Power-to-Liquids. Voraussetzung hierfür ist, dass ausreichend erneuerbarer Strom zur Verfügung steht. Laut Mineralölwirtschaftsverband (MWV) könnte das vor allem in den Ländern erfolgen, in denen Solarstrom durch deutlich mehr Sonnenstunden zu geringeren Kosten erzeugt werden kann.

Neben der Nutzung von erneuerbarem Wasserstoff werden derzeit viele verschiedene Ansätze zur Entwicklung neuer Brennstoffe verfolgt: Von A wie Algennutzung bis X wie XtL, worunter die Herstellung synthetischer flüssiger Kohlenwasserstoffe aus den unterschiedlichsten Kohlenstoffquellen, zum Beispiel aus Rest- und Abfallstoffen, verstanden wird.

Energiemix der Zukunft

Auf Basis dieser Forschungsansätze könnten die Vorteile flüssiger Brennstoffe künftig treibhausgasreduziert nutzbar sein, die Öl-Brennwerttechnik erhielte damit langfristig sogar eine klimaneutrale Perspektive. Speicherbare Energieträger können dadurch im Zusammenspiel mit fluktuierenden erneuerbaren Energieträgern eine wichtige Aufgabe im zukünftigen Energiemix übernehmen.

Ziel aktueller Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten ist es, innovative, effiziente und bezahlbare Lösungen für die Energiewende zu finden. Dazu zählen Wege, welche die Nutzung von mehr erneuerbaren Energien im Wärmemarkt ermöglichen – ohne jedoch die Versorgungssicherheit einzuschränken. Dazu bedarf es heute eines technologieroffenen Ansatzes, der keinen Lösungsweg von vornherein ausschließt.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?